RUDI DUTSCHKE
Geschichte ist machbar
Texte über das herrschende Falsche
und die Radikalität des Friedens
Herausgegeben von
Jürgen Miermeister
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
na.
Wagenbach: Taschenbuch 198
3.-4. Tausend April 1992
Neuausgabe 1991
© 1980, 1991 Verlag Klaus Wagenbach, Ahornstraße 4, 1000 Berlin 30
Umschlaggestaltung: Rainer Groothuis unter Verwendung eines Fotos
von Preben Tolstoy
Gesamtherstellung: Druckerei Wagner, Nördlingen
Printed in Germany. Alle Rechte Vorbehalten.
ISBN 3803121981
fci.
INHALT
7 Die bewußte Entscheidung des Individuums
(Aus dem Tagebuch)
9 Einladung zu einer urdeutschen Met-Shuffle
12 Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde
20 Eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt
nicht vom Himmel
27 Genehmigte Demonstrationen müssen in
die Illegalität überführt werden
39 Traurige und schöne Augenblicke
(Aus dem Tagebuch)
43 Besuch bei Georg Lukäcs
(Aus dem Tagebuch)
45 Ausgewählte und kommentierte Bibliographie
des revolutionären Sozialismus von Karl Marx
bis in die Gegenwart
61 Demokratie, Universität und Gesellschaft
76 Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivismus
erschlägt das zu emanzipierende Subjekt!
86 Keiner Partei dürfen wir vertrauen!
89 Das Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität
96 Besetzt Bonn!
100 Vom ABC-Schützen zum Agenten
104 Bisher konnte ich mich auf meine Beine
und Fäuste verlassen...
(Aus dem Tagebuch)
105 Die geschichtlichen Bedingungen für
den Internationalen Emanzipationskampf
(Rede auf dem Vietnam-Kongreß)
122 Rudi Dutschke, Josef Bachmann: zwei Briefe
126 Sozialdemokratischer Kommunismus, moderne
Macht und unsere Schwäche
(Aus dem Tagebuch)
129 Wir waren niemals eine Studentenbewegung
135 Schwierigkeiten mit Lenin
(Aus dem Tagebuch)
136 Pro Patria Sozif
140 Das wiedergewonnene Abenteuer
148 Sozialistische Tragödien bewältigen!
157 Die Internationalisierung der >Stammheime<
164 Subkultur und Partei
172 Ermordetes Leben
175 Abgelehnt
(Aus dem Tagebuch)
176 Die Glücksmänner
181 Eroberung und Befreiung stehen im Widerspruch
(Aus dem Tagebuch)
182 Nachwort
187 Biographie
189 Quellen
Die bewußte Entscheidung des Individuums
(Aus dem Tagebuch)
9. April 1963
Habe den polnischen Film »Der Kanal« von Andrzej
Wajda gesehen. In der letzten Woche davor täglich in der
»Amerikanischen Schule« (während der Küchenarbeit) mit
Thomas E. über den jetzigen und über den zukünftigen, dann
von der Entfremdung befreiten Menschen gesprochen. Im
Film sah ich nun den Menschen in der Kriegszeit, jenes »nicht
festgestellte« Tier - so meint jedenfalls Nietzsche.
Im »Kanal« erblickte ich, wie der Mensch im allergrößten
Schmutz und Morast Mensch bleibt - schon durch sein
Bewußtsein. Ich bekam dort Menschenkinder meines Alters
und noch jüngere zu sehen: wie die für die Freiheit ihres
Vaterlandes kämpften, töteten für ihre Heimat, starben . . .
Polen starben, Deutsche starben. Indem die Polen dies
vollzogen, vollzogen sie den Tribut an die historische
Notwendigkeit, der Notwendigkeit des Sieges über den
Faschismus. Die deutschen Soldaten, die auch für das Vater¬
land starben, so glaubten sie wenigstens, hatten nie eine
wirkliche Chance. Der »Weltgeist« (Hegel) tobte sich mit
Hilfe der »List der Vernunft« wieder einmal richtig aus und
kam zum Bewußtsein seiner selbst. Die Möglichkeit der
großen Wandlung auf dieser von Gott für uns geschaffenen
Welt lag in der Hand einiger »weltgeschichtlicher« Indivi¬
duen. Die versagten und versagen weiterhin.
Wenn die Geschichte nicht von Persönlichkeiten, sondern
von in der Materie liegenden Gesetzen gelenkt wird, so meint
jedenfalls die marxistische Geschichtsmythologie, dann kann
eigentlich nichts >schiefgehen<. Engels nähert am Ende seines
Lebens den Geschichtsprozeß weitgehendst dem Naturpro¬
zeß an, damit liquidiert er die bewußte freie Entscheidung des
Individuums, der Gruppe, der Partei usw. Alles wurde bei
Engels unvermeidlich .. .
Da der Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft, bei
Engels und den heutigen >Nachfolgern< eine beschlossene
Sache ist, braucht uns eigentlich die Gefahr eines Atomkrie¬
ges nicht zu schrecken. Die Denker eines solchen Unsinns
der Unvermeidlichkeit werden nie die Entfremdung des
Menschen aufheben. Entfremdung ist nicht nur durch die
scheinbare Verselbständigung der vom Arbeitenden geschaf¬
fenen Waren gegeben, nicht nur durch die Feindlichkeit
dieser von ihm produzierten Waren. Entfremdung ist für
mich auch Starrheit des Denkens, Geschlossenheit des Den¬
kens. Die Befreiung des Menschen ist nur durch wirkliche
Einsicht in die notwendigen Gegebenheiten des gesellschaft¬
lichen Lebens möglich. Eine Änderung der Besitzverhält¬
nisse ist nicht gleichbedeutend mit der Aufhebung der
Entfremdung.
Einladung zu einer urdeutschen Met-Shuffle
Es lädt ein: Hac(k)e(n) - Crux TEUTONICA - (schlagende
Verbindung) zu einer urdeutschen Met-Shuffle
Willkommen sind alle Neuimmatrikulierten, auch all die
Kommilitonen, die noch keinen Anschluß finden konnten. In
unserer Verbindung finden Sie eine Gemeinschaft, die hilfs¬
bereit alle individuellen Sorgen beseitigt und einen Kamerad¬
schaftsbund für das ganze Leben schafft, der immer dann
einspringen wird, wenn die weltliche Not unerforschlich und
auswegslos erscheint. Gerade in Berlin sind wir noch immer
durch Falschheit und Neid von linken Wirrköpfen der
Verleumdung preisgegeben, die unsere ehrwürdige Tradition
mit Dreck besudeln wollen. Das Gerede von den alten
Herren, die uns scheinbar gängeln, ist eine Mär, die in der
Garküche Ulbrichts entstanden ist. Unsere Gemeinschaft
pflegt seit ihrem Ursprung eine wahre, germanische Demo¬
kratie; bei uns ist man durch und durch unabhängig; Freiheit
ist unser Prinzip. Unsere Demokratie geht sogar so weit, daß
niemand gezwungen ist, sich zu schlagen oder Farben zu
tragen.
Die Förderer unserer Verbindung werden Ihnen helfen,
die richtige Einsicht zu finden; sie werden das Denken
formen, was die heutige Industrie von Ihnen fordert: Tüch¬
tigkeit, Fleiß und Eifer. Bei uns werden Sie auf Ihren späteren
Beruf vorbereitet und wir schaffen Ihnen die Stellen, die
Ihnen dank unserer Verbindungen weit offenstehen und
Ihrer Moral entsprechen. Ein glückliches und zufriedenes
Leben harrt auf Sie!
Wir stehen fest auf dem Boden eines liberalen Staates, wie
die Geschichte unserer Verbindung zeigt. Schon 1819 wurde
ein elender russischer Spion (Kotzebue) von einem Angehö¬
rigen der Korporationen erstochen; 1871 waren wir die
ersten, die das deutsche Reich bejubelten; 1914 eilten wir zu
den Fahnen, um dem bedrohten Vaterland zu helfen; 1933
beugten wir uns der Gewalt und wir gingen in die HJ, um
diese Organisation von innen auszuhöhlen; der uns aufge-
8
9
zwungene Krieg von 1939 fand uns wieder in der ersten
Reihe; 1945 konnten wir endlich dem Anstreicher unsere
Verachtung zeigen, denn wie hatte er seine Versprechungen
an die deutsche Industrie gehalten? Er hatte sie zugrunde
gerichtet!
Unsere Verbindungen entstanden unerschüttert wieder,
denn schon zeigte sich der Strudel, der die Hirne ins
Ausweglose riß und der schon in der Weimarer Zeit unsere
Verachtung verdiente. Bolschewismus und Pazifismus woll¬
ten den Eifer der deutschen Studenten hemmen. Die Indu¬
strie schrie förmlich nach unserer Erziehung untertänigen
Maßhaltens. Unsere Gönner unterstützten uns mit allen
Mitteln; ihr Wunsch wurde uns zur Verpflichtung! In
unserer Verbindung entsteht der ewig deutsche Mensch, der
sich der Führung anvertraut, der beharrlich, ohne aufzu¬
mucken, das deutsche Wunder schafft - ein Schrecken für die
Internationale Konkurrenz!
Die Einheit ist uns ein Herzbedürfnis, zu keiner Stunde
vergessen wir unsere Lieben in der Zone; aber wir warnen vor
jeder Überstürzung, die westdeutsche Industrie könnte leicht
harten Schaden erleiden. Vertrauen wir auf Erhard - »Ich ,
weiß von der tiefen Sehnsucht des deutschen Volkes, geführt
zu werden« ... Die Freiheit halten wir hoch, denn ohne freie
Konkurrenz kann keine Industrie bestehen, unser Profit
nicht entstehen!... Fromme Worte, gesalbte Einsicht und
Vertrauen in die bewährte Mannschaft ist das Gerüst unserer
Demokratie, denn Experimente können unseren Stellungen
gefährlich werden . .. Für das Recht kämpfen wir seit
unserer Entstehung; wir fordern eine neue Urabstimmung -
UNSER IST DAS RECHT!!
I. Vorsitzender: R. Dutschke (13 Mensuren); II. Vorsitzen¬
der: R. Gasche (10 Mensuren); I. Schriftführer: H. Nagel (7
Mensuren); II. Schriftführer: B. Rabehl (7 Mensuren)
Dieses Flugblatt wurde Anfang 1964 an der FU Berlin
verteilt; ironisch nahm es Bezug auf einige aktuelle Anlässe:
die durch Urabstimmung erzwungene Abwahl eines AStA-
Vorsitzenden, der Mitglied einer schlagenden Verbindung
war, sowie auf den Antrag einer Berliner Burschenschaft, als
förderungswürdige studentische Gruppe anerkannt zu wer¬
den. Das Flugblatt war die erste Aktion der ANSCHLAG-
Gruppe, der Berliner >Sektion< der Subversiven Aktion<
(München). In einer Tagebuch-Notiz (Ende Wintersemester
1963/64) schrieb Rudi Dutschke, der damals noch nicht
Mitglied des SDS war, dazu: »Mal hören, wie die vom SDS
und Argument-Club unsere Aktion, unsere kleine Provoka¬
tion gegen die Verbindungsleute des RCDS beachten. Die
vom RCDS reagierten ziemlich sauer im Audi-Max, als wir
uns zu Verbindungsleuten ernannten und versuchten, den
ganzen Spuk lächerlich zu machen. Einige drohten mit
Schlägereien, wagten es aber nicht. Ob wir uns lächerlich
gemacht haben, weiß ich nicht. Ein Komilitone sagte jeden¬
falls zu mir: Da sollten die vom SDS sich mal ein Beispiel
nehmen .«•
Konfirmation, im Kreise der Großfamilie (1954). Ganz hinten die drei älteren
Brüder
10
11
Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde
(Die Rolle der antikapitalistischen, wenn auch nicht soziali¬
stischen Sowjetunion für die marxistischen Sozialisten in der
Welt)
Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde; der Sozia¬
lismus ist weiterhin eine reale Kategorie des Noch-Nicht-
Seins, der durch den Kampf der revolutionären Kräfte im
Weltmaßstab in die gesellschaftliche Wirklichkeit gebracht
werden muß. Für die marxistischen Sozialisten in den
kapitalistischen Ländern ist das Bestehen einer dem Anspruch
nach sozialistischen, in Wirklichkeit aber »nur« antikapitali¬
stischen Sowjetunion eine ungeheure Belastung, die sich
allerdings im Augenblick revolutionärer Umschläge in zur
Zeit kapitalistischen Ländern - wir denken aktuell an die
lateinamerikanischen Länder - als wesentliche Stützkraft der
Revolution erweisen kann. Wir meinen hier nicht die Prädi¬
kate des kubanischen Beispiels, wo die direkte »Hilfe« der
Sowjetunion zu einer ernsthaften Krise der kubanischen
Revolution führte; wir denken vielmehr an selbständige, von
Moskau und Peking unabhängige Aktionen z. B. brasiliani¬
scher Sozialisten, die das faschistische Regime Branco stür¬
zen, die in Brasilien nicht zu umgehende Agrarrevolution in
Angriff nehmen, kurz, eine proletarische Revolution, die
Agrarrevolution als politischen »Aufhänger«, ä la 1917 in
Rußland, in Brasilien durchführen. In einem solchen Falle
wird die Existenz antikapitalistischer Länder (Sowjetunion,
Polen sowie die übrigen osteuropäischen Volksdemokratien,
natürlich auch die Volksrepublik China) eine direkte militä¬
rische Intervention kapitalistischer Länder erschweren bzw.
verhindern.
Die Niederlage der brasilianischen Arbeiter und Bauern
durch die faschistische Militärclique erscheint uns in der
Tendenz als »russisches 1905«. Das »russische 1917« in
Brasilien wird allerdings kaum noch 12 Jahre auf sich warten
lassen. Wir wissen, daß die Voraussetzung einer erfolgrei-
12
chen Revolution in Brasilien, die Schaffung einer disziplinier¬
ten und schlagkräftigen Avantgarde der Unterdrückten, noch
nicht erfüllt ist.
Es ging uns bei diesem Beispiel nur um die Rolle der
Sowjetunion für die Sozialisten in einem Lande, in dem die
Revolution möglich und notwendig ist, in einem Lande, das
infolge seines natürlichen Reichtums und seiner geographi¬
schen Lage ein von Moskau und Peking unabhängiges
Handeln viel eher zuläßt, als das z. B. in Kuba der Fall war.
Hier wird also das Bestehen einer antikapitalistischen, wenn
auch nicht sozialistischen Sowjetunion für die erfolgreiche
Revolution ein sehr wichtiges und positives Moment sein.
Weiterhin ist es unerläßlich, daß sich die westeuropäischen
marxistischen Sozialisten ihrer Weltvermitteltheit voll be¬
wußt werden, die scheinbar unbewegliche und jede von
Privatleuten (linke Professorenschaft) vorgetragene bzw.
publizierte kritische Aufklärung konsumierende sozialstaat¬
liche kapitalistische »Wohlstandsgesellschaft« als dialekti¬
sche Ergänzung zu den ungeheuren Veränderungen in La¬
teinamerika, Afrika und Asien zu begreifen. In einer Zeit, in
der wir erstmals von Weltgesellschaft sprechen können, geht
jede isolierte und partikulare Analyse fehl.
Was für eine Rolle spielt die Sowjetunion nun für die
Sozialisten in den hochentwickelten kapitalistischen Indu¬
striestaaten Westeuropas, für die marxistischen Sozialisten in
der Bundesrepublik, die in einer gesellschaftlichen Wirklich¬
keit leben, in der durch die systematische Entmündigung der
Massen die Begriffe Sozialismus, Kommunismus, Bolsche¬
wismus und Stalinismus fast unwidersprochen gleichgesetzt
werden?
Da bei jeder Diskussion mit dem Arbeiter in der Kneipe,
mit dem Christen in der Gemeinde, mit dem Studenten im
Seminar der sozialistische Gedanke - wir verstehen hier
1 darunter die Mündigmachung des Menschen und die Aufhe¬
bung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen -
mit der stalinistischen Ausprägung des Bolschewismus kon¬
frontiert bzw. gleichgesetzt wird, müssen wir uns (es ist hier
leider nur sehr beschränkt möglich) kurz mit der durch Stalin
geprägten Sowjetunion bis 1955 und der sogenannten Entsta-
linisierung auseinandersetzen.
I
Lenin sprach 1921 davon, daß die Kronstädter Matrosen,
die sich zwischen dem 2. und 8. März 1921 gegen die
Sowjetregierung erhoben - sie waren der gewaltigen, schon
vier Jahre dauernden revolutionären Belastungen müde, auch
gab es zahlreiche organisatorische und politische Fehlent¬
scheidungen der Petrograder Parteiorganisation sich zwi¬
schen zwei Stühle hätten setzen wollen. »Das zeigt die
Kronstädter Erfahrung. Dort will man die Weißgardisten
nicht, will man unsere Macht nicht - eine andere Macht gibt
es aber nicht.« Lenin meinte damit, daß die Kronstädter
weder Kommunismus (Sowjetregierung) noch Kapitalismus
(Zarenregierung bzw. Kerenskiregierung) wollten. Er
konnte sich 1921 tatsächlich nur die Welt in der dialektischen
Spannung zwischen absterbendem Kapitalismus und entste¬
hendem Sozialismus denken. Heute hat der Kapitalismus
neue Prädikate gewonnen, die allerdings seinen Grundwider¬
spruch - gesellschaftliche Produktion und private Aneignung
- nicht aufheben. Der Sozialismus, der im Gefolge der
siegreichen Oktoberrevolution in der Sowjetunion aufgebaut
werden sollte, endete u. a. infolge der Niederlagenreihe des
Proletariats in Europa und Asien in den zwanziger Jahren im
totalitären Stalinismus.
Um der Ziele der Revolution willen, nämlich der Beseiti¬
gung der Zarenherrschaft und der Herrschaft des Kapitals,
der Errichtung einer sozialistischen Sowjetunion, die Lenin
nur für möglich hielt durch eine Kette von sozialistischen
Revolutionen in den hochindustrialisierten Staaten Mitteleu¬
ropas (niemand konnte zu dieser Zeit die Verkehrung der
revolutionären Ziele durch die stalinistische Herrschaft vor¬
ausahnen), waren Lenin und Trotzki gezwungen, die ehe¬
maligen revolutionären Brüder, die Matrosen und Soldaten
von Kronstadt und deren Aufstand niederzuschlagen. Hier
hatte die repressive Gewalt, der Terror eine eindeutig aus der
Situation heraus zu rechtfertigende soziale Funktion. Es geht
uns nicht um eine Rechtfertigung jedweder Repression. Wir
marxistischen Sozialisten unterscheiden sehr genau zwischen
notwendigem und zusätzlichem Terror. Die Kriterien gewin¬
nen wir aus der marxistischen Bedingungsanalyse der jewei¬
ligen historischen- Situation. Niemand soll uns eines Antihu¬
manismus zeihen. Wieviel Terror (vom Gesinnungsterror bis
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zum physischen Terror) benötigt nicht schon ein bürger¬
lich-kapitalistischer Staat, um »seine Ordnung« aufrecht¬
zuerhalten? Ein Staat, der ein in der Weltgeschichte noch
nicht dagewesenes Gesellschaftssystem errichten möchte, der
gegen die ungeheure Kraft eingewurzelter,und anerzogener
Denkvorstellungen kämpfen muß, kann um so weniger auf
Repression verzichten. Unsere Analyse der Entwicklung der
Sowjetunion nach dem Tode Lenins, die sich, wir dürfen und
wollen es nicht verschweigen, sehr stark auf Leo Trotzki
stützt, zeigt den fortlaufenden Abbau der Kriterien marxisti¬
scher Analyse (konkrete dialektische, d. h. revolutionäre
Analyse der Grundlagen der eigenen Gesellschaft und ihrer
Weltvermitteltheit), zeigt die damit parallel laufende Ver¬
nichtung marxistischer »Bearbeitung« der sowjetischen Ge¬
sellschaft.
Nach 1923, nicht zuletzt durch die schon damals verfehlte
Moskau-Komintern-Politik, versandeten die revolutionären
Bewegungen in Europa. Die Sowjetunion blieb weiterhin
isoliert, was die Grundlage und Voraussetzung des stalinisti-
schen Sieges wurde.
Nach dem Verbot der Sowjetparteien, einer »Maßnahme
zum Schutz der Diktatur in einem rückständigen und
erschöpften, von allen Seiten von Feinden umgebenen Land«
(L. Trotzki, Kommunismus oder Stalinismus, 1947, S. 22),
hatte sich noch unter Lenin ein Fraktionsverbot innerhalb
der herrschenden Partei der Bolschewiki abgeschlossen. Es
galt die Auswirkungen (Entstehen kapitalistischer Kräfte)
der auf dem 10. Parteitag (1921) beschlossenen teilweisen
Rekapitalisierung (NEP) innerhalb der Kleindindustrie, des
Handwerks und der Bauernschaft durch besondere Ge¬
schlossenheit der Bolschewiki zu kompensieren.
Verbot der Sowjetparteien und Fraktionsverbot, von Le¬
nin und Trotzki eindeutig als temporäre Maßnahmen zum
Schutze der Ergebnisse der Revolution gedacht, wurden
unter Stalin systematisch ausgebaut und verschärft, wurden
zum Grundpfeiler seiner Innenpolitik. Dem nicht zu recht¬
fertigenden und den Sozialismus in der Welt diskreditieren¬
den zusätzlichen Terror der Stalinherrschaft lag keine sich
aus der internationalen und nationalen Situation ergebende
historische Notwendigkeit zugrunde, wie uns die Stalinisten
15
I
der Gegenwart, die es natürlich in Ost und West gibt, mit
aller Gewalt einprägen wollen. Wir wollen hier nicht die
Frage der Notwendigkeit einer Diktatur des Proletariats als
Übergangserscheinung zur sozialistischen Demokratie dis¬
kutieren. Für die Sozialisten in Mitteleuropa steht dieses
Problem aktuell nicht zur Debatte. Höchstwahrscheinlich
werden die sozialistischen Revolutionäre in den hochindu¬
strialisierten kapitalistischen Staaten neue Wege in der Pro¬
blematik einer sozialistischen Transformation ihrer Gesell¬
schaft erschließen müssen. Ein marxistischer Sozialist ist
Internationalist und treibt internationale Analyse, die ihn an
einem bestimmten historischen Zeitpunkt durchaus zwingen
könnte, das durch Jahrhunderte hindurch gedrillte bürgerli¬
che Bewußtsein, das geradezu zu einer zweiten Natur des
Menschen geworden ist, durch Zwangsmaßnahmen vielfäl¬
tigster Art (hart und weich) zu verändern. Diese Diktatur
muß in jedem Falle die Interessen der Mehrheit verkörpern,
die sich in der andauernden schöpferischen Mitarbeit der
Massen an der Gestaltung ihrer Gesellschaft (das Reich der
Freiheit) ausdrücken müssen. »Die Diktatur des Proletariats
ist ein zäher Kampf . . . gegen die Mächte und Traditionen
der alten Gesellschaft« (Lenin, Bd. 31,1959, S. 29). Sie »bildet
die Brücke zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen
Gesellschaft. Ihrem Wesen nach ist sie somit zeitlich be¬
grenzt. .. . Sehr wesentliche Aufgabe des Staates, der die
Diktatur ausübt, besteht darin, seine eigene Aufhebung
(damit auch die Aufhebung der Diktatur, A. J.) vorzuberei¬
ten ... Ein Prüfstein für die erfolgreiche Durchführung der
Hauptmission: den Aufbau der klassenlosen und von mate¬
riellen Widersprüchen freien Gesellschaft« (Trotzki, Die
verratene Revolution, 1957, S. 54).
Bei Stalin wurde die Diktatur, die zweifellos in Theorie
und Praxis »nur« eine Übergangserscheinung sein darf, eine
manifeste, kaum vom deutschen Faschismus zu unterschei¬
dende totalitäre Herrschaft. ». .. Stalinismus und Faschis¬
mus stellen trotz der tiefen Verschiedenheit ihrer sozialen
Unterlagen symmetrische Erscheinungen dar. In vielen Zü¬
gen sind sie einander erschreckend ähnlich. Eine siegreiche
revolutionäre Bewegung in Europa würde nicht nur den
Faschismus, sondern auch den Sowjetbonapartismus er-
16
schüttem.« So schrieb Leo Trotzki in seinem schon erwähn¬
ten Buch »Verratene Revolution«, -das erstmalig 1936 er¬
schien.
Der sich also Ende der 20er Jahre herausbildende Stalinis¬
mus, der die'Liquidierung der besten Kräfte der russischen
Revolution (Trotzki, Bucharin, Kamenjev, Sinovjev, Radek
u.a.m.) mit sich brachte, findet seinen makabren Höhepunkt
in den grauenvollen, rein negativen, keinen Stachel des
Fortschritts in sich tragenden Massenmorden der 30er und
40er Jahre. Die Aufsaugung der bolschewistischen Kader
durch den Staatsapparat in den 20er Jahren hatte die soziali¬
stische Demokratie in der Partei und in den Betrieben
durchlöchert. Die Ausrottung der verbleibenden Kämpfer
für den sozialistischen Internationalismus tötete die radikal¬
demokratische, d.h. sozialistische Intention der bisher grö߬
ten Revolution der Welt. Die Sowjetunion - dies gilt es
unbedingt festzuhalten - ist kein kapitalistischer Staat; sie ist
auch nicht als staatskapitalistischer Staat zu verstehen. In der
Sowjetunion sind die Produktionsmittel vergesellschaftet,
und die Macht der kapitalistischen Konzerne ist für immer
gebrochen. Ist aus der antikapitalistischen Bestimmung der
Sowjetunion der sozialistische Charakter dieses Staates auto¬
matisch zu schließen? Mitnichten! Die Antwort auf diesen
Fragenkomplex kann nur die konkrete marxistische Analyse
der revolutionären Bewegungen der Welt und der faktischen
Produktions- und Machtverhältnisse innerhalb der Sowjet¬
union beantworten. Wenn der Charakter der Besitzverhält¬
nisse das ausschließliche Kriterium für den Charakter des
Staates ist, warum hat Stalin dann zwischen 1925 und 1930
mit Trotzki den gewaltigen Kampf um die Möglichkeit des
Aufbaus des Sozialismus in einem Lande geführt? Die
Sowjetunion wäre doch, laut Besitzverhältnissen, schon
eindeutig sozialistisch gewesen.
1964 sind in der Sowjetunion die ökonomischen Vorausset¬
zungen zum Aufbau <les Sozialismus vorhanden (hochent¬
wickelte Industrie und relativ hoher Spezialisten-Bildungs-
stand). Den Anhängern des Stalinismus, die darauf hinwei-
sen, daß Stalin diese wirtschaftlichen Voraussetzungen'ge-,
schaffen hat, halten wir entgegen, daß bei einem weiteren
Ausbau der sozialistischen Demokratie sowohl die Industria-
17
lisierung als auch die vom Sozialismus nicht zu trennende
Humanisierung und Mündigmachung der sowjetischen Ge¬
sellschaft erfolgt wäre. Durch die Politik Stalins, die zu einem
»Unsichtbarwerden der sozialistischen Perspektive in der
Welt« (Lukäcs, Forum, April 1964, S. 182) führte, ist der Idee
von der Befreiung des Menschen kaum übersehbarer Schaden
zugefügt worden. Es fehlen in der heutigen Sowjetunion
noch vollständig die politischen Voraussetzungen für den
Aufbau des Sozialismus, nämlich schonungslose Abrech¬
nung mit der eigenen stalinistischen Vergangenheit. Wie
kann sich in der Sowjetunion der sozialistische Humanismus
durchsetzen ohne vollständige Enthüllungsanalyse der rei- f
nen Negativität der Massenmorde, der Liquidierung des
radikal-demokratischen Potentials der Bolschewiki? Die j
Rehabilitierung der besten Söhne der Revolution (Trotzki,
Bucharin, Radek u.s.w.) wäre der erste Schritt zur Uberwin-
düng der stalinistischen Auswüchse. Wir können die Sowjet¬
union nicht als sozialistische Gesellschaft anerkennen, so¬
lange der Stalinismus mit allen seinen Prädikaten nicht
radikal in der sowjetischen politischen Praxis verschwunden
ist. Das Umbetten Stalins, das Abreißen seiner Denkmäler ist >
für uns kein Indiz einer durchgeführten Entstalinisierungü ■
Wir lassen uns hierbei leiten vom dringenden Appell des >
ehrlichen Marxisten Georg Lukäcs: ». . . kritische Bestands¬
aufnahme der Gegenwart. . . Dabei ist als Voraussetzung die
Abrechnung mit dem Stalinschen Erbe für die sozialistische
Weltanschauung evident. ..« (Forum, April 1964, S. 183).
Ein Chruschtschow bleibt hinter dieser Forderung weit
zurück, wenn er sagt: »W.I. Lenin hat Stalin für einen
Marxisten, für einen hervorragenden Funktionär unserer
Partei, der derRevolution ergeben ist, gehalten . .. Die Partei
hat die groben Verletzungen von Lenins Normen des Partei- ,
lebens, die Stalin zugelassen hat, die Willkür und seinen
Mißbrauch der Macht verurteilt und verurteilt sie jetzt. Bei ,
all dem würdigt die Partei in angemessener Weise die
Verdienste Stalins vor der Partei und der sozialistischen
Bewegung. Wir sind auch jetzt der Meinung, daß Stalin dem
Kommunismus ergeben war; daß er ein Marxist gewesen ist.
Das kann man und darf man nicht leugnen . . . Als man Stalin
beisetzte, hatten viele, darunter auch ich, Tränen in den
Augen. Das waren aufrichtige Tränen.« (Pravda, 10.3.1963).
Lenin kannte Stalin als den revolutionären Kämpfer, der in
Petrograd, Moskau, Baku und Astrachan als Organisator der
bolschewistischen Partei tätig war, der den Sieg über Kol-
tschak bei Zarizyn im Bürgerkrieg erkämpfte. (Wir wollen
hier von den sehr kritischen Äußerungen Lenins über Stalin
in seinem »Testament-Brief« absehen.) Wir kennen und
schätzen diesen Stalin, wir wissen aber auch von einem Stalin,
der mit den brutalsten Mitteln die Landwirtschaft kollekti¬
vierte, dabei Millionen von sowjetischen Bürgern sinnlos
ermordete, von einem Stalin, der in riesigen Schauprozessen
die »Garde der Revolution« zum Tode verurteilte, der die
Sowjetunion zu einem Hort der Angst werden ließ,
Wie kann der Vorsitzende einer marxistischen Partei über
den Zerstörer des Ansehens des Sozialismus in der Welt
solche Worte verlieren?
Wir wissen nicht, ob in der Sowjetunion während der
nächsten Jahre der Stalinismus überwunden wird, der sozia¬
listische Humanismus durchbrechen wird. Wir wissen aller¬
dings aus der Analyse der vergangenen und gegenwärtigen
sowjetischen Gesellschaft, daß seit ca. 1925 keine echte
marxistische Analyse dort betrieben wurde. Marxistische
Dialektik, d. h. revolutionäre Aufdeckung und Beseitigung
der in der Gesellschaft bestehenden Widersprüche, wurde im
Interesse der Machterhaltung der Bürokraten und Techno¬
kraten ausgeschaltet. Die Revision des Marxismus findet
ihren Ausdruck in einem an die Sozialdemokratie erinnern¬
den Reformismus: »An die Stelle der Theorie ist die Büro¬
kratie, an jene der Aufklärung und humanistischen Erzie¬
hung die Sorge um das funktionieren« des Bestehenden
getreten.« (L. Kofler, Der proletarische Bürger, 1964, S. 7).
Das Bestehende ist zwar ein antikapitalistischer, aber, wie wir
zeigten, noch durchaus kein sozialistischer Staat. Das Volk
von Radistschew, Pestei, Puschkin, Lermontov, Herzen,
Belinskij, A. Uljanov, Trotzki, Gorki und Lenin hat so viel
Großes in seiner Vergangenheit, hat so große Pespektiven für
seine Zukunft, daß es keinen Grund hat, vor einer scho¬
nungslosen Abrechnung mit einer gefährlichen Vergangen¬
heit und ihrem schädlichen, gefahrdrohenden Erbe zurück¬
zuschrecken!
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Eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt nicht vom
Himmel
(Uber das Verhältnis von Theorie und Praxis)
»Der wichtigste Faktor des Zerfalls des kapitalistischen
Systems«, schrieb der russische Revolutionär Bucharin in
seinem Buch »Die Ökonomik der Tränsformationsperiode«
(1921), »ist die Auflösung der Verbindung zwischen den
imperialistischen Staaten und ihren zahlreichen Kolonien«.
War diese Feststellung zu seiner Zeit schon in Ansätzen
sichtbar, so ist sie für uns heute offenbar. Nationalaufstände,
Kolonialaufstände, kurz, nationale Befreiungskriege zwan¬
gen in den meisten Fällen die ehemaligen Kolonialherren zur
Aufgabe ihrer sichtbaren Herrschaft; in diesen Ländern
geblieben ist noch die versteckte ökonomische Machtstel¬
lung, die die neuen Staaten weiterhin in Abhängigkeit hält.
Diesem weltpolitisch so entscheidenden Prozeß des Zerfalls
des ehemaligen Kolonialreiches läuft parallel ein Prozeß einer
gewissen Auflösung des ehemals durch Gewalt monolithisch
gehaltenen Ostblocks. Wir können sogar von einer Verschie¬
bung der Achse der Weltwirtschaft sprechen, denn die sich
von der Unterdrückung und Bevormundung fremder Mächte
befreienden Nationen entfalten sich immer mehr zu eigen¬
ständigen Faktoren der Weltwirtschaft, die sich mit den
»Resten« des »Profitkuchens« nicht mehr zufrieden geben,
was wiederum zu gewaltigen »volkswirtschaftlichen«
Schwierigkeiten, nämlich Profitschwierigkeiten innerhalb
der ehemaligen Kolonialländer führt, die allerdings in gewis¬
ser Weise durch Kapitalexport und »Entwicklungshilfe«
kompensiert werden können. Kapitalexport und »Entwick¬
lungshilfe« führen über kurz oder lang - starke Ansätze sind
schon in Lateinamerika und Afrika, natürlich auch schon in
Asien (Indien, Indonesien) sichtbar - zur Herausbildung
eines riesigen Proletarierheeres, das bei entsprechender »Be¬
arbeitung« durch revolutionäre Eliteparteien (Avantgarde),
ich denke z. Z. besonders an Lateinamerika, wo die revolu¬
tionäre Stoßkraft des entstehenden Industrieproletariats
nicht durch den Taumel über die nationale »Unabhängigkeit«
(wie in Afrika) verdrängt werden kann, die »Schlüsselkraft«
der Revolutionierung eines Kontinents sein wird - damit
Ausgangspunkt einer gewissen Strukturveränderung der
Welt. Denn es ist einsichtig, daß ein sozialistischer Kontinent
Lateinamerika auch die scheinbar starren Gesellschaften der
hochentwickelten kapitalistischen Staaten nicht unberührt
lassen wird.*
In diesem Augenblick wird vielleicht nicht mehr der
revolutionäre Gedanke des europäischen Revolutionärs al¬
lein zur Wirklichkeit drängen, sondern die europäische
Wirklichkeit wird zum revolutionären Gedanken drängen.
Bei Marx heißt es in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie: »Die Revolutionen bedürfen nämlich
eines passiven Elementes, einer materiellen Grundlage. Die
Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht,
als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. Wird nun
dem ungeheuren Zwiespalt zwischen den Forderungen des
deutschen Gedankens und den Antworten der deutschen
Wirklichkeit derselbe Zwiespalt der bürgerlichen Gesell¬
schaft mit dem Staate und mit sich selbst entsprechen?
Werden die revolutionären Bedürfnisse unmittelbar prakti¬
sche Bedürfnisse sein? Es genügt nicht, daß der Gedanke zur
Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum
Gedanken drängen.«
Müssen wir für uns heute den Zwiespaltgedanken von
Staat und Gesellschaft ablehnen - Staat und Gesellschaft
bilden in der Gegenwart eine Identität so gelten die anderen
Sätze unumschränkt. Unsere Gedanken, die zur Wirklichkeit
drängen, auf Verwirklichung des Gedankens aus sind, müs¬
sen auf eine Wirklichkeit treffen, die schon so in Bewegung
geraten, so schwanger von Enthüllungswillen ist, daß der
revolutionäre Gedanke, die revolutionäre Theorie, »nur«
* Wie wenig von Sozialismus in Osteuropa und der Sowjetunion, von der
Volksrepublik China ganz zu schweigen, die Rede sein kann, ersehen wir
unter anderem an der neuen Schulgesetzgebung in Polen und der DDR, die
in kürzester Frist die Schüler und Studenten in den Produktionsprozeß
integriert und jede Selbständigkeit des Denkens über Gesellschaft, kritisches
Denken überhaupt, beim »zukünftigen Menschen« ausschließt.
20
21
noch der Ausdruck der Bewußtwerdung und Bewußtma-
chung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, unmittelbar,
von den Massen ergriffen, zur »materiellen Gewalt« wird.
Solch eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt natürlich nicht
vom Himmel, sondern ist der Ausdruck der objektiven und
subjektiven Dialektik des geschichtlichen Prozesses, soll
heißen, Ausdruck der Entfaltung der Produktionskräfte in
der Welt und Ausdruck der revolutionären Aufklärungstä¬
tigkeit der Avantgarde der Menschheit, der Avantgarde des
potentiellen und teilweise aktuellen Proletariats. Die Basis¬
kraft der zukünftigen Gesellschaft, die von der Avantgarde
»bearbeitet« wird, kann nur die Klasse von Menschen sein,
die sich als identisches Subjekt-Objekt der kapitalistischen
Gesellschaft begreift und erfährt. Marx fand in der frühka¬
pitalistischen Gesellschaft im Industrieproletariat dieses
identische Subjekt-Objekt, damit zwar nicht den Träger der
bisherigen Weltgeschichte, aber den Träger und Gestalter der
kapitalistischen Gesellschaft. Heute ist es in den hochent¬
wickelten Industriestaaten Mitteleuropas unüblich gewor¬
den, vom Proletariat zu sprechen, obwohl wir per definitio-
nem, nämlich das Nichthaben von Produktionsinstrumenten
als charakteristisches Merkmal, durchaus den Begriff Prole¬
tariat sinnvoll benutzen können und müssen. Das potentielle
Proletariat ist vorhanden, es fehlt die Bewußtmachung der in
dieser mitteleuropäischen Gesellschaft steckenden Möglich¬
keiten den potentiellen Proletariern gegenüber. Hier muß die
permanente Aufklärungs- und Enthüllungsanalyse der ak¬
tuell und bewußt-revolutionären Kräfte einsetzen. In »Ge¬
schichte und Klassenbewußtsein« (1923) von G. Lukäcs heißt
es noch: »Die Theorie dient dazu, das Proletariat zum
Bewußtsein seiner Lage zu bringen, d. h. es zu befähigen, sich
selbst zu erkennen.« Diese Bewußtwerdung soll dann die
treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung sein.
In den hochentwickelten Industriegesellschaften des We¬
stens erfährt sich das potentielle Proletariat kaum noch als
Objekt im alten Sinne, d.h. als denkendes Tier, das vom
animalischen Hungertod täglich bedroht ist. Die sozialstaat¬
liche Befriedigung der Bedürfnisse garantiert in »wohlstands¬
gemäßer« Weise die Bedingungen der Reproduktion des
Lebens (von zukünftig durchaus möglichen Krisen und
22
Inflationen in der EWG u.a.m. möchte ich absehen, weil die
Betonung der Möglichkeit von Krisen sehr oft die Hoffnung
auf die Krise, damit Warten auf die Krise impliziert). Der
I Objektcharakter des potentiellen Proletariats wird heute in
[ der Bundesrepublik z. B. in der »wahlperiodischen Neuin-
! szenierung einer politischen Öffentlichkeit« (Habermas), in
j der es als Basiskraft benutzt wird, um Einzelpersonen zur
Macht zu verhelfen. Allgemein gesprochen: der Objektcha¬
rakter des potentiellen Proletariats wird in den heutigen
kapitalistischen Industriegesellschaften des Westens in allen
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sichtbar, nur wird er
nicht im unmittelbaren animalischen Hunger erfahren. Eine
dialektische Analyse der gegenwärtigen mitteleuropäischen
»Wohlstandsgesellschaft« kann allerdings nicht umhin fest¬
zustellen, daß die sozialstaatliche Bedürfnisbefriedigung ein
Korrelat zu der frühkapitalistischen Ausbeutung der Arbei¬
ter und Bauern in Lateinamerika, Afrika und Asien ist. Heute
haben wir tatsächlich eine Zweiteilung der Welt erreicht (ich
denke hier nicht an die Verbalwahrheiten von der Trennung
, der Welt in kapitalistische und sozialistische Länder), näm-
1 lieh die Trennung der Welt in reiche und arme Länder. War
| in der frühkapitalistischen Phase des heutigen Imperialismus
| die Trennung zwischen arm und reich innerhalb eines Landes
offensichtlich, man sprach nicht umsonst von den zwei
1 Nationen eines Landes — so hat sich dieser Widerspruch des
i Kapitalismus auf der erweiterten Basis der Welt reproduziert.
(Der auf der vor kurzem beendeten Welthandelskonferenz
ausgehandelte Kompromiß konnte den heutigen Grundwi-
j derspruch zwischen den Industriestaaten und den »Entwick-
k lungsländern« nicht überbrücken). Überspitzt gesagt, das
hochindustrielle Mitteleuropa (West) konsumiert, produ-
i ziert natürlich auch, weil die nichtentwickelten Länder
bisher, teilweise weiterhin, billige Rohstofflieferanten und
Abnehmer von teuren Fertigwaren sind. Für die Revolutio-
1 näre in Mitteleuropa haben diese Tatbestände natürlich große
1 Folgen. Die Hauptfolge ist, daß jede Analyse bundesrepubli¬
kanischer Gesellschaft z. B. völlig daneben gehen muß,
i geradezu reaktionär wird, wenn sie von der internationalen
’ Vermitteltheit der scheinselbständigen Momente der Natio¬
nalstaaten absieht.
23
Ja, Hegel konnte noch zwischen 1810 und 1830 schreiben
»Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn
Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte..
Europa bildet das Bewußtsein, den vernünftigen Teil der
Erde, das Gleichgewicht von Strömen, Tälern und Gebirgen
— dessen Mitte Deutschland ist.« Weder Deutschland noch
Europa sind in der Gegenwart die Träger der Weltgeschichte.
War Europa in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhun¬
derts schon unendlich vermittelt und verflochten mit der
Weltwirtschaft, so sind heute die letzten Anzeichen einer
Scheinselbständigkeit der mitteleuropäischen Länder ver¬
schwunden. Der beste Bolschewik nach Lenin, Trotzki, sagte
1929, d. h. nach seiner Ausschaltung in der Sowjetunion, in
seinem Buch »Die internationale Revolution und die Kom¬
munistische Internationale«: »In unserem Zeitalter, welches
ein Zeitalter des Imperialismus, d. h. der Weltwirtschaft und
der Weltpolitik ist, welche durch das Finanzkapital be¬
herrscht werden, vermag keine einzige nationale Sektion ihr
Programm lediglich oder auch nur vorwiegend aus den
Bedingungen und Tendenzen der nationalen Entwicklung
heraus aufzubauen« (1929, S. 13). Wir gehen mit Friedrich
Tomberg konform, wenn er im »Argument« Nr. 26 (S. 47)
sagt: »Es steht aber nirgendwo geschrieben, die Geschichte
habe erst die Bewilligung der Europäer einzuholen, ehe sie
sich anschicke fortzuschreiten.« Wie sehr Europas Gewicht
innerhalb der Weltgesellschaft gefallen ist, wird u. a. daraus
ersichtlich, daß der Anteil Westeuropas (England, West- und
Mitteleuropa) an der industriellen Weltproduktion in der
Zeit von 1860 bis 1960 von ca. 80% auf rund 25% in der
Gegenwart zurückgegangen ist.
Jeder kritische Denker mitteleuropäischer bzw. bundesre¬
publikanischer Gesellschaft, der die vermittelten Kategorien
Europa bzw. Bundesrepublik unvermittelt und isoliert zu
Subjekten ohne weltgesellschaftliche Prädikate macht, fällt in
den »Verblendungszusammenhang« zurück, den er ent¬
schleiern möchte, nimmt er doch nicht die Gewalt einer
dialektischen Analyse der in dieser Epoche welthistorisch
relevanten Kräfte auf sich, um daraus praktische Folgerungen
zu ziehen. »Wir stehen mitten im Werden, im Sich-Heraus-
bilden der Weltgeschichte, eben nicht darum, weil alle
24
Staaten und Nationen umeinander wissen, sondern darum,
weil sie einander beeinflussen, in Zukunft mehr und mehr
beeinflussen« (F. Stemberg, Wer beherrscht die zweite
Hälfte des 20. Jahrhunderts?, 1961, S. 339).
Für den kritischen Denker, der die Faktizitäten des jeweils
eigenen Staates durch das Totum (Welt - als vermittelter
Einzelinhalt) konkret vermittelt weiß, für den das objektive
Moment der Entfaltung der Produktivkräfte in der Welt
nicht zu trennen ist von der subjektiven Tätigkeit der
aufklärerisch-revolutionären organisierten Avantgarde, ist
ein »Stillstand der Geschichte« als Resultat einer dialekti¬
schen Analyse unmöglich. Ich muß jedem, der von einem
»Stillstand der Geschichte«, von »Aufdeckung von Repres¬
sion festigt Repression« usw. spricht, vorwerfen , daß er 1)
partikulare, d. h. falsche Analyse von nationalstaatlichen
Gesellschaften als »letzte Weisheiten« einem »unbearbeite¬
ten« Publikum darbietet, daß er 2) die organisierte Kraft von
Menschen als bestimmendem Faktor der geschichtlichen
Entwicklung »vergißt«.
Eine »konkrete« Analyse der Bundesrepublik, die zu dem
Ergebnis kommt, daß »die gesellschaftlichen Mechanismen
j so reibungslos ineinandergreifen, daß sie zulassen können,
‘ daß die Wahrheit über sie ausgesprochen wird. Bewußtsein
■ greift nicht mehr ein«, ist falsch und gefährlich, mißachtet sie
j doch die tiefen Erfahrungen der bisherigen Weltgeschichte,
in der gesellschaftliche Wahrheiten in Form einer Theorie nur
dann unmittelbar gesellschaftliche Wirklichkeit veränderten,
* wenn sie von organisierten Massen konkret getragen wurden.
Die herrschenden Kreise der Bundesrepublik billigen dem
kritischen Bewußtsein von Privatleuten, die keinerlei poli¬
tisch-gesellschaftlich relevante Kraft darstellen, jedes nur
, gewünschte Reservat zu. ». . . professionelle Dialoge vom
Katheder, Podiumsdiskussionen, round table, show - das
Räsonnement der Privatleute wird zur Programmnummer
der Stars in Funk und Fernsehen, wird kassenreif zur
Ausgabe von Eintrittskarten, gewinnt Warenform auch noch
da, wo auf Tagungen sich jedermann >beteiligen< kann. Die
Diskussion, ins >Geschäft< einbezogen, formalisiert sich;
1 Position und Gegenposition sind im vorhinein auf gewissen
Spielregeln der Darbietung verpflichtet; Konsensus in der
* 25
f
Sache erübrigt sich weitgehend durch den des Umgangs ... j
Das derart arrangierte Räsonnement erfüllt gewiß wichtige
sozialpsychologische Funktionen, vorab die eines quietiven J
Handlungsersatzes« (J. Habermas, Strukturwandel der Öf¬
fentlichkeit, 1962, S. 182). Weiterhin ist es notwendig, daß 1
besonders für die deutsche Analyse die 30jährige Verhül¬
lungstätigkeit der bedeutendsten deutschen Arbeiterparteien j
(SPD, KPD, NSDAP) als bedingendes Moment gegenwärti¬
ger »Immunität« der Massen gegenüber gesellschaftlichen t
Wahrheiten herangezogen wird. Das in den meisten Klassen ^
der 80er und 90er Jahre im 19. Jahrhundert bis in die 30er
Jahre des 20. Jahrhunderts vorhandene tiefe Wissen um die '
Herr-Knecht-Problematik, das Wissen um die Widersprüche
in Mitteleuropa, ist in den letzten dreißig Jahren einer 1
ungeheuren Entmündigung der arbeitenden Schichten des
Volkes gewichen. ,
Es gibt in der Bundesrepublik auch heute ausgezeichnete
Analysen, die in der Hauptsache von der »institutionalisier¬
ten Kulturkritik« (Adorno, Horkheimer) und der »linken
Professorenschaft« (H. Bahrdt, v. Friedeburg, Lieber, Ha¬
bermas, Bloch u.a.m.) geleistet werden. 1
Wir fragen uns allerdings, wie es möglich ist, daß bei diesen
hervorragenden Denkern die in der gegenwärtigen bundes- j
republikanischen Wirklichkeit völlig unverständliche Tren¬
nung von Denken und Sein, von Theorie und Praxis, j
weiterhin durchgehalten werden kann?!
Dieser Text ist ein Beitrag zu den Differenzen, die 1964 in der }
>,Subversiven Aktion< bzw. der>ANSCHLAG-Gruppe< (ihrer i
Berliner >Sektion<), deren Mitglied Rudi Dutschke war, [
auftraten. Rudi Dutschke wendet sich hier zum ersten Mal
polemisch gegen eine Strömung, die die traditionellen klassen- J
analytischen Bestimmungen für unzureichend erklärte und
die These entwickelte, der sog. Überbau - der in der i
klassischen marxistischen Lehre eine untergeordnete Rolle
spielt - habe heute selber materielle Bedeutung gewonnen
(z. B. in der Kulturindustrie): den Alltagserfahrungen komme
eine neue revolutionäre Bedeutung zu.
26 I
1
1
Genehmigte Demonstrationen müssen in die Ille¬
galität überführt werden
(Brief zum Münchner Konzil der »Subversiven Aktion«, April
1965)
Die bisher nicht erfolgte Fertigstellung von Anschlag 3 ist
ein Indiz für meine Vermutung, daß wir in einer theoreti¬
schen Krise stecken, die nur durch konsequente und syste¬
matische theoretische Anstrengung überwunden werden
kann. Die theoretische Krise bezieht sich »nur« auf die
Revolutionstheorie, stelle ich doch damit nicht die indivi¬
duell-fruchtbaren Arbeiten über verschiedene Themata in
Frage. Verstehen wir uns weiterhin als revolutionäre Gruppe,
so hat sich dies in erster Linie (unter unseren spezifischen
Bedingungen, wovon noch später die Rede sein wird)
theoretisch auszuweisen im richtigen Bewußtsein einer Pra¬
xis, die die Veränderung der Welt zum Ziele hat, »Die
konkreten Bedingungen für die Verwirklichung der Wahr¬
heit mögen variieren, aber die Wahrheit bleibt dieselbe
(Aufhebung der Arbeit, die Verwendung der vergesellschaf¬
teten Produktionsmittel für die freie Entwicklung aller
Individuen, R. D.), und die Theorie bleibt in letzter Instanz
ihr Hüter ... die Praxis folgt der Wahrheit, nicht umge¬
kehrt.« (H. Marcuse, Vernunft und Revolution, Darmstadt
1962, S. 282).
Methodische Vorbemerkung:
Die Kritik der politischen Ökonomie, die theoretische
weltrevolutionäre Tätigkeit, »ist methodologisch auf die
Hegelsche Lehre von der Auflösung der Unmittelbarkeit
durch die Aufzeigung der historischen Vermittlungskatego¬
rien durch die konkrete, historische Genesis begründet.« (G.
Lukäcs, Moses Hess und die Probleme der idealistischen
Dialektik, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus,
1926, S. 149). Sie ist bei Marx durch eine Reihe von
27
Kategorien bestimmt, deren Reihenfolge weder logisch noch f
historisch festgelegt ist, sondern deren Folge sich bestimmt I
»durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen f
Gesellschaft aufeinander haben.« (K. Marx, Zur Kritik der !
politischen Ökonomie, Ost-Berlin 1958, S. 265). Damit 1
erhielt die materialistische Dialektik durch Marx das von '
Hegel noch unauffindbare Realfundament. »Die Kritik der
politischen Ökonomie steht nicht mehr als eine Wissenschaft
neben den anderen, ist nicht bloß als »Grundwissenschaft«
den anderen übergeordnet, sondern sie umfaßt die gesamte
Weltgeschichte der »Daseinsformen« (der Kategorien) der
menschlichen Gesellschaft.« (G. Lukäcs, Moses Hess, a.a.O.,
S. 152). Die materialistische Dialektik der Gegenwart hat als
Theorie »das Wesen der Wirklichkeit« zu reproduzieren, ihre
Kategorien müssen wieder »Existenzformen« der Wirklich¬
keit selbst sein. Es gilt nun mit der Marxschen Methode zu !
überprüfen, ob die Marxschen Kategorien (Kapital, Lohnar- !
beit, Grundeigentum). Ihre Beziehung zueinander. Stadt und j
Land. Die drei großen gesellschaftlichen Klassen. Austausch >
zwischen denselben. Zirkulation. Kreditwesen (private). Zu- t
sammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft in der Form
des Staates. In Beziehung zu sich selbst betrachtet. Die
»unproduktiven« Klassen. Steuern. Staatsschuld, öffentli¬
cher Kredit. Die Bevölkerung. Die Kolonien. Auswande- ,
rung. Internationales Verhältnis der Produktion. Internatio¬
nale Teilung der Arbeit. Internationaler Austausch. Aus- und j
Einfuhr. Wechselkurs. Der Weltmarkt und die Krisen. (K. '
Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, a.a.O., S. 266), *
noch immer die bestimmenden, auch in dieser Reihenfolge t
bestimmenden Faktoren der Tauschgesellschaft sind. Für 1
Marx ist, um es expressis verbis klarzustellen, »Das Kapi- I
tal. . . die alles beherrschende ökonomische Macht der ,
bürgerlichen Gesellschaft. Es muß Ausgangspunkt wie End¬
punkt bilden und von dem Grundeigentum entwickelt t
werden. Nachdem beide besonders betrachtet sind, muß ihre
Wechselbeziehung betrachtet werden.« (K. Marx, a.a.O.,
S. 265). I
Kapital, Lohnarbeit und Besitz an Produktionsmitteln
bzw. Grundeigentum bilden heute wie zu Marxens Zeiten die »
Grundlage der antagonistischen Gesellschaft - mit einem
28
großen Unterschied und dieser Unterschied kann nicht oft
genug betont werden; früher konstituierten diese Grundka¬
tegorien einen sich als Naturgesetz durchsetzenden ökono¬
mischen Zwangszusammenhang, der sich in Verelendung,
Entmenschlichung und regelmäßigen Krisen mit potentieller
Revolution auswies. Davon kann spätestens seit dem 2.
Weltkrieg für die Industrienationen keine Rede mehr sein,
auch der Hinweis, daß die gegenwärtige Stabilität der west¬
lichen Wirtschaft nur durch die latente und offene Kriegs¬
wirtschaft bedingt sei (Mandel, Horkheimer), kann die
Stellenwertveränderung der Marxschen Kategorien nicht
verdecken. Im Gegenteil. Gerade dieser Hinweis weist in eine
Richtung, die die Bedeutung der Kategorien Lohnarbeit,
Kapital, Grundeigentum zwar nicht aufgehoben hat, sie aber
neutralisiert und unterlaufen hat, in die Richtung des unsere
Gegenwart entscheidend mitbestimmenden Ost-West-
Konflikts. Dieser und der Konflikt Industrieländer/Ent¬
wicklungsländer beherrschen das Gesicht unserer einen Welt
in unserer Zeit, gerade weil wir erstmalig Weltgesellschaft in
einem Realsinn wie nie zuvor geworden sind, müssen wir
schnellstens eine der Gegenwart angemessene Reihenfolge
der unsere Welt beherrschenden Kategorien (Daseinsformen,
Existenzformen) analytisch erarbeiten.
Natürlich können wir den noch verbliebenen »irdischen
Kern« der europäischen Arbeiterbewegung durch Analyse
herausdestillieren, können sogar in unserer aktuellen Gegen¬
wart noch die Reste und ihre Ausläufer durch härteste
Anstrengungen aktivieren (anläßlich Notstandsgesetzge¬
bung, Metallarbeiterstreiks usw.) - über die Gegenwart in
einem wirklichen, d.h. wirkenden Sinne weist diese Praxis
weder aktuell noch potentiell voll hinaus. Ich stelle die
Notwendigkeit und Wichtigkeit der Aktivierung bzw. Be-
wußtmachung von Arbeitern im Betrieb nicht in Frage, ich
stelle auch nicht die Möglichkeit dieser Praxis in Frage. Ich
möchte jetzt die Marxsche Methode anwenden, d. h. die
heutigen materiellen Verhältnisse der Produktion und Re¬
produktion des Lebens in ihren Auswirkungen auf das
gesellschaftliche Bewußtsein kurz untersuchen.
Die aus dem totalen Prozeß der Technologisierung der
Produktion notwendigerweise (jedenfalls unter den herr-
29
sehenden Produktionsverhältnissen) sich entwickelnde tech¬
nologische Rationalität soll nun historisch-genetisch skiz¬
ziert werden. Dieser Wechsel (von kritischer in technologi¬
sche Rationalität) ist nicht der einfache Reflex der technolo¬
gischen Maschinerie auf seine Benutzer oder der Massenpro¬
duktion auf ihre Konsumenten. »Er (der Wechsel, R. D.) ist
selbst ein determinierender Faktor in der Entwicklung der
Maschinerie und Massenproduktion.« (H. Marcuse, Some
Social Implications of Technology, in: Zeitschrift für Sozial¬
forschung, 1941, S. 415). Die »wirklichen Lebensverhält¬
nisse« als Subjekt-Objekt-Beziehung des »aktiven Verhal¬
tens des Menschen zur Natur« sind so die Einheit von sowohl
Produktionsweise, Gesamtheit der Produktionsinstrumente,
die unsere Gegenwart und die Vergangenheit hervorgebracht
haben und hervorbringen, als auch die sozialen Institutionen,
Beziehungen und Verhaltensmuster - diese Subjekt-Objekt-
Einheit ist das herrschende Falsche, das, was uns alle
beherrscht und unterdrückt. Das Prinzip des Individualis¬
mus ist das Prinzip der Autonomie des Denkens und die
»Freiheit der autonomen Marktsubjekte« (s. o.). Das »freie
Spiel« der ökonomischen Subjekte, der freie Wettbewerb des
Marktes erforderten individuelle und autonome Rationalität,
auch in der Verhüllung noch die kritische Rationalität nicht
voll verlierend. »Die moderne Industrie betrachtet und
behandelt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses
nie als definitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär,
während die aller früheren Produktionsweisen weseritlich
konservativer war. Durch Maschinerie, chemische Prozesse
und andere Methoden wälzt sie beständig mit der technischen
Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und
die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses
um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig die Teilung der
Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhalt¬
sam Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produk¬
tionszweig in den anderen.« (K. Marx, Kapital I, S. 512). Die
Folge dieses Prozesses (Mechanisierung und Rationalisie¬
rung) war das Verschwinden der »kleinen Fische« im »Ra¬
chen« der großen Konzerne. Das »freie ökonomische Sub¬
jekt« war liquidiert; die Grundlagen der bisherigen indivi¬
duell-autonomen Rationalität beseitigt bzw. zutiefst gefähr-
30
l det. Nur eine radikale Koordination der Großunternehmen,
geplante Interventionen (zur Rationalisierung des Prozesses
i gehört nicht nur eine Rahmenplanung), nur volle Auskalku-
| lierung ermöglicht heute einen Platz innerhalb des Welt-
I marktes. Die so aus Mechanisierung und Rationalisierung
notwendigerweise entstehende technologische Rationalität
i bringt eine Meinungsstandardisierung und eine Verinnerli¬
chung der Normen des Apparats mit sich. (»Apparat verstan¬
den als Institutionen, Verhaltensweisen und Organisationen
* der Industrie in ihrer vorherrschenden gesellschaftlichen
Form.« (H. Marcuse, Some Social Implications . . ., a.a.O.,
, S.417). Lewis Mumford spricht von einer »objektiven Perso¬
nalität«, besser vielleicht als Objekt-Personalität zu bezeich¬
nen, die durch permanente Beherrschung und Versagung alle
individuelle Spontaneität der Maschine, der sie sich unter¬
werfen muß, überträgt. Standardisierte Effektivität und Pro¬
duktivität wird vom noch notwendig falschen Bewußtsein als
Individualität und freie Entscheidung mißverstanden. In der
Produktion des Industriebetriebes wird der Objekt-Charak¬
ter des Menschen besonders darin sichtbar, daß er nur mehr
Zubehör der Maschine ist, nur seine Totalunterwerfung und
sein Gehorsam gewährleisten die Effektivität und Produkti¬
vität des Ganzen. Die sozio-ökonomische Herrschaftsstruk¬
tur »erhält ihre Macht nicht durch Gewalt. Sie erreicht es,
indem sie sich selbst identifiziert mit dem Glauben und der
Loyalität der Menschen.« (Th. Veblen, The Instinct of
Workmanship, New York 1922, S. 315). Diese wiederum
sind bestens präformiert . . . Doppelunterdrückung schließt
den für die Revolutionierung des Ganzen erforderlichen
Ausbruch, einen Ausbruch der mit Spontaneität und freier
Entscheidung (bewußter) gekoppelt sein muß, aus. Die
transzendierendes Denken ausschließende technologische
Rationalität - ist doch ein solches für die herrschende
Rationalität irrational, »politisches Verbrechen« und »tech¬
nische Dummheit« - beherrscht die heutigen Industriegesell¬
schaften. Sie untergräbt immer mehr ein Denken über
' unerfüllte Potentialitäten der Gesamtgesellschaft. »Die Me¬
chanismen der Konformität« gehen von der technologischen
zur sozialen Ordnung über; sie beherrschen die Leitung nicht
nur in den Fabriken und Läden, sondern auch in den Büros,
31
Schulen und schließlich im Bereich der Erholung und der
Unterhaltung.« (H. Marcuse, Some Social Implications . .
a.a.O., S. 421). Läßt sich denn überhaupt aus der obigen
Darstellung noch revolutionäre Praxis theoretisch auswei-
sen? Schien diese Darstellung nicht auf »alle Mauselöcher
sind verstopft« hinauszulaufen? Nein, es war nur der Ver¬
such, sich der Empirie zu bemächtigen (s. o.).
In den folgenden Passagen geht es nun endlich um die für
uns mögliche und sinnvolle Praxis, um Formulierung einer
Praxis, die die der Theorie niederlegt »zu einer Stellung¬
nahme, in der die Dualität von Theorie und Praxis aufgeho¬
ben wird, indem die Gegenwart einerseits als konkrete und
unmittelbare erfaßt, aber als Resultat des Geschichtsp rozes-
ses, also genetisch . . . begriffen wird, andererseits aber . . .
die Gegenwart als bloßes Moment des über sie hinausgehen¬
den Prozesses aufzeigt. Denn gerade diese kritische Stellung¬
nahme zur Unmittelbarkeit der Gegenwart bringt sie in
Beziehung zur menschlichen Aktivität: in den über sich
selbst hinaustreibenden Momenten der Gegenwart sind die
Richtlinien und der reale Spielraum der praktisch-kritischen
Tätigkeit, der umwälzenden Praxis gegeben.« (G. Lukäcs,
Moses Hess, a.a.O., S. 145). Die schon auf verschiedenen
Seiten angedeuteten »über sich selbst hinausweisenden Mo¬
mente der Gegenwart« fassen wir hier kurz zusammen:
Die »globale Konkurrenz zwischen Kapitalismus und
Kommunismus, die die höchstmögliche Steigerung der Pro¬
duktivität und die höchstmögliche Rationalisierung der Ar¬
beit in beiden Systemen zur Existenzfrage macht« (H.
Marcuse, Freiheit: von oder zu, Westdeutscher Rundfunk,
Dez. 1964, S. 6), überspielt die der völligen Automation
entgegenstehenden Tendenzen (Gewerkschaften, die für eine
systematisch-dosierte Steigerung der Automation sind!
Furcht vor eventuellen Arbeitslosenheeren. Finanzierungs¬
frage der Automation.). Die tendenziell völlige Arbeitslosig¬
keit muß für uns, für unsere Praxis der entscheidende
Fixpunkt sein. Von diesem für uns ökonomischen Endziel
des technologischen Prozesses her muß sich unsere Strategie
konstituieren, müssen sich die einzelnen Schritte theoretisch
ausweisen lassen. Potentiell steht an dem anvisierten Punkt
der Zusammenbruch der repressiven Arbeitsmoral, damit der
32
’ darauf beruhenden sozialen Institutionen in ihrer ganzen
Vielschichtigkeit; könnten auch »diese Herrschaftsfor-
i men . .. nicht mehr als technologische Notwendigkeit, als
Garanten der gesellschaftlichen Produktivität erscheinen.«
, (H. Marcuse, a.a.O., S. 4), ihre Irrationalität würde offenbar.
Aktuell und sogar noch über die unmittelbare Gegenwart
\ hinausweisend sind sehr starke und noch im Steigen begrif¬
fene Gegenkräfte wirksam, die die angedeuteten Potentiali-
täten »in weite Ferne« zu rücken scheinen, ist doch auch das
ökonomische Endziel »erst« (kaum vor) in ca. 10-20 Jahren
als installiert zu erwarten. Was zum Teufel bleibt uns nun
endlich noch zu tun? Etwas Geduld ist noch nötig, der Boden
ist noch nicht völlig sondiert, die Real-Konkretwerdung darf
, nicht vorschnell geschehen. »Außerhalb oder innerhalb die¬
ses Pluralismus und dieser Demokratie (der sich bildenden
»eindimensionalen« Gesellschaft, R. D.) leben ganze Schich¬
ten, die nicht eingeordnet sind und vielleicht auch nicht
eingeordnet werden können, nämlich rassische und nationale
Minderheiten, dauernd Arbeitslose und Arme. Sie stellen die
lebendige Negation des Systems dar, aber sie bilden eine
Minderheit, die das Funktionieren des Ganzen bis jetzt nicht
ernsthaft in Frage stellt ... Es gibt zentrifugale Kräfte . . . Sie
erscheinen in der Aktivierung bisher ungeschichtlicher und
unpolitischer Minoritäten innerhalb und Majoritäten außer¬
halb der Gesellschaft im Überfluß. Sie erscheinen in der
Verbreitung der Erkenntnis dessen, was geschieht und was
Menschen angetan wird. Gewiß, es gibt nichts, das die
Massen ergreift, es gibt keine Bewegung, es gibt keine Partei,
die diese Tendenzen aktiviert. Aber es ist etwas da, und es
bedarf der Hilfe, und die Erkenntnis ist ein Element der
Hilfe.* (H. Marcuse, a.a.O., S. 21/22). Hier wird esnun ernst
für die Revolutionäre, die sich innerhalb unserer winzigen,
gesellschaftlich noch für eine ziemliche Zeit völlig irrelevan¬
ten, weil weitgehendst außerhalb der Gesellschaft stehenden,
mit Recht außerhalb stehend (was wir hoffentlich in den
nächsten zwei bis fünf Jahren durchhalten werden), Minori¬
tät als solche verstehen und sich als solche somit auszuweisen
haben. Die totale Mobilisierung der »Gesellschaft im Uber-
' fluß« gegen die immer möglicher werdende totale Befreiung
des Individuums von Ökonomie, von Politik, von öffent-
33
lichkeit usw., kann von uns nur durch vollen Einsatz der
Persönlichkeit für die Emanzipation (Mündigmachung) der
Menschheit beantwortet werden. Ick will nun nicht länger •
große Worte gebrauchen, will vielmehr meine direkten
Vorschläge über die nächsten Schritte, d. h. meine Vorstei- l
lungen über die Praxis unserer Gruppe für unsere aktuelle
und wirkende Gegenwart darlegen, denn nur die »Feigen 1
reden sich aus allem heraus, die Lügner bleiben allgemein.
Dabei sind sie wortreich, verstecken sich in weiten oder
spinösen Gewändern und suchen immer woanders zu sein als
dort, wo man sie ertappt. Aber das Wahre kann nicht
bestimmt genug werden, auch dann und gerade dann, wenn
die Sache vor dem Blick noch dämmert.« (E. Bloch, Keim
und Grundlinien zu den Feuerbachthesen, in: Deutsche
Zeitschrift für Philosophie, 1953, S. 238).
Ich beginne mit der negativen Bestimmung, einer Zusam¬
menfassung in Thesenform:
1) Die Konstituierung der lohn abhängigen Arbeiterschaft
aus der »Klasse an sich« in die »Klasse für sich« ist
unmöglich.
2) Auch der Versuch, einzelne Fabrikarbeiter zu agitieren
(die ja in der Fabrik und besonders dann, wenn sie sich etwas
von der herrschenden Ideologie gelöst haben, bleiben, also
nicht von der repressiven Arbeit »losgeeist« werden sollen),
ist für uns bei unseren sehr geringen Kräften in der Gegen¬
wart nicht zu »verkraften«, nicht zu verantworten.
3) Die Gewerkschaftsarbeit darf nicht zu ernst genommen
werden, darf unsere Zeit nicht stark beanspruchen, kann
allerdings Quelle unseres Lebensunterhalts, wenn nötig, sein.
4) Wir haben uns keinerlei Illusionen über den Charakter
des SDS hinzugeben; er ist ein Gelegenheitsprodukt der
revolutionären Ebbe der Nachkriegszeit.
Bis vor wenigen Tagen dachte ich noch über den SDS wie
K. Liebknecht über die USPD dachte: »Wir haben der USP
angehört, um sie voranzutreiben, um sie in der Reichweite
unserer Peitsche zu haben, um die besten Elemente aus ihr
herauszuholen«; diese Meinung halte ich aufrecht, füge aber
die wichtige Ergänzung hinzu: durch den SDS für uns, wobei
wir für die revolutionäre Bewegung stehen, die Möglichkeit
der Anknüpfung internationaler Beziehungen zu erhalten.
34
5) Die enge praktische Zusammenarbeit mit den vielen
»linken«, aber nicht revolutionären (sie müßten sonst eine
eigene in die Zukunft weisende Theorie bzw. ein kritisches
Bewußtsein von der Notwendigkeit einer solchen Theorie
haben) deutschen Gruppen in den bundesrepublikanischen
Städten, in denen wir Mikrozellen haben, ist nicht völlig
einzustellen, aber wesentlich zu reduzieren.
6) Die Möglichkeit, die sich durch größere Demonstratio¬
nen ergibt, ist unter allen Umständen auszunützen. Geneh¬
migte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt
werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu
suchen und unbedingt erforderlich. Die Bedingungen dafür
müssen günstig sein (verhaßtes Staatsoberhaupt usw.).
Künstliche Radikalisierung, d. h, aus nichtigen Anlässen (in
Berlin die letzte SDS-Südafrika-Demonstration) unbedingt
etwas machen zu wollen, ist unter allen Umständen abzuleh¬
nen. Die Radikalisierung bei größeren Demonstrationen, die
günstige Vorbedingungen liefern, sind kurzfristig, aber in¬
tensiv durch (bewußtseinsmäßig gestaffelte) verschiedene
Flugblätter vorzubereiten, soll doch einigen an der Demon¬
stration teilnehmenden potentiellen Mitarbeitern der
»Sprung« zu uns möglich gemacht werden. Marx sagt dazu:
»Weit davon entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exem¬
plaren der Volksrechte an verhaßten Individuen oder öffent¬
lichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen
knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht
nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand neh¬
men.« (K. Marx, Enthüllungen über den Kommunistenpro¬
zeß, Mehring-Ausgabe, 4. A. 1914, S. 52/53).
Nach dieser nicht umfassenden, aber doch wesentliche
Punkte herausgreifenden negativen Bestimmung muß ich
nun das von mir als richtig Erkannte weiter skizzieren. Als
Schüler von Karl Marx in der Anwendung der materialisti¬
schen Dialektik muß ich nun »positiv« werden, was nichts
mit Positivismus zu tun hat. Im Kapital I spricht Marx davon,
daß eine Lösung auf gedeckter Realwidersprüche nicht durch
abstrakt-logische Formen, sondern nur darin, daß die Bahn
(Form) geschaffen wird, »worin sie sich bewegen können,
. . ., worin sich dieser Widerspruch ebenso verwirklicht als
löst.« (K. Marx, Kapital I, S. 109). Welche Formen haben wir
35
heute und besonders »morgen« zu schaffen, um die sich I
entfaltenden Widersprüche im Laufe der sich durchsetzen¬
den Vollautomation in die richtigen Bahnen, in die Bahnen
der Befreiung zu lenken. »Wir stützen uns bloß auf die einmal
erkannte Richtung der Entwicklung, treiben aber dann im
politischen Kampfe ihre Konsequenzen auf die Spitze, worin
das Wesen der revolutionären Taktik überhaupt besteht.« (R.
Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. III, S. 64).
Die Grundlage für meinen Vorschlag ist die in diesem
Diskussionsbeitrag vorgenommene Analyse der Entwick¬
lungstendenzen der hochindustrialisierten Gesellschaft. Ist
diese »Basis« richtig, so haben wir nun vom ökonomischen )
Endziel her (Vollautomatisierung) unsere Strategie konkret
zu entwickeln. Die schon heute konstituierte Weltgesell- |
Schaft weist nach vom, die Internationalisierung der Strategie I
der revolutionären Kräfte scheint mir immer dringlicher zu
werden. Unsere Mikrozellen haben umgehend Kontakt und i
Zusammenarbeit mit amerikanischen, anderen europäischen, I
lateinamerikanischen und auch afro-asiatischen Studenten
und Nichtstudenten (wenn möglich) aufzunehmen. Diese i
Kontakte sind allen anderen Kontakten mit pseudorevolutio- j
nären deutschen Gruppen vorzuziehen. Neben einer mögli- I
chen aktuellen theoretischen Zusammenarbeit muß vor allem
daran gedacht werden, Adressen der revolutionären Grup¬
pen in den Heimatländern zu erhalten. Austausch von
Publikationen (die Sprachschwierigkeiten lassen sich gerade
durch die hiesige Zusammenarbeit mit den ausländischen
Studenten vor allem schnell beseitigen) brächte uns endlich '
eine Fülle von bisher nicht oder kaum eruierbaren Informa¬
tionen, ließe das konkrete Gebäude einer umfassenden >
Weltrevolutionstheorie sichtbar werden, eine Theorie, an
deren Ausarbeitung heute sich keine noch so geniale Person
allein heranmachen kann . . .
Wir wissen aus der Geschichte der vergangenen Revolutio¬
nen, daß in objektiv reifen Situationen der Verelendung und
der sozialen Not des Proletariats die subjektive Tätigkeit
einer selbständigen Avantgarde allergrößte Bedeutung erhält. 1
(Lenin, Che Guevara, Alvarez usw.); sollten wir im Laufe der
nächsten zehn bis fünfzehn Jahre fähig sein, durch theoreti- >
sehe Weltanalyse und praktische Koordination der revolutio-
36 >
nären Gruppen vorzeitige »Revolutionsmacherei« zu verhin¬
dern (sehr »unrealistisch«, dennoch die Forderung), so wird
uns der Entscheidungskampf in guten Ausgangspositionen
finden.
Wir müssen parallel zu dem sich in seiner Eigengesetzlich¬
keit (von uns fast völlig unabhängig und unbeeinflußbar)
durchsetzenden historischen Prozeß, der, wenn keine Kata¬
strophe eintritt, unaufhaltsam auf Vollautomatisierung hin¬
treibt, unsere revolutionäre Kraft qualitativ und quantitativ
steigern.
Jeder einzelne Schritt muß durch die Strategie bestimmt
werden. Die »Durchbrechung des verwalteten Bewußt¬
seins«, diese »Vorbedingung der Befreiung« (H. Marcuse,
Kultur und Gesellschaft, Frankfurt/Main 1964, S. 15/16),
muß von uns auf lange Sicht geplant und nicht überstürzt zu
einem falschen Zeitpunkt versucht werden. Habermas’
Frage: »Sollte nicht eine Dialektik des falschen Überflusses
eher zur Reflexion irrationaler Herrschaft führen als eine
Dialektik der richtigen Armut?« (J. Habermas, Theorie und
Praxis, a.a.O., S. 333/4) weist b die offene Zukunft. Die
Hoffnung auf gewaltige ökonomische Krisen mit Elend,
Krieg usw. ist analytisch falsch und kann Ausdruck eines
falschen Menschenbildes sein. Die konkrete Reflexion über
die Möglichkeit der Durchbrechung des falschen Bewußt¬
seins im Laufe der nächsten zwanzig Jahre muß die Tagung
leisten. Hierfür wäre die Zusammenarbeit mit den revolutio¬
nären amerikanischen Gruppen von entscheidender Bedeu¬
tung, sehen diese doch am ehesten die neuen Tendenzen
innerhalb der »Gesellschaft im Überfluß«, der aktuellen
Weltgesellschaft. Phänomenologisch gesprochen, haben wir
zu versuchen, die Prozesse in den Entwicklungsländern so zu
leiten, (wenn ich von »wir« spreche, so sind nicht wir
persönlich gemeint, sondern die sich konstituierende und
koordinierende »größte Produktivkraft« der Weltgesell¬
schaft, die »revolutionäre Klasse« (Marx) im Weltmaßstab in
Form von »Mboritäten innerhalb und Majoritäten außerhalb
der Gesellschaft im Überfluß«), daß der endgültige Revolu-
tionierungsprozeß in Latebamerika (in Afrika und Asien
werden wirkliche Revolutionen sowieso erst durch die
Entstehung des Proletariats bfolge von Industrialisierung in
37
zehn bis fünfzehn Jahren möglich), zeitlich und organisato- 1
risch »zusammenfällt« mit der Vollautomation in den kapi- j
talistischen Industriegesellschaften. j
Die möglichen Folgen dieser Vollautomatisierung für die
Sowjetunion (und damit wohl für ganz Osteuropa) hat das |
wirklich »epochemachende« Buch von Marcuse über die
»Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus« glänzend |
aufgezeigt. Der »Druck von innen « in den Industriegesell¬
schaften durch die Befreiung des Menschen von der repres¬
siven Arbeit innerhalb des Apparates muß durch den » Druck ^
von außen* (Entwicklungsländer) begleitet werden, auf daß 1
eine Umkehr nicht mehr möglich ist. In diesem Augenblick )
wird sich die »Schuld der Vergangenheit« noch einmal zu
einem »letzten Gefecht« von ungeheurer Dimension kristal¬
lisieren. Vortechnologische Rationalität in den Entwick- j
lungsländern und sich von technologischer wieder in kriti- j
sehe Rationalität umwandelnde Denkform in den Industrie- \
ländern werden sich vereinigen in einer die Welt umfassenden
Lust-Rationalität, Stillegung der Geschichte, Experimentie- i
ren und Spielen mit dem Apparat, die Ungleichzeitigkeit der
historischen Dialektik schließt sich in diesem Augenblick; I
eine »Welt ohne Krieg und Hunger« übersteigt gegenwärtig
noch unsere Phantasie . . .
Rudi Dutschke schrieb diesen Brief - von uns um größere
Teile gekürzt, die sich mit einem in diesem Buch veröffent¬
lichten >Anschlag 1<-Text überschneiden - anläßlich des
>Münchner Konzils» der >Subversiven Aktion< (April 1965). Er
konnte wegen einer Reise in die Sowjetunion (vgl. den
folgenden Text) nicht teilnehmen und begriff den Brief als
konzeptionellen Diskussionsbeitrag zu einer gemeinsamen
Neubestimmung revolutionärer Theorie und Praxis für sub¬
versive Gruppen und » Mikrozellen « in der Bundesrepublik.
Der Text demonstriert die zunehmenden Spannungen und
Widersprüche insbesondere zwischen der Berliner und der
Münchner >Sektion<. Der »ANSCHLAG« erschien nur noch
einmal (Nr. III) - vor allem mit Antworten auf Rudi
Dutschkes Thesen zum Konzil. Danach zerbrach die Subver¬
sive Aktion<.
Traurige und schöne Augenblicke
(Tagebuch einer Reise mit einer SDS-Delegation in die
Sowjetunion, 21. April bis 5. Mai 1965; Auszüge)
Ist schon verrückt. Ich komme aus Ost-Deutschland, aus
der DDR, mußte abhauen. Jetzt fahre ich hindurch, darf
nirgendwo aussteigen. Die Genossin und die Genossen, die
mit mir fahren, können dieses komische Gefühl wahrschein¬
lich nicht ganz nachvollziehen. Viel gemeinsamer wird unser
Gefühl bei der Durchfahrt durch Polen gewesen sein. Zu
viele Erinnerungen an die Beteiligung der Väter bei der
Eroberung Polens, das gleiche galt bei der Fahrt nach
Moskau. Allerdings konnte ich eine andere Erfahrung nicht
vergessen: die - jugendliche - Wahrnehmung des 17. Juni
1953, mein Beten für die ungarischen Aufständischen von
1956. Zweifellos wird mich auch in diesen Wochen meine
frühe Sympathie für die russischen Oppositionellen nicht
verlassen.
Nun sind wir schon durch Warschau hindurch, hatten nur
einen ganz kurzen Zwischenaufenthalt, Zeit um mal kurz aus
dem Bahnhof hinausriechen zu können. Dachte an Kola-
kowsky, Kuron-Modzelewski usw. Wer weiß, wer wieder
das Land verlassen mußte; (. . .)
Im Bahnhof in Moskau wurden wir von Mitgliedern der
Komsomol-Organisation freundlich empfangen, mit einem
Auto in das Hotel für internationale Gäste gefahren. Einen
intensiven Blick auf den Bahnhof zu werfen, war unter
solchen Umständen nicht möglich; auf uns wartete das Essen
und die organisatorische Vorbereitung der Kontakte und
Besuche in den nächsten Tagen. Zu in-offiziellen Treffen
wird es mit Sicherheit nicht kommen. Mit wem auch? (. . .)
Mensch, was kam mir beim Anblick des Winterpalais, der
Peter-Pauls-Festung und der alten »Aurora« nicht alles hoch.
Es hat offensichtlich auch Nachteile viele Bücher zu lesen . . .
38
39
Am Nachmittag suchten wir noch das »Museum . .« auf. Es
fällt mir einfach oft schwer, entspannt zuzuhören, wenn da
problemlos, voller Pseudo-Optimismus und Schwachsinn
über die »Geschichte des Aufbaus des Sozialismus« Erklä¬
rungen abgegeben werden.
Sobald man allerdings von dem deutschen Wahnsinn der
faschistischen Angreifer zu hören, durch Bilder und Doku¬
mente von den Ermordungen zu sehen bekommt, verschwin¬
den für Augenblicke die Ansprüche, die man an das Land der
Oktoberrevolution stellen muß. Wir jungen deutschen Mit¬
glieder des SDS tragen nicht die Schuld an dem 2. Weltkrieg,
tragen allerdings Verantwortung für unsere Zeit. Ob wir da
versagen, wie viele Generationen vor uns : das wird sich erst
noch zeigen. (. . .)
Die Gespräche mit einem Redakteur von »Cmena«, 1919
gegründet, waren stinklangweilig, aber auch etwas er¬
schreckend: der Chruschtschow-Sturz »war für die Bevöl¬
kerung kein Problem, alles wurde klar und gut erklärt von der
Partei und unseren Zeitungen«.
Viel interessanter war schon das Gespräch mit Herrn
Sachs, dem verantwortlichen Sekretär der literarischen Zeit¬
schrift »Nowy Mir«. Er stellte sich ziemlich offen der
Diskussion. Es gebe durchaus in dieser Zeitschrift einige
»verschiedene Schraffierungen«, jedoch »keine Fraktionie¬
rungen oder festgelegten Gruppierungen«.
Zweifellos habe, seiner Meinung nach, Solscbenizyn viele
wertvolle Auseinandersetzungen hervorgerufen. Dieser
Schriftsteller wäre noch lange nicht überholt, sehr viele
Leserbriefe bestätigten dies immer wieder. Sachs gibt uns eine
kleine Einführung in die sowjetische Gegenwartsliteratur.
Wosnessenskij wäre ein formaler Dichter der Versmalerei,
Jewtuscbenkow dagegen sehr viel inhaltsreicher. In »Nowy
Mir«, so meint jedenfalls unser Gastgeber, sind Streitgesprä¬
che an der Tagesordnung.
Solschenizyn sei für diese Zeitschrift ein »großer Künst¬
ler«, werde mit Sicherheit noch große Werke von sich geben,
seine Schaffenskraft sei noch lange nicht erschöpft. Schlie߬
lich sei »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch«
Ausdruck großer künstlerischer Qualität der Darstellung.
Grenzprobleme menschlichen Daseins: da habe Solscheni¬
zyn Großes geleistet; bei ihm sei wirklich nichts fest gewor¬
den, sein Mut und seine Gestaltungskraft gäben Anlaß zu
großer Hoffnung für die sowjetische Literatur. Eine gewisse
Begeisterung ist zu hören. Muß zu meiner Schande gestehen,
die ganze neue sowjetische Literatur nicht zu kennen. (. ..)
Trauriger und schöner Augenblick.
Nachdem wir die vielen Institute hinter uns hatten,
suchten wir an der Außenseite von Leningrad noch den
großen Leningrader Sportplatz auf. Nun war ich zwar mal
wahnsinnig verrückter Leistungssportler in der DDR, aber
eine andere »provokative« Frage drängte sich mir bald auf:
wo liegt eigentlich von hier aus gesehen Kronstadt, und was
ist da inzwischen los?
Die Komsomol-Mitglieder stellten sich echt dumm und
wußten von nichts, auch nichts von den realen Kämpfen im
März 1921. Mein Wissen stammte nicht mehr nur aus Lenin-
und Trotzki-Analysen und Einschätzungen, ich hatte näm¬
lich vor wenigen Wochen die Autobiographie von V. Serge
gelesen. War für mich erschreckend, die Matroseneinheiten,
die den Oktober der Bolschewiki mit ermöglichten und zum
Sieg führten, sind in Kronstadt niedergeschossen worden.
Wieso war da eine »proletarische Notwendigkeit«, die Kron-
städter Matrosen, die für die Sowjets nun wieder eintraten
und gegen die Bolschewiki sich äußerten, politisch-militä¬
risch zu liquidieren? Wer bestimmte denn diese »historische
Notwendigkeit«? Lukäcs nahm in seinem »Kommunis-
mus«-Blatt da 1921 völlig die offizielle Haltung der KPdSU
und der KI-Exekutive ein, die »Konterrevolution« mußte
niedergeschlagen werden. Unsere Gastgeber kannten all
diese Publikationen nicht, wer weiß, wann die jemals all die
uns zugänglichen Bücher in die Hand bekommen. Ein
Gespräch über all diese Aspekte war einfach mit unseren
Gastgebern nicht möglich. Die Wendungen durch den XX.
Parteitag können einfach nicht grundlegend gewesen sein!
Viel einfacher und angenehmer war die plötzliche Kon¬
taktaufnahme mit sowjetischen Kindern im Alter zwischen
9 und 13 Jahren. Die trieben sich wie wir am oberen Teil des
Stadions herum, auf der Zuschauerebene. Die spielten mit
41
einem kleinen Ball halt Fußball, da sich einzumischen war
nicht schwer und wurde freundlich begrüßt. War prima,
Renate übersetzte hin und wieder, Bilder sind auch aufge¬
nommen worden. Ob es was geworden ist, werden wir sehen.
Die Kinder waren, wie zumeist, nicht im geringsten ver¬
krampft, hatten von Uwe Seeler und Herberger natürlich
schon gehört.
Abfahrt
Unser Komsomol-Ubersetzer, der offizielle, machte zum
Schluß die Bemerkung: »Ich werde mir manche Marx-Texte
noch mal neu anschauen«.
Wie der 1. Mai in Moskau oder Leningrad war?
So wie ich ihn von Luckenwalde her kannte. In Rußland
erinnerte ich mich oft des Alexander-Block-Satzes von 1920:
»Diejenigen, die in einer unerfüllten Zeit geboren sind,
erinnern sich nicht ihrer Vergangenheit. Wir, Kinder Ru߬
lands in gefahrenvollen Zeiten, vergessen nichts«. Wie sich
eine Lage und ihre Interpretation ändern können!
1967/1968
42
Besuch bei Georg Lukacs
(Aus den Tagebuch, Mai 1966)
Alle waren wir aufgeregt, den alten Genossen zu treffen.
Ich hatte ihm kurz vorher einen Brief geschrieben, um unsere
Ideen und Fragen etwas vorzustellen. Zuerst fuhren wir zu
Franz Janossy, dem Sohn von Lukacs. Vom Sohn desselben
erfuhren wir die Adresse des Arbeitsplatzes von seinem Vater
und der Mutter. Dort stellten wir uns kurz vor und warteten
die Beendigung der Arbeit ab.
Sehr freundlich wurden wir zu Hause empfangen. Von
Maria Janossy erfuhren wir am meisten über den Aufstand
und Widerstand des Volkes von 1956. Von der »Konterrevo¬
lution« zu schwätzen sei erst einmal reiner Unsinn und
Betrug der Stalinisten. Man könne nicht den Widerstand für
Sauereien verantwortlich machen, die auf der gesellschaftli¬
chen Grundlage des Stalinismus gewachsen sind. Franz
Janossy hielt sich hierbei sehr zurück, berichtete uns aber
ausführlich über seine politisch-ökonomische Studie zum
Thema des »Wirtschaftswunders« (auf deutsch: Verlag Neue
Kritik, Frankfurt/Main). Sein Buch heißt »Am Ende der
Wirtschaftswunder. Erscheinung und Wesen der wirtschaft¬
lichen Entwicklung«. Unmittelbar war uns in der BRD und
West-Berlin kein Ende des Wirtschaftswunders vor Augen
gekommen, ganz im Gegenteil. Die ungebrochene Festigkeit
des Kapitalismus nach dem 2. Weltkrieg erschreckt und
verwirrt uns noch immer. Unser Blick hat sich schon längst
auf die revolutionären Kämpfe der unterentwickelt gehalte¬
nen Länder gerichtet. Allerdings wissen wir: ohne Verände¬
rungstendenzen in den Metropolen werden die Kampfe in
der 3. Welt steckenbleiben. Am 1. Mai schenkte uns Janossy
noch das Manuskript. »An die jüngste Buddenbrook-Gener¬
ation« schrieb er drauf. (. . .)
Die Gespräche mit F. und M. waren jedenfalls sehr
spannend - nicht zu vergleichen mit der stinklangweiligen
und betrügerischen Veranstaltung der offiziellen Partei und
Regierung zum 1. Mai.
43
Am nächsten Vormittag besuchten wir nun Georg Lukäcs,
unsere Gastgeber waren mit dabei. Wir waren zwar vielleicht
schon etwas »ruhiger«, aber keiner von uns war wirklich
entspannt, wir waren irgendwie kindlich aufgeregt. Der
Mann, der auf unser Klingeln öffnete, war klein, hatte ein
freundliches Gesicht, eine Zigarette in der Hand, weiße
Haare, große Ohren, ein Hemd mit Schlips, keine Jacke. Zu
einem Gespräch kam es nicht gleich, wir waren zurückhal¬
tend und er wollte erst mal Kaffee trinken. Als Lothar und
Inge die Roth-Händle rausholten und ihm gaben, freute er
sich, lachte - und wir konnten uns ein wenig entkrampfen.
Nun holte ich den Korsch raus und fragte, ob er diesen Text,
den er damals vielleicht nicht zu sehen bekommen habe!
gebrauchen könne. Er schaute drauf, lächelte, bedankte sich,
ging aber nicht weiter auf das Buch oder diese Zeit ein!
Bedankte sich desgleichen für meinen Brief.
Ich hatte mir viele Fragen niedergeschrieben.
Als ich ihn über die KPU-Fraktionen der 20er Jahre
befragte, war er erstaunt, einen jungen West-Berliner Sozia¬
listen zu treffen, der verrückt detailliert viele Einzelheiten der
Parteigeschichte kannte. Doch so ganz zufrieden war er nicht
damit, ging immer wieder von den 20er Jahren weg, um mit"
uns Über aktuellere Probleme zu sprechen. Von unserer
Solidarität mit den revolutionären Kämpfen in der 3. Welt
wußte er und lenkte das Gespräch mehr darauf. Riet uns,
wenn wir schon Dokumente der Vergangenheit heranziehen
wollten, das KI-Dokument von 1935 heranzuziehen. Anson¬
sten meinte er, daß die beste Hilfe von unserer Seite eine
vertiefte Analyse der Produktionsverhältnisse in diesen Län¬
dern wäre.
Wir verließen den »Alten« nach vielen Stunden. Plötzlich
sagte die Inge: »In den kann man sich ja wirklich verlieben.«
Lothar und ich schauten uns perplex an.
44
Ausgewählte und kommentierte Bibliographie des
revolutionären Sozialismus von Karl Marx bis in
die Gegenwart
Zurück zu Marx hieß das 1926 in Leipzig erschienene Buch
von /. Kuczynski, das der professoralen und sozialdemokra¬
tischen Interpretationsweise durch einen Rückgriff auf die
Quellen Einhalt gebieten wollte.
Vierzig Jahre später ist dieser Ruf gebrochener, aber bei
weitem materialreicher motiviert. Es stehen die für die
Marxsche Theorie sehr wichtigen Texte, die erst ab 1932
editiert wurden, heute zur Verfügung - so die Deutsche
Ideologie (1932), die ökonomisch-philsophischen Manu-
skripte (1932) und die Grundrisse (1953).
Die Herausgabe der Gesamtwerke von Marx und Engels
scheint heute von der Quellenlage her leicht möglich zu sein.
Zwar liegt noch immer keine vollständige deutsche Gesamt¬
ausgabe vor, dennoch sind die vorliegenden Ausgaben durch¬
aus für eine kritische Rezeption dieser ersten Form der
revolutionären Theorie geeignet.
Die auf 36 Bände berechnete DDR-Ausgabe, die die
bedeutendsten Frühwerke nur unvollständig aufgenommen
hat, soll ergänzt werden. Die Marxschen Frühschriften liegen
in DDR-Einzelausgaben, in der sehr sorgfältigen Marx-
Studienausgabe von Lieber und Kautsky (Cotta-Verlag Stutt¬
gart 1960 ff.) und in der von G. Hillmann herausgegebenen
Rowoklt-Taschenbuch-Ausgabe (1966) vor.
Scheint es uns nun richtig zu sein, die Engelschen Mißdeu¬
tungen des Historischen Materialismus (s. A. Schmidt, Der
Begriff der Natur in der Lehre von Marx , Frankfurt am Main
1962, bes. S. 41 ff.) sehr genau vom originär Marxschen
Materialismus zu unterscheiden, so erscheint uns der Ver¬
such der »Wiederherstellung« des Marxismus durch einen
unmittelbaren und direkten Rückgriff auf den »reinen« Marx
das Wesen und die Methode von Marx zu verfehlen. Wir
sollten uns die Antwort auf die Kapital-Rezension von
Michailowski ins Gedächtnis rufen: »Er (Michailowski R.
45
D.) muß durchaus meine historische Skizze von der Entste¬
hung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphi¬
losophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges
verwandeln, der allen Völkern vorgeschrieben ist.. . Aber
ich bitte um Verzeihung. (Das heißt, mir zugleich zu viel
Ehre und zu viel Schimpf antun.)« Er wendet sich mit allem
Nachdruck gegen den scheinbaren »Universalschlüssel einer
geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug
dann besteht, übergeschichtlich zu sein.« (Marx-Engels
Werke, Bd 19, S. 111/112, Berlin 1962). So sind dann auch
die materialen Analysen im Mantschen Werk sehr oft rele¬
vanter als die »berühmten« Vorworte oder Einleitungen.
Ansätze geschichtsphilosophischer Konstruktion werden in
der historisch-materialistischen Analyse flüssig gemacht,
wovon Marx im Rohentwurf (Grundrisse) zum Kapital nur
zu sehr Zeugnis ablegt. Ein geradezu klassisches Beispiel
dieser konkreten materialistischen Dialektik ist die dortige
Untersuchung der vorkapitalistischen Produktionsformen
(b. 375-413). Dialektik erscheint hier in der einzig möglichen
norm: als\konkrete Geschichtsschreibung.
Da für Marx die Gesamtgeschichte nicht beherrscht wird
durch eine der Geschichte immanente und unverlierbare
binmdee, so versteht es sich für ihn von selbst, die verschie¬
denen Perioden der Geschichte als verbundene Einzelpro-
zesse zu begreifen und jeweils konkret zu analysieren. Die
Machbarkeit der Geschichte durch Menschen wird zwar im
Laufe der Entfaltung der Produktivkräfte objektiv potentiell
großer, dieselbe schlägt aber immer wieder um in Beherr-
schung der Menschen durch die von ihnen geschaffenen
Verhältnisse der Produktion und Reproduktion des Lebens
wird solange Umschlägen, bis die »neuen Menschen« (für
Marx die Arbeiter) durch die revolutionäre Aktion dieser
Reproduktion »der Herrschaft der totgeschlagenen Materie
über den Menschen« ein Ende bereiten. Hier ist nichts
verbürgt, nichts in der Materie angelegt, alles ist bedroht
durch die Möglichkeit des Untergangs der »kämpfenden
Klassen« Jede Klasse kann ihre historische Mission ge¬
schichtlich »verpassen«, kann scheitern - andere »Klassen«
müssen dann unter neuen historischen Bedingungen »alte
Kampfe« austragen. Geschichtsbewußtheit und verantwor¬
46
tungsbewußte praktisch-umwälzende Tätigkeit allein ver¬
mögen dies zu leisten. Die kritische Aneignung der Mani¬
schen Theorie, die zu beiden Faktoren Entscheidendes
beitragen kann, ist nun nur möglich durch eine Aufhebung
der politischen Geschichte des Marxismus, »durch die Ge¬
schichte des Marxismus hindurch, die in hohem Maße eine
Geschichte von Fehlinterpretationen und Entstellungen ist,
die dem ursprünglichen Impuls nicht nur äußerlich sind«
(A. Schmidt, Nachwort in: H. Lefebvre, Probleme des
Marxismus, heute, ed. Suhrkamp, Nr. 99, 1965).
Diese ausgewählte Bibliographie will nichts als die wesent¬
lichen Prozeßpunkte der Entstehung, der Entfaltung, der
Rezeption und Weiterentwicklung der marxistischen Theo¬
rie literaturgeschichtlich kennzeichnen.
Mag auch P. Kropotkins Hinweis darauf, daß »England in
den 40iger Jahren an der Spitze der sozialistischen Bewegung
Europas stand . . . große Bewegung, welche die arbeitenden
Klassen so tief erregte, und in deren Verlauf bereits alles, das
sich jetzt als wissenschaftlicher oder anarchistischer Sozialis¬
mus darbietet, ausgesprochen worden ist« (P. Kropotkin,
Memoiren eines Revolutionärs, Bd. 2, S. 294, Stuttgart, o. J.)
übertrieben erscheinen, so ist es dennoch für die Entste¬
hungsgeschichte des Marxschen Denkens unerläßlich, diesen
»vormarxistischen« Sozialismus wieder in Erinnerung Zu¬
rufen.
Der Beitrag Londoner kommunistische Diskussionen, 1845
Nach dem Protokollbuch des C.A.B. V. von M. Nettlau im
Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiter¬
bewegung (Vol. 10, 1922, S. 362-391) vermittelt einen
hervorragenden Eindruck von den der Ausarbeitung des
»Kommunistischen Manifestes« von Marx vorausgehenden
Diskussionen des Kommunistischen Arbeiterbildungsver¬
eins über das Wesen und die praktische Verwirklichung des
Kommu nismus.
W. Weitling, der sich für eine unmittelbare Verwirkli¬
chung des Kommunismus aussprach, wurde von K. Schap-
per, der seine Arbeit als theoretisch-propagandistische Vor¬
arbeit für kommende Geschlechter verstanden wissen wollte,
angegriffen. »Schapper: Der Kommunismus konnte bisher
nicht verwirklicht werden, weil der Verstand nicht gehörig
47
ausgebildet war. . . Unsere Tätigkeit ist für kommende
Geschlechter, diese mögen praktisch durchführen, was wir
auf dem Wege der aufklärenden Propaganda bloß theoretisch
verbreiten können.
Weitling:... Das heißt ein ewiges Verschieben von heute
auf morgen, von morgen auf übermorgen ... So drehen wir
uns denn immer in der alten Leier und kommen zu nichts
Die Menschheit ist notwendig immer reif oder wird es nie'
.ätr::r s r»d
Begehung a„ß er d nrc h R “ L"" "™*“ '» politischer
Revolution wirkteX A^ng ffT iS"“* d "
friedlich™ Wege ist eine Iiiusionl(273). “ ^ “" n8 “ f
ManXwWerk" d " Re T 1 ' 1 ' 1 “" vo ” 1848 «eilte für das
Ntederlage de, Revolution auch theortS, bemeXblLt
f• der DeuUehen Ideologie - taSSchV 7 P ~
“it p d M rf md ^ Sri:
fest zu findende Revolutionstheorie zeichnet sich gerade
Trennun g von
geselischaftiiche
tierung dieser grundlegenden
i£H=5pS5£
durch Ff J ' Erstmter P r etation dieser Schrift
• arcuse, in: Die Gesellschaft, 1932, Nr. 8, S. 136 -
4ß
174, scheint uns noch immer am besten die Marxsche
Revolutionstheorie zu erklären.
Diese Theorie wird in der Feuerbach-Passage der Deut¬
schen Ideologie (MEW, Bd. 3, S. 17-77, Berlin 1962) weiter¬
entwickelt. Hier dürfte das, was später der Historische
Materialismus genannt wurde, erstmalig in vollständiger
Form vorliegen. Die Explikation der historisch verschiede¬
nen Entwicklungsstufen der gesellschaftlichen Arbeitstei¬
lung und den damit parallel laufenden verschiedenen Formen
des Eigentums führt Marx zu der Herausarbeitung des
fundamentalen Gegensatzes der »modernen« bürgerlich¬
kapitalistischen Gesellschaft:
»Die Produktivkräfte erscheinen als ganz unabhängig und
losgerissen von den Individuen, als eine eigene Welt neben
den Individuen . . ., eine Totalität der Produktivkräfte, die
gleichsam eine sachliche Gestalt angenommen haben und für
die Individuen selbst nicht mehr die Kräfte der Individuen,
sondern des Privateigentums, und daher der Indidviduen nur
insofern sie Privateigentümer sind.« Diesen verselbständig¬
ten Produktivkräften steht auf der anderen Seite »die Majo¬
rität der Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte
losgerissen sind und die daher allen wirklichen Lebensinhalts
beraubt, abstrakte Individuen geworden sind, die aber da¬
durch erst in den Stand gesetzt werden, als Individuen
miteinander in Verbindung zu treten. « (a.a.O., S. 67).
Um die gefährdete materielle Existenz zu retten, um die
jenseits der Existenzsicherung Liegende Selbstbetätigung der
schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zu erreichen,
müssen sich die durch die gemeinsame Bedrohung vereinig¬
ten Individuen diese fremdgewordenen Produktivkräfte uni¬
versell aneignen.
Die weltgeschichtliche Entfaltung der Produktivkräfte
durch den Weltmarkt entwickelt »die von aller Selbstbetäti¬
gung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegen¬
wart« zu »universellen«, zu »weltgeschichtlichen Indivi¬
duen« mit »universellen Bedürfnissen«. Die kommunistische
Revolution ist »nur als die Tat der herrschenden Völker auf
»einmal« oder gleichzeitig möglich, was die universelle Entfal¬
tung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängen¬
den Weltverkehr voraussetzt« (a.a.O., S. 35).
49
Dm Elend der Philosophie (1846) expliziert in der Ausein-
S 33 S$g*Sei 5 aang mit Proudhons Philosophie des Elends die
.^MMMttialEitiscb gewendete Dialektik im Gegensatz zur idea-
Kategoriendialektik Proudhons. Die literaturge-
1 gehichtliche Darstellung der Probleme der Nationalökono-
. mie von ihrer »klassischen« Begründung an, zeigt sich als
Problemgeschichte der antagonistischen Gesellschaft
Ohne der ketzerischen These von Korsch aus dem Jahre
1950, daß Marx »heute nur einer unter vielen Vorläufern
Begründern und Weiterentwicklern der sozialistischen Be¬
wegung der Arbeiterklasse ist«, vollständig zuzustimmen
schäm Korsch d„i„ recht „ S haben , d ,t2
historischen Alternativen und »Weiterentwicklungen« der
Mantschen Formung des Sozialismus, also die Beiträge der
utopischen Sozialisten, die von Proudhon, Bianqui, Bakunin,
undd deUtSChen u ReV ^ 1 f niSten ’ französisc hen Syndikalisten
und den russischen Bolschewisten (inzwischen dürften neue
Namen hinzugekommen sein) bei der Neubegründung einer
revolutionären Theorie und Praxis für die hochkapitalisti-
schen Lander aufgearbeitet werden müssen und zwar nicht
a^s Vorläufer von Marx und nicht als Abweichler und
Verräter der »reinen Lehre«, sondern als ambivalente Am-
Worten auf die jeweiligen Veränderungen der geschichtlichen
Wirklichkeit: besonders gilt das für die nachmarxsche Zeit
Die ungeheure Größe des Mantschen Werkes verunmöglicht
noch tmm^r Pm/a rx i . ®
noch immer eine schöpferische Betrachtung und Aneignung
dieser »nichtmarxistischen« Beiträge. An der die I. Interna
und p 6 , Sp *! en ^ en ^ en Auseinandersetzung zwischen Mant
und Bakunin werden wir das später verdeutlichen.
, as Kornmumsns,che Manifest (1848) nun ist Abschluß
und Höhepunkt der 1. Periode in der Entwicklung des
wissenschaftlichen ßoz^hsmus. Für die schon angeschnit¬
tene Problematik des mantschen Klassenbegriffs ist der im
Manifest auftauchende Begriff des »Lagers« von hohem
Interesse: »Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie
zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegen¬
sätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich
mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große
einander direkt gegenuberstehende Klassen: Bourgeoisie und
oletanat« (K. Marx, F. 'Engels: Ausgewählte Schriften, Bd.
50
I, S. 24, Berlin 1960). Die in Kapital!!! besonders aufgezeigte
Beseitigung der fungierenden und produktiven Kapitalisten¬
klasse durch die Entwicklung der kapitalistischen Produk¬
tionsweise geht so über diesen spezifischen Klassengegensatz
von Bourgeoisie und Proletariat hinaus, die »Epoche der
Bourgeoisie« hat ihr Ende gefunden. Die unkritische Benut¬
zung dieses bei Marx auf die Aktualität der Revolution
bezogenen Begriffs des Lagers durch die herrschende Ideo¬
logie des »sozialistischen Lagers« kaschiert diesen Tatbe¬
stand nicht wenig. Der kritische Begriff des Lagers scheint
uns mit Mauke jenen gesellschaftlichen Zustand anzudeuten,
in dem die ganze Gesellschaft zu einem einzigen »Lohnarbei¬
ter* geworden ist, eine unbeherrschte und verselbständigte
Produktionsmaschinerie im totalen Gegensatz zur lebendigen
Arbeit sich etabliert hat. Die Entwicklung der Produktiv¬
kräfte, die dialektische Identität des ökonomischen und
politischen Prozesses in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts
bildeten die Grundlage für diese historisch spezifischen, aber
nicht in der Zeitbedingtheit aufgehenden Aussagen des
Kommunistischen Manifestes. Die nach der Niederlage der
Revolution von 1848 einsetzende Restaurierung des gesell¬
schaftlichen Lebens führte zu einem Verfall der Organisatio¬
nen und der Kampfkraft der Arbeiterbewegung.
Die direkte Fortsetzung der Rothsteinschen Arbeit (Aus
der Vorgeschichte der Internationale, 1. Ergänzungsheft der
»Neuen Zeit«, Stuttgart 1913), die 1850 ihre Darstellung
beendet, ist die bis heute unerreichte Arbeit von D. B.
Rjazanov »Zur Geschichte der ersten Internationale «, in
deutscher Sprache zugänglich im Bd. I des von Rjazanov
herausgegebenen Marx-Engels-Archivs, Frankfurt am Main
1925, S. 119 - 202. Der vom Stalinismus liquidierte erste und
bedeutendste Marxforscher zeigt in einer konkret-materiali¬
stischen Analyse die ökonomischen Bewegungsformen des
Kampfes der englischen Arbeiterklasse und die davon getra¬
genen und wesentlich bestimmten Versuche der politischen
Organisierung des ökonomischen Kampfes.
Die nächste Phase in der Entwicklung der internationalen
Arbeiterbewegung ist die der Tätigkeit der I. Internationale
von 1854 - 1872, die Zeit der Auseinandersetzung zwischen
Marxismus und Anarchismus, zwischen Marx und Bakunin.
51
Aus der sehr zahlreichen Literatur Über diese Zeit ragt neben
der schon erwähnten Arbeit von J. Braunthal der 2. Band der
von G. D.H. Cole verfaßten Geschichte des sozialistischen
Denkens, A History of Socialist Thought-Marxism and
Anarchism 1850 - 1890, London 1961 heraus.
Kann der Anarchismus nun eigentlich für uns noch etwas
bedeuten, ist er nicht durch Marx für alle Zeiten widerlegt
worden? W. Hofmann schreibt in seiner jedem Genossen als
Pfhchtlektüre zu empfehlenden Buch Ideehgeschichte der
sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, Samm¬
lung Göschen Bd. 1205/1205 a, Berlin 1962: »Bestimmte
Durchgangsstufen des Denkens scheint die Ideengeschichte
der europäischen Sozialbewegung, gewissermaßen stellver¬
tretend für die Späterkommenden, hinter sich gebracht zu
haben: Utopischer Kommunismus, religiöser Sozialismus,
Syndikalismus, Anarchismus werden wohl kaum noch ein¬
mal große geistesgeschichtliche Bedeutung haben - so sehr
der letztere die Praxis einer anhebenden Sozialbewegung,
etwa in Südamerika, für eine Weile noch beeinflussen mag«
(S. 226/227). Ist damit nicht alles gesagt? Wir glauben das
nicht, denn in einer Zeit der sich verstärkenden und
sich verselbständigenden zentralisierten Staatsbürokratien
scheint uns die bei Bakunin im Mittelpunkt der Theorie und
Praxis stehende Frage der Abschaffung des Staates, der
unmittelbaren Beseitigung derselben, der erneuten Aufarbei¬
tung durchaus wert.
Ist das »Absterben« des Staates zentraler Gegenstand der
»Zieldiskussion« bei Marx und im Marxismus, so folgte doch
bei Marx der ersten Fassung der Revolutionstheorie, die von
der Identität der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie
und der sozialen Revolution ausging, die für uns sehr
fragwürdige Konzeption einer »Zwei-Phasen-Theorie der
kommunistischen Revolution«, die die wirkliche Emanzipa-
ton der Arbeiterklasse in die Zukunft verlegte, die Eroberung
des bürgerlichen Staates durch das Proletariat als primär für
die soziale Revolution ansah (s. K. Korsch, 10 Thesen über
Marxismus heute, in: Alternative, April 1965, S. 89/90).
Diese Etappentheorie, die in der Phase der für die Beseitigung
des Mangels und der Notdurft notwendigen Entfaltung der
Produktivkräfte durch die bürgerliche Gesellschaft alles für
sich hatte, den »Sieg« von Marx über Bakunin historisch
rechtfertigte, kann für unsere Zeit, in der bei uns in den
Metropolen der Kapitalismus auch nicht mehr einen einzigen
Funken temporärer Notwendigkeit in sich hat, kaum noch
Bedeutung haben.
Die Bedeutung des Marxschen Kommunemodells für die
sozialistische Theorie, für die Entwicklung des Bolschewis¬
mus und Sowjetmarxismus, ist in der Dissertation des
Genossen K. Meschkat, »die Pariser Kommune im Spiegel der
sowjetischen Geschichtsschreibung*, Berlin 1964 systema¬
tisch heraus gearbeitet worden. Ein spezielles Kapitel über
Bakunin und die Pariser Kommune trägt zur Klärung des
Verhältnisses von Marxismus und Anarchismus bei.
Der im wesentlichen durch den Fraktionskampf zwischen
»Bakunisten« und »Marxisten« entstandene Spaltungsprozeß
der I. Internationale bedeutete für Marx persönlich nicht die
Beendigung des theoretischen Streites. 1926 wurden von
Rjazanov in der russischen Zeitschrift Letopisi Marksisma
(Annalen des Marxismus) die Randbemerkungen Marxens zu
der nach dem Bruch erschienenen und wohl bedeutendsten
Bakunin-Schnh, Gosudarstvennosti i Anarkhiia (Staatlich¬
keit und Anarchie) erstmalig veröffentlicht, die recht deutlich
den tiefen und dauernden Einfluß Bakunins auf Marx zeigten
(s. MEW, Bd. 18, S. 599 - 642).
Die Spaltung der I. Internationale im Jahre 1872 bildete
einen erneuten Rückschlag für die Emanzipationsbestrebun¬
gen der unterdrückten Klassen, stellte den Beginn des durch
Krankheit beschleunigten Rückzugs Marxens von der poli¬
tisch-organisatorischen Arbeit dar, kennzeichnete den Be¬
ginn einer sich jenseits von Marx und Engels »ansiedelnden«
Interpretation des Marxismus durch die »Marxisten«.
Die erste russische Revolution von 1905 und die damit
verbundene Massenstreikdebatte in Deutschland und in
Rußland (1906/1911) stellten den nächsten Prozeßpunkt des
politischen Marxismus dar. Neben den bereits genannten
Biographien über Parvus und Luxemburg sind für die
Geschichte und theoretische Analyse der russischen Revolu¬
tion von 1905 die Bände 8 und 9 der Lenin-Werke, Berlin
1960, das Trotzki-Kuch Die Russische Revolution 1905,
Berlin 1923 und die für die Dialektik von Reform und
53
Revolution so wichtige Broschüre von R. Luxemburg,
Massenstreik, Partei und Gewerkschaften (1906) (in: R. L.j
Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. I, S. 157 - 257, Berlin
1955) zu nennen, wobei besonders der Luxemburg-Beitrag, J
der gleichermaßen ein Beitrag zur deutschen Generalstreiks¬
debatte war, die nach den russischen Ereignissen sehr radi- 1
kaüsiert begann. Unter den Beiträgen sind die Bücher von H. 1
R. Holst, Generalstreik und Sozialdemokratie, Dresden 1
1906, von Parvus, Der Klassenkampf des Proletariats, Berlin
1911 und die die Gesamtdiskussion zusammenfassende Dar¬
stellung von K. Kautsky, Der politische Massenstreik, Berlin
1914 hervorzuheben. Über den Einfluß der russischen
Kampfe von 1905 auf die deutsche Sozialdemokratie gibt die
größere Studie von C. E. Schorske, German Social Demo-
cracy 1905 - 1917, in: Harvard Historical Studies, Vol, LXV f
(1955) ausgezeichneten Aufschluß. In diese Zeit fielen die für
die Revolutionstheorie und praktische Politik des Marxismus I
folgenreichen Publikationen über die »Theorie der perma- '
nenten Revolution« von Parvus und Trotzki. Der Terminus
fand sich an verschiedenen Stellen des Marxschen Werkes
gewann aber für Parvus und Trotzki durch die von ihnen
durchgefuhrte Analyse des den Nationalstaat beseitigenden !
Weltmarktes, unter den spezifischen Bedingungen Rußlands i
einen völlig neuen Stellenwert. Darüber findet sich manches
in der Biographie über Parvus (s. o.), findet sich recht viel
über die gemeinsame Ausarbeitung der Theorie durch '
Trotzki und Parvus in der hervorragenden Trotzki-Biogra-
phie von I. Deutscher, Der bewaffnete Prophet - 1879-1921 >
Stuttgart 1962, S. 103 ff.)
Den größten Einschnitt in die sozialistische Bewegung
stellte der Zusammenbruch des proletarischen Internationa¬
lismus zu Beginn des 1. Weltkrieges dar. Der von der
internationalen Linken (von Lenin bis Luxemburg) als
»Verrat der Führer« bezeichnete Sachverhalt des nationalen
Chauvinismus in großen Teilen des europäischen Proleta- '
nats, durfte zwar kaum den Mittelpunkt dieser Erscheinung
treffen, darf auf der anderen Seite aber auch nicht unter- »
schätzt werden. Uber diese Zeit legen die Kampfaufsätze von
Lenm-Smowjew, Gegen den Strom! Aufsätze aus den fahren t
1914 - 1916, Hamburg 1921 leidenschaftlich Zeugnis ab. In 1
54
diesem Sammelband finden sich schon die relevantesten
polit-ökonomischen Untersuchungen über den Zusammen¬
hang von Reformismus und Imperialismus, über Krieg und
Revolution. Das in »Sklavensprache« (Lenin) wegen der
notwendigen Zensurrücksichten im Frühjahr 1916 in Zürich
geschriebene und als Imperialismustheorie epochemachende
Werk, Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus
(1917) will Lenin in den Zusammenhang dieser anderen
Arbeiten gestellt wissen, was er im Vorwort zur russischen
Ausgabe von 1917 ausdrücklich betont.
Die Leninsche Losung von der Umwandlung des imperia¬
listischen Krieges in den Bürgerkrieg setzte sich zuerst in
Rußland mit der Februarrevolution 1917 durch und erreichte
ihren Höhepunkt in der Verwirklichung der bolschewisti¬
schen Diktatur der Avantgarde im Oktober 1917. Zwischen
Februar und Oktober haben sich aber in Rußland für die
Weiterentwicklung der sozialistischen Theorie ganz außer¬
ordentliche Dinge abgespielt, die durch das stalinistische Bild
der »eisernen Partei« und ihrer Beherrschung durch den
»großen Lenin« bis heute nicht so recht sichtbar wurden,
wovon aber Lenins Staat und Revolution (1917) nicht zu
trennen ist. Was wir meinen, ist der durch die Arbeit von R.
Lorenz, Anfänge der bolschewistischen Industriepolitik, Köln
1965 sichtbar gewordene Weg der proletarischen Fabrikko¬
mitees in den städtischen Großbetrieben, die nach dem
Februar eine spontane und von der provisorischen Regierung
nicht gebilligte Nationalisierung durchführten, die nicht von
den Bolschewiki bestimmt wurden, sondern denen sich die
Bolschewiki im Laufe des Sommers 1917 anpaßten. Die
Anpassung an diese bestimmenden Kräfte der Revolution
ging zuerst von Lenin aus, der diese nicht erwartete Sponta¬
neität der proletarischen Fabrikkomitees in der ersten Zeit
begeistert unterstützte, geradezu die später innerhalb der
Komintern so verdammte Luxemburgische Spontaneitäts¬
theorie praktizierte, wovon im Bd. 26 der Gesammelten
Werke, Berlin 1961 viele Beispiele zu finden sind, wovon
Staat und Revolution gekennzeichnet ist. Die von den
»linken Kommunisten« (Ossinski, Bucharin) als Konzeption
angebotene Errichtung eines ökonomischen Rätesystems
parallel dem politischen, das die Verbindung von proletari-
55
scher Initiative und zentral ökonomischer Autorität ermög¬
lichen sollte, wurde von Lenin als unrealistisch abgelehnt. Er
konnte sich erst nach langem Kampf - die Partei der
Bolschewiki war in dieser Zeit alles andere als geschlossen
und monolithisch - schließlich durchsetzen und ab März
1918 (Brest-Litowsk-Vertrag mit den deutschen Invasoren)
orientierten sich die Bolschewiki unkritisch am Bild der
wahrend des Krieges in Deutschland praktizierten Form der
staatskapitalistischen Zentralwirtschaft.
Für die sozialistische Theorie gibt es bei der Frage des
Scheiterns der Fabrikkomitees folgendes zu bedenken: das
spontane, revolutionär-syndikalistische Bewußtsein erwies
sich als unfähig, von sich aus das betriebliche in ein gesamt¬
gesellschaftliches Bewußtsein zu transzendieren, war auch
nicht in der Lage, die darniederliegende Produktion wieder¬
auf zurichten: Die Wichtigkeit dieses Problems klingt auch in
er Frage von B. Brecht an K. Korsch an: »Ich würde mir viel
von einer historischen Untersuchung des Verhältnisses der
Rate zu den Parteien, dieses ganzen komplizierten Prozesses
versprechen, die spezifischen Gründe des Unterliegens der
Räte, die historischen Gründe, würden mich ungeheuer
interessieren. Das ist ungeheuer wichtig für uns, denken Sie
nicht?« (in: Alternative, a.a.O., S. 99). Ob sich der »neuen
Arbeiterklasse« der Gegenwart dieses Problem nicht mehr
oder anders stellt, sei dahingestellt. Empirisches Material
über die Rätebewegung in Rußland findet sich in der
Geschichte der russischen Revolution von L. Trotzki, Berlin
1960, in der großen Studie von O. Anweiler, Die Räte in
Rußland. 1905 - 1921, Leiden 1958, für das Problem der
deutschen Räte in der »mißglückten« Revolution von 1918
liegt die Schrift von W. Tormin, Zwischen Rätediktatur und
sozialer Demokratie, Düsseldorf 1954 und die sehr umfang¬
reiche Studie von P. v. Oertzen, Betriebsräte in der Novem¬
berrevolution 1918 vor. Die Rätefrage »überhaupt«behandelt
L. Tschudi in seiner Dissertation Kritische Grundlegung der
Idee der direkten Rätedemokratie im Marxismus, Basel 1952.
Die Voraussetzungen, den Ablauf und die Resultate des
Prozesses der »Revolution« in Deutschland werden in A.
Rosenbergs, Entstehung und Geschichte der Weimarer Repu¬
blik, Frankfurt a. Main 1955 eindringlich dargestellt. Den
56
Versuch einer begrifflichen Grundlegung des Sozialisie¬
rungsgedankens, um der für den Aufbau des Sozialismus
nichtssagenden Formel der »Vergesellschaftung der Produk¬
tionsmittel« zu entgehen, unternimmt F. Weil in seiner auf
Korsch basierenden Schrift, Sozialisierung, Berlin 1921.
Die Schriften von K. Korsch, Marxismus und Philisophie,
Leipzig 1923 (2. Auflage 1930 mit neuer Standortbestim¬
mung des von der KPD ausgeschlossenen K.) und von G.
Lukäcs, Geschichte und Klassenbewußtsein, Berlin 1923, sind
die einzigen niveauvollen Versuche marxistischer Philoso¬
phen innerhalb der KP gewesen, in der Form »theoretischer
Aktionen«, die in der Organisation der Komintern und im
Proletariat sichtbar werdenden Prozesse der Verdinglichung
und Pragmatisierung der Marxschen Theorie entgegenzutre-
ten.
Von den Faschismusarbeiten in der Emigration ist beson¬
ders die von P. Sering (d. i. R. Loewenthal) in der Zeitschrift
fürSozialismusNr. 24/25; 26/27, Graphia, Karlsbad aus dem
Jahre 1935 zu nennen. In diesem Aufsatz wird auf die
wachsenden Kosten für den Verteilungs- und Verwaltungs¬
apparat, auf die den Subventionsstaat immer stärker belasten¬
den faux frais (toten Kosten) hingewiesen. Durch die vom
Staat ausgehaltenen unproduktiven Schichten treten neue
Tendenzen in der Klassendynamik auf, die das traditionelle
Schema von Lohnarbeit und Kapital nicht mehr erfassen
kann. Die Unentbehrlichkeit der Produktionsintelligenz für
die Reproduktion des Systems wird immer größer, die
Entbehrlichkeit der herrschenden Klasse wird auch immer
vollständiger. Da die sozialistische Arbeiterbewegung unfä¬
hig war, die Wirtschaftskrise sozialistisch zu gestalten, wurde
sie zum Objekt der Krise, wurde die »Volksgemeinschaft des
Bankrotts«, die in allen Schichten und Klassen zu finden war,
immer mehr die bestimmende Kraft der Gesellschaft:
Die typischen ^Resultate des Faschismus waren:
»1. eine neue höhere Form der staatlichen Organisation.
2. eine neue reaktionäre Form gesellschaftlicher Organisa¬
tion.
3. eine wachsende Hemmung der ökonomischen Entwick¬
lung durch reaktionäre Kräfte, die sich der Staatsmacht
■ bemächtigt haben.« (S. 787).
57
Trotzkis, Verratene Revolution (1937), Zürich 1957, mit
der These von der gemeinsamen Ursache für die historisch- !
inhaltlich verschiedenen Phänomene Stalinismus und Fa- 1
schismus, nämlich die Ursache der Niederlage der mitteleu- 1
ropäischen Arbeiterbewegung in den 20er Jahren, zog primär 1
Bilanz des 1. sowjetischen Fünfjahrplans und der Prozeß- \
welle gegen die »trotzkistische« Opposition.
Eine philosophisch glänzende und historisch-soziologisch [
unvollständige Beschreibung der Entwicklung des Marxis¬
mus innerhalb der Dynamik des Prozesses der sowjetischen
Gesellschaft von der Phase der ursprünglichen Akkumula-
tion bis zur gegenwärtigen entfalteten »Industriegesell¬
schaft«, ist im Buche von H. Marcuse, Sowjetmarxismus, '
Berlin-Neuwied 1964 zu finden.
In der Zeit des Sieges von Stalinismus und Faschismus ’
»verlagerte« sich das revolutionäre Zentrum immer mehr in
die durch Kolonialherrschaft ökonomisch zurückgehaltenen <
Länder, begann der Prozeß des revolutionären Volkskrieges t
in China, wovon die inzwischen berühmt gewordenen
Bücher von E. Snow, Red Star over China, New York 1937 1
und A. Smedley, Red China Marches, New York 1934 erste i
Kenntnis dieser Geschehnisse in den »ungläubigen« und f
Überraschten Westen brachten.
Die bedeutendsten Theoretiker der kolonialen Revolution,
Che Guevara, Der Partisanenkrieg, Berlin 1962; Frantz
Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1
1966 und Mao Tse-tung, Theorie des Guerillakrieges, mit
einem einleitenden Essay von S. Haffner, Hamburg 1966 1
liegen nun endlich in billigen Ausgaben in deutscher Sprache
vor. Mit der kritischen Analyse des westeuropäischen »Spät- 1
kapitalismus« sieht es sehr viel schlechter aus. Das gilt auch
für die theoretischen Ansätze, die in der von M. Horkheimer ,
herausgegebenen » Zeitschrift für Sozialforschung« (1932 - '
1938) sowohl durch K. Mandelbaum, Baumann, F. Weil
H. Grossmann, F. Pollock u.a. für die polit-ökonomische
Analyse der Transformation der kapitalistischen Gesellschaft
in den Sozialismus erarbeitet wurden, als auch für die zwar ,
mit den ökonomischen Arbeiten kaum vermittelten, dennoch
für eine Neubegründung einer revolutionären Theorie und >
Praxis unserer Zeit unerläßlichen damaligen Arbeiten von
58
M. Horkheimer und H. Marcuse; die nach dem 2. Weltkrieg
von Adorno und Horkheimer als den Hauptvertretern der
»Frankfurter Schule« des Instituts für Sozialforschung ver¬
öffentlichten ideologiekritischen Arbeiten sind so sehr be¬
kannt, daß sich eine bibliographische Aufzählung und Kom¬
mentierung erübrigt. Die Zerstörung der organisierten Ar¬
beiterbewegung durch den Faschismus und die Korrumpie-
rung des deutschen und internationalen Kommunismus
durch den Stalinismus, die Reorganisation und Rekonstruk¬
tion des Kapitalismus durch zunehmende staatsinterventio¬
nistische Regulierung der ehemals naturwüchsigen und anar¬
chischen Produktion u.a.m. begründeten die qualitativ neue
Form der kapitalistischen Gesellschaft, die mit der revolutio¬
när-antagonistischen Klassengesellschaft nicht gleichgesetzt
werden darf.
Ist die These des Genossen Mandel, daß der westeuropäi¬
sche Neokapitalismus sich tendenziel dem amerikanischen
annähert, richtig, so wird die Rezeption des unserer Ansicht
bedeutendsten theoretischen polit-ökonomischen Beitrags
seit dem Ende des 2. Weltkriegs, dem Buch Monopoly
Capitalism (for Che Guevara), New York 1966 von P. Baran
und P. Sweezy, für die Diskussion über die sozio-ökonomi-
sche Grundlage unserer praktisch-politischen Perspektive von
Wichtigkeit. Baran und Sweezy scheuen sich in ihrem Buch
nicht, für die politische Strategie des revolutionären Kampfes
in Amerika radikal materialistisch begründete Folgerungen
aus der durch die Entfaltung der Produktivkräfte und der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung total veränderten Stellung
der produktiven industriellen Arbeiterschaft innerhalb des
kapitalistischen Gesamtsystems zu ziehen: Die Industriear¬
beiterklasse ist in hohe Maße systemintegriert, ganz zu
schweigen von ihren Gewerkschaften. Nur die sehr hetero¬
genen Gruppen der »Outcasts«, ob nun Farmarbeiter oder
Ghettobewohner und die farbigen nationalen Minderheiten
stellen die radikale Negation des Systems dar.
Wir können die Bibliographie des politischen Marxismus
nicht abschließen, ohne den für die revolutionäre Gesamtbe¬
wegung unserer Zeit so gravierenden Gegensatz der Konzep¬
tionen der chinesischen und sowjetischen Genossen zu
nennen. Eine tiefgreifende Analyse, die die materiellen
59
Grundlagen der verschiedenen Theorien des revolutionäreil
Kampfes ausweist, die die problematische Entwicklung der
Sowjetunion und Osteuropas in Richtung sozialistische
Leistungsgesellschaft analysiert, die die philosophischen und
soziologischen Grundlagen der Theorie der permanenten
Revolution von Mao Tse-tung reflektiert, fehlt uns leider
noch.
Einige Bemerkungen darüber finden sich in der kleinen
Broschüre von P. Sweezy, The Split in the Capitalist and
Socialist World, New York 1962; W. Hoffmanns, Die Arbei¬
terverfassung der Sowjetunion, Berlin 1956, die zusammen
mit dem Sowjetmarxismus von H. Marcuse zu lesen ist,
können für die weiter oben gestellte Problematik der Sowjet¬
union die Grundlage abgeben.
Dieser Text erschien im Oktober 1966 als Sondernummer der
(verbandsinternen) SDS-Korrespondenz, die vom Bundes¬
vorstand in Frankfurt/Main herausgegeben wurde. Die Bi¬
bliographie gibt einen guten Eindruck davon, wie bedeu¬
tungsvoll und schwierig die theoretische Wiederaneignung
der revolutionären Tradition damals war. Sie wurde von
Rudi Dutschke und den anderen Antiautoritären im SDS als
Basis für ein alternatives Schulungsprogramm verstanden.
Die Bibliographie stand in geplant-provokativer Konkurrenz
zum Entwurf der Marburger SDSler Frank Deppe und Kurt
Steinhaus, die, am traditionellen Marxismus orientiert, die
Geschichte von Klassenkämpfen wesentlich aus der Entwick¬
lung der Produktivkräfte ableit(et)en. - Um den Dokument-
Charakter des Textes nicht zu beeinträchtigen wurde darauf
verzichtet, die inzwischen erschienenen deutschen Ausgaben
bzw. Neuauflagen der zitierten Bücher zu nennen (gekürzte
Fassung).
60
Demokratie, Universität und Gesellschaft
(Wir sind dabei, die akademische Würde zu verlieren - und
das ist gut so)
I.
Wir haben in unserer Geschichte die »Restaurationen der
modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen.
Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine
Revolution wagten, und zweitens, weil andere Völker eine
Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren
Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine
Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden
uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag
ihrer Beerdigung.« (Marx, Einleitung zur Kritik der Hegel-
schen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 379/380). Marx schrieb
diese Sätze 1844, leider hat sich bis heute die untertänig-
reaktionäre Kontinuität in der deutschen Geschichte durch¬
gehalten.
Wir müssen uns der bedeutendsten Prozeßpunkte dieses
Geschehens erinnern, um die Besonderheit der deutschen
Entwicklung, die wie ein Alp noch auf unserer Gegenwart
lastet, voll zu begreifen.
Der Ruf cler studentischen Opposition nach Demokrati¬
sierung der Hochschulen ist von dem geschichtlichen Prozeß
der Entdemokratisierung der Gesellschaft nicht zu trennen.
Der historische Exkurs hat die Funktion, die gegenwärtig
sehr schwierige, wenn auch nicht hoffnungslose Lage der
antiautoritären Kräfte ^n der Universität verständlicher zu
machen, ihre Auseinandersetzung als Fortsetzung des bald
hundertjährigen Kampfes um gerechtere Formen menschli¬
chen Zusammenlebens in Deutschland aufzuzeigen.
IL
Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 war nicht das
Resultat einer bürgerlich-nationalen Revolution; keine breite
Volksbewegung, sondern der militärische Erfolg des preußi-
61
sehen Staates begründete die deutsche Nation. Damit war die I
Herausbildung eines einheitlichen bürgerlichen Nationalbe¬
wußtseins, in England und Frankreich Ergebnis spontaner j
Massentätigkeit, verhindert. Der militärisch-bürokratische
Gewaltapparat, als übergreifende Einheit des Bündnisses von
Junkern, Teilen der Bourgeoisie (Schwerindustrie) und des ;
von der Existenz des Staatsapparates materiell abhängigen .
städtischen Kleinbürgertums, hatte die Aufgabe, die Unter- *
drückung der oppositionell-demokratischen Kräfte im In- 1
nern und die militärisch-ökonomische Expansion nach außen *
zu gewährleisten.
In Wechselwirkung zu diesem Apparat war eine sich durch !
hohe Konzentration und Zentralisation des Kapitals aus¬
zeichnende Wirtschaftsmaschinerie entstanden. Dennoch j
war das Bürgertum nur durch seine stärkste Fraktion i
(Schwerindustrie) im Staatsapparat vertreten.
Der konstituierende Widerspruch in der deutschen Ent- !
Wicklung bis 1918 war die sehr große Spannung zwischen den
hohen und modernen Formen der industriellen Entwicklung i
auf der einen Seite und der konservativ-halbabsolutistischen
politischen Herrschaftsform auf der anderen Seite, der Riß im
Volke zwischen der pivilegierten Minderheit und der be¬
herrschten Mehrheit (Arbeiterklasse, Bauernschaft, katholi- ,
scher Volksteil).
Die durch den Ausgang des 1. Weltkrieges gegebene
Möglichkeit, die demokratische Revolution, vielleicht sogar
unter sozialistischen Vorzeichen, nachzuholen, schlug fehl.
Die ohne gemeinsamen Oberbefehl und ohne koordinierte 1
Führung entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte, die revo¬
lutionären Selbstverwaltungsorgane des politisierten Volkes,
konzentrierten sich primär auf die Demobilisierung des
kaiserlichen Heeres, auf die Sicherung der Ernährung der
Bevölkerung, schließlich auf die Vorbereitung der Wahl für
die Nationalversammlung, der sie auch ihre Macht überga¬
ben.
Sie enteigneten nicht die geflohenen Herrschaftshäuser,
beseitigten nicht die nach ihrem Abgang absurd gewordene
Kleinstaaterei, ließen die Grundbesitzer und die diskriminie¬
renden lokalen Privilegien der Junker unberührt, zerschlu¬
gen nicht die »Kontinuität der militärischen Führung«, haben
62
weder die für den Krieg wesenhaft mitverantwortliche
Schwerindustrie sozialisiert, noch eine Armee des Volkes zur
Sicherung und Fonführung der Revolution geschaffen.
Von bestimmender Bedeutung für dieses historische Ver¬
sagen war die Tatsache, daß die deutsche Arbeiterbewegung
als tragender Repräsentant der demokratischen Revolution
nicht begriffen hatte, daß unter den Voraussetzungen eines
komplizierten Industrie-, Administrations-, Justiz- und Mi¬
litärapparats die Macht der Reaktion nur durch schnelle und
vollständige Übernahme und Demokratisierung dieser Ap¬
parate gebrochen werden konnte. So fehlte die politisch¬
organisatorische Kraft, die die bewußte Kontrolle über Staat
und Wirtschaft hätte übernehmen können, kam es nicht zur
Entfaltung der Selbsttätigkeit der Massen gegen die sich
temporär zurückziehenden Kräfte des Kapitals und Gro߬
grundbesitzes, konnte die überfällige Umwälzung der gesell¬
schaftlichen Grundlagen nicht in Angriff genommen werden.
Haben wir es nicht geschafft, die demokratischen Mo¬
mente der bürgerlichen Gesellschaft im Laufe unserer Ge¬
schichte materiell und ideell zu verankern, ihre partielle
Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse zu genießen, so
ist es uns nicht erspart geblieben, ihre negative Spitze, den
Faschismus, konkret zu erleiden. Die damit verbundene
ungeheure Entmündigung und Erniedrigung der Menschen,
die fast vollständige Entpolitisierung der Massen, die Ver¬
nichtung der intellektuellen, politischen, menschlichen und
wirtschaftlichen Reichtümer bildeten für den erneuten An¬
lauf einer demokratischen Umwälzung die denkbar schlech¬
testen Voraussetzungen.
Der Tag der Befreiung sah in den Westzonen die Mitver¬
antwortlichen des Krieges, die Vertreter des Militärs, der
Bürokratie, der liberalen Bourgeoisie, die Repräsentanten der
inneren Emigration< gegen Hitler, kurz, all die Gruppen, die
den Faschismus halben Herzens ablehnten und den Kapita¬
lismus mit ganzer Seele liebten, friedlich vereint: sie waren
gekommen, um die wieder einmal mögliche und noch
notwendigere völlige Verschiebung der Macht- und Eigen¬
tumsverhältnisse mit der geschickten Formel von der »Wie¬
derherstellung der Freiheit und des Rechtsstaats« erneut zu
verhindern. Die durch Krieg und Verfolgung geschwächte
63
Sozialdemokratie und die von der Sowjetunion völlig abhän¬
gige KPD waren weder willens noch fähig, den Kräften der
Restauration ein radikaldemokratisches Programm, die end¬
liche Einlösung der Forderungen von 1918, entgegenzuhal¬
ten.
In der Ostzone gab es zwar bald die so unerläßliche
objektive Voraussetzung der Demokratisierung, die Ver¬
staatlichung der Schwerindustrie, die Aufteilung des Gro߬
grundbesitzes, aber es kam zu keinem die Initiative und den
Demokratisierungsprozeß der Bevölkerung und des öffent¬
lichen Lebens vorantreibenden kritischen Dialog zwischen
stalinistisch-bürokratischer Führung und durchaus antikapi¬
talistischen Massen. Die konservativen Kräfte in der Bundes¬
republik erhielten die zusätzliche Chance, durch Beschwö¬
rung der kommunistischen Gefahr, "durch ideologische
Schaffung eines Feindkomplexes, die Mehrheit des Volkes
von der Erkenntnis der notwendigen Beseitigung der Wur¬
zeln des Faschismus, der kapitalistischen Produktionsweise,
abzulenken.
Der Scheinkonflikt mit Realitätsgehalt, der »kalte Krieg<,
diente in der Ost-West-Auseinandersetzung als ideologische
und materielle Produktivkraft zur besseren Anpassung und
Exploitierung der Lohnabhängigen auf beiden Seiten.
III.
Die Gründung und der »Geist der FU« sind von diesem
politischen Zusammenhang nicht zu trennen.
Die richtige Ablehnung des Stalinismus, die CIA-Gelder,
die unklaren Vorstellungen der Studenten und Professoren
über eine »freiheitlich-demokratische Grundordnung«, die
objektive Funktion West-Berlins als »Schaufenster des We¬
stens« etc. führten zu einer unwirklichen Abstraktion; dem
»Berliner Modell«, der »Gemeinschaft der Lehrenden und
Lernenden«, worüber noch zu reden sein wird. Vorher
müssen wir noch das konkret Allgemeine, die sozio-ökono-
mische Entwicklung der BRD skizzieren, um von dieser
Grundlage aus das konkret Besondere, die Universität, und
schließlich das Einzelne, die FU-Berlin wirklich zu begrei¬
fen.
64
Die sozio-ökonomische Entwicklung der heutigen BRD
begann unter günstigen Bedingungen:
a) nur 8% der Industrieanlagen in der BRD waren
demontiert;
b) eine >großzügige< Kapitalunterstützung durch die USA
setzte ein;
c) die für die Höhe der Wachstumsraten entscheidende
Arbeitskräftestruktur war quantitativ und qualitativ gege¬
ben; die Kriegsverluste wurden durch Facharbeiter aus den
ehemaligen deutschen Ostgebieten und bis zum 13. August
1961 durch DDR-Abwanderer ausgeglichen.
Schon 1950 wurde der Vorkriegsstand der Produktion für
den BRD-Wirtschaftsraum überschritten. Die ökonomische
Rekonstruktionsperiode ist aber erst beendet, wird sie nicht
durch politische und ökonomische Krisen vorzeitig abgebro¬
chen, wenn das empirische Produktionsniveau den Stand
erreicht hat, der erreicht worden wäre, wenn der Krieg nicht
stattgefunden hätte, d. h. erst bei voller Ausnutzung der
vorhandenen quantitativen und qualitativen Arbeitskräfte¬
struktur, des vollen Einsatzes aller Produktivkräfte. Die von
Krieg und anderen Krisen ungestörte wirtschaftliche Ent¬
wicklung zeigt in ihren wichtigsten Kennziffern, wie Natio¬
naleinkommen und Produktionsvolumen, eine geometrische
I Progression, d. h. vermehrt sich pro Zeiteinheit um einen
konstanten Faktor, z. B. von Jahr zu Jahr um 7%, was einer
i Verdoppelungsdauer des Produktionsniveaus von ca. 10
Jahren entspricht. (Vgl. Franz Jänossy, Das Ende der Wirt-
I schaftswunder, Frankfurt/Main o. J.). Diese »Trendlinie«
des »normalen Wachstums«, die nur begrenzt ist durch die
1 auf der Grundlage spezifischer Produktionsverhältnisse sich
herstellende Arbeitskräftestruktur, wird am Ende der Re¬
konstruktionsperiode, d. h. nach dem Aufholen der durch
| Krisen und Krieg hervorgerufenen Wachstumsrückstände,
i erreicht.
f Davon kann in der BRD seit ca. 1963/64 gesprochen
werden, zeigte sich doch in den letzten Jahren ein deutliches
( Fallen der Wachstumsraten, brachten auch hohe Investitio¬
nen nicht mehr die erwartete Steigerung der Arbeitsproduk-
i tivität mit sich. Die Basis der sozio-ökonomischen Entwick-
• hing, die Beschaffenheit der Qualifikation der Arbeitskraft,
scheint ausgeschöpft zu sein. Doch noch bedeutender ist die
Tatsache, daß in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswun¬
ders keine Anstrengungen für ein »Anderswerden« der
Berufsstruktur der Facharbeiter unternommen wurden, daß
der Aufbau und Ausbau der Universitäten und Hochschulen
im wesentlichen stagnierte. Nun, am Ende der riesigen
Aufschwungsperiode, müssen, um eine politische und öko¬
nomische Krise zu verhindern, unter erschwerten Bedingun¬
gen überhastete Notmaßnahmen ergriffen werden:
- Im Laufe der prosperierenden Rekonstruktionsperiode
mit ihren hohen Wachstumsraten wurden dem finanziell
starken, aber politisch schwachen Staat durch Druck politi¬
scher oder sonstiger Interessenverbände hohe Subventionen
abgerungen. Die Verteilung des Sozialprodukts nach politi¬
schen Gesichtspunkten ist Kennzeichen der entwickelten
Interessentendemokratie.
- Am Ende des Wirtschaftswunders erscheinen die Sub¬
ventionen für die stützungsbedürftigen Produktionszweige
wie Bergbau und Landwirtschaft als für die Stabilisierung der
öffentlichen Finanzen gefährliche »Totgewichte« der Wirt¬
schaft.
- Das Eigengewicht der Interessenverbände und ihre
Forderungen können in der noch pluralistischen Gesell¬
schaftsform nicht ohne weiteres abgebaut werden, der poli¬
tische und soziale Sprengstoff wäre bei einer liberalistischen
>Lösung< des Problems zu groß. Die Idee einer vorläufigen
>subventionistischen Krisenverschleppung« scheint sich/auch
in der »Großen Koalition« durchzusetzen.
- Die langfristig-strategische Planung der Überwindung
der Strukturkrise wird durch Stabilisierungsgesetze, Finanz¬
reform, Parlamentsreform, Notsundsgesetze etc. angegan¬
gen. Ziel ist die staatliche .Regulierung und Führung der
Wirtschaft im Interesse der Beibehaltung der bestehenden
Eigentums- und Gesellschaftsverhältnisse.
- Als günstigster Ort für eine kurzfristige »out-put-Steige-
rung< gut ausgebildeter Kräfte der technischen, ökonomi¬
schen und pädagogischen Intelligenz, die am Ende der
Rekonstruktionsperiode besonders wichtig ist, bietet sich die
Universität an. Die Verwissenschaftlichung des Produk¬
tionsprozesses bringt notwendigerweise eine enge Beziehung
66
zwischen den herrschenden Interessen der Gesellschaft und
dem Ausbildungsgang an der Universität zustande.
Das in den letzten Jahren sprunghaft gestiegene Interesse
der Vertreter der herrschenden Un-Ordnung an der Reform
der Universität gewinnt seinen materialistischen Begrün¬
dungszusammenhang in der oben skizzierten ökonomischen
Entwicklung. Die Krise in den öffentlichen Finanzen, die
eine notwendige Widerspiegelung der ökonomischen Struk¬
turschwierigkeiten im Subventionsstaat darstellt, und für
Hunderttausende eine wirkliche Senkung des Lebensstan¬
dards mit sich brachte, verbietet einen umfassenden und
langfristigen Aufbau neuer Universitäten, den Ausbau der
vorhandenen. Man will sich vorläufig begnügen mit der
Ausschöpfung der »unausgenutzten Kapazitäten« in der Uni¬
versität. Eine höhere >out-put-Rate< ist aber gegenwärtig nur
noch durch administrative Maßnahmen zu erreichen. Das
»Gespräch« über »Reform« schlägt in bürokratischen Zwang
um. Zwangsexmatrikulation, Studienzeitverkürzung und
Studiengelderhöhung kennzeichnen die wirklichen Reform¬
vorstellungen der Interessenvertreter des Staates. Die auf der
letzten Tagung des Wissenschaftsrats in Berlin (20. - 22. 5.
1967) verabschiedete Empfehlung über die Studienbeschrän¬
kung in den Naturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaf¬
ten und bezeichnenderweise auch den stark belegten Fächern
der Philosophischen Fakultät, aus denen zumeist die kri¬
tisch-oppositionellen Studenten kommen, bestätigen die
Grundtendenz.
Die bisher infolge starken Widerstands der Studenten¬
schaft noch aufgeschobene Studienzeitverkürzung auf
durchschnittlich 8 Semester bedroht ca. 50% der Studenten¬
schaft. Zur Zeit beenden 40 - 50 % ihr Studium nach dem 10.
oder 11. Semester nicht, was zumeist auf finanzielle und
psychologische Belastungen zurückzuführen ist. Eine Stu¬
dienzeitverkürzung mit erhöhter Ausstoßquote und einer
darauf wartenden Armee von Reserve-Studenten wäre in der
Tat im Sinne der Effektivitätssceigerung ein »Fortschritt«,
ähnlich wie von vielen die Beseitigung der Autonomie der
Universität als Fortschritt im Sinne rationalerer Bewältigung
gesamtgesellschaftlicher Aufgaben betrachtet wird. In beiden
Fällen liegt ein profitorientierter Fortschrittsbegriff vor, der
67
nicht begreifen will, daß diese Maßnahmen nur auf die
reibungslosere Aufrechterhaltung der bürgerlichen Gesell¬
schaft hinzielen, der nicht mehr nach den irrationalen
Voraussetzungen dieses Staates fragt (wie Spaltung der
Gesellschaft in Lohnarbeit und verselbständigtem Kapitalin¬
teresse, woraus Rüstung, Arbeitslosigkeit, die Menschen
beherrschende Kulturindustrie u. a. m. resultieren).
Die objektiven Anforderungen der Gesellschaft an die
Universität, die aus dem Wachstum und Wandel der ökono¬
mischen Situation der BRD hervorgehen, bedürfen nun zum
vollen Verständnis auch der Reflexion über die Entwicklung
der studentischen Organisationen und der universitären
Hierarchie, durch deren Dynamik die ökonomischen Not¬
wendigkeiten sich durchsetzen sollen.
Wir nehmen dafür die Freie Universität, ihr »Berliner
Modells den erreichten Stand der Politisierung der Studen¬
tenschaft, den Stand der Auseinandersetzung mit der Univer¬
sitätsbürokratie und mit der »Öffentlichkeit« als Ausgangs¬
punkt der Analyse. Die kürzliche Urabstimmung als bisher
letzter Höhepunkt der Auseinandersetzungen, dem be¬
stimmt neue auf erweiterter Stufe folgen werden, brachte
einen zahlenmäßig knappen Erfolg der AStA. Die wahre
inhaltliche Bedeutung des Ergebnisses erschließt sich erst
dem, der weiß und begreift, daß es bei der Wahl um den
Erfolg der antiautoritären Tendenz gegen die autoritäre des
Rektorats, nicht um Bestätigung oder Abwahl der Studenten¬
vertretung ging. So wurde nämlich in letzter Konsequenz die
gesellschaftliche Grundfrage unter »hochschulpolitischen«
Vorzeichen ausgetragen. Das Ergebnis war paradox: die
gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit der systematisch
entmündigten Massen, die periodisch einen Beweis ihrer
geistigen Reduziertheit antreten dürfen, reproduzierte sich
nicht. Fast 50% der Wähler stimmten für das antiautoritäre
Lager.
Wie kam es zu diesem überraschenden Ergebnis, was
bedeutet es und welche Schlußfolgerungen sind daraus zu
ziehen? Sind die >FU-Zustände< ein nur lokal zu verstehender
Anachronismus oder stellen sie die Zukunft der deutschen
Universitäten überhaupt dar? Schon in den 50er Jahren bildet
sich an der Philosophischen Fakultät, von kritischen Profes-
68
soren angeregt, eine linke Subkultur heraus, sorgte für eine
, Kontinuität kritischen Bewußtseins an der Universität und in
J den sich konstituierenden politischen Studentenverbänden.
In dieser Fakultät war es bisher noch am ehesten möglich,
1 sich zu der eigenen wissenschaftlichen Arbeit menschlich zu
i verhalten, das heißt ihr Verhältnis zur Bewußtwerdung und
Humanisierung von Gesellschaft und Natur kritisch zu
1 prüfen, Soziologie z. B. als den zur »Wissenschaft geworde-
j nen Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft« (S. Lands-
[ hut, Kritik der Soziologie, Leipzig 1929, S. 63) zu begreifen.
Für diese Gruppierung war die Trennung von Hochschulpo¬
litik und allgemeiner Politik, die Trennung von Universität
und Gesellschaft nur Ausdruck der Reproduktion der »Spal¬
tung des Menschen« in Privatmann und Staatsbürger. Sie
ergriff jede Gelegenheit, um durch außen- und innenpoliti¬
sche Aufklärungsveranstaltungen und Demonstrationen den
Zusammenhang von Wissenschaft und Politik herauszuar-
I beiten. Dennoch war ihre Isoliertheit innerhalb der Studen-
| tenschaft nicht zu übersehen. Eine wesentliche Verschiebung
1 erfolgte erst zwischen 1963/66, viele Faktoren kamen zusam¬
men:
die gegen Tschombe, Verwoerd und das Südvietnamesi¬
sche Regime durchgeführten Demonstrationen und Aktio¬
nen hatten »Konflikte« mit der Polizei herbei geführt;
I die Westberliner Presse begann sich auf die »Radaubrüder,
I die sich Studenten nennen«, »einzuschießen«;
die Anzahl der Informations- und Aufklarungsveranstal-
tungen der linken politischen Studentenverbände war stark
angestiegen;
der »herrschende Antikommunismus« wurde durchbro¬
chen; niemand liebte Ulbricht und seine Bürokratie, aberden
meisten wurde er bedeutungslos und langweilig; es wurde
; erkannt, daß dieser »faule Fleck« des Sozialismus von unseren
- Herrschenden nur als Rechtfertigung und Kaschierung ihrer
eigenen Schwächen benutzt wurde;
die Existenz und Virulenz der nationalen Befreiungsbewe-
) gungen, besonders die der FNL Südvietnams, faszinierte
große Teile der Studentenschaft, wie die sich immer deutli-
. eher abzeichnende und zunehmende Aggression der USA in
Vietnam die anderen Teile verwirrte und beunruhigte; der
»Fall Krippendorf« und die »Affäre Kuby< verletzten das
demokratische Empfinden vieler Studenten;
die Universitätsverwaltung begann ihre restriktionsfreu¬
dige Poltik;
die Arbeitssituation an der Freien Universität wurde
tendenziell schlechter, die Zahl der Studenten größer; die
Qualität der Vorlesungen und Seminare sank infolge büro¬
kratischer Verpflichtungen der Professoren ab;
das latente und ganz abstrakte Unbehagen über die beste¬
hende Ordnung, die Erfahrung mit der Polizei auf der Straße,
die Aufklärung in und durch die Veranstaltungen, der Druck
von außen und die bewußte oder unbewußte Überzeugung,
daß die Gesellschaft an den persönlichen seelischen und
körperlichen Verkrüppelungen hohe Schuld trägt, schufen
eine psychische Disposition, die starke antiautoritäre Ten¬
denzen und Elemente in sich trägt;
der AStA konnte sich der allgemeinen Politisierung nicht
entziehen, ganz im Gegenteil, wurde bald Motor in der
weiteren Auseinandersetzung mit der Administration.
Uber Rolle, Funktion und Möglichkeiten des Allgemeinen
Studentenausschusses muß einiges hinzugefügt werden: er ist
der einzige Ort innerhalb der hierarchischen Gliederung der
Universität, wo sich ein relatives, immer wieder erneut
herzustellendes Vertrauen zwischen den >Funktionären< und
der Studentenschaft herstellen kann. Hier ist auch die
schwächste Stelle der autoritären Universität.
Die Bürokratisierungstendenz des AStA und die unpoliti¬
sche Haltung der Studentenschaft bedingen sich wechselsei¬
tig. Die Aufgabe der linken Studentenverbände besteht
gerade darin, eine der beiden Seiten stärker zu politisieren,
um die Bewußtseinsschärfung größerer Teile der Studenten¬
schaft durch Aktion und Aufklärung zu ermöglichen. Hinzu
kommt, daß die studentische >Basis< nicht wie bei den
Parteien des Faschismus, Stahmsmus und autoritären Staats¬
kapitalismus (SPD, CDU-CSU) materiell von der etablierten
»Führung« abhängig ist. Einem kritischen Dialog zwischen
den mündigen Teilen der Studentenschaft und ihren tempo¬
rären Vertretern, die eben keine »Berufspolitiker« sind, steht
prinzipiell nichts im Wege. Diese in der Gesellschaft schon
längst abgeschaffte Möglichkeit ist der größte Schutz der
70
Studenten gegen die autoritären Anforderungen von Univer¬
sitätsbürokratie und Gesamtgesellscbaft.
Die >Sit-Ins< sind Kampagnen, um die Aktionseinheit des
antiautoritären Lagers mit seinen zeitweiligen Repräsentan¬
ten zu ermöglichen, um »Gesprächen« jenseits der bewußten
Öffentlichkeit der Universität vorzubeugen. Wir sollten uns
darüber klar sein, daß der Senat und sein verlängerter Arm,
die Universitätsbürokratie, weder in der Bevölkerung noch
im autoritätsfixierten Lager der Universität eine aktive und
stabile Massenbasis gegen die Opposition haben. Die Mobi¬
lisierung der Pseudoöffentlichkeit der Massen-Medien gegen
uns ist unvermeidbar, aber relativ unwichtig. So bleibt ihnen
gegen die oppositionellen Studenten nur die polizeiliche und
bürokratische Gewalt, von der sie auf kurz oder lang wieder
Gebrauch machen werden.
Die bewußteste und aktivste Opposition gegen die Entde¬
mokratisierung der Gesellschaft geht von den Universitäten
aus. Die tendenzielle Beseitigung der studentischen Opposi¬
tion durch exemplarische Bestrafung und Relegierung der
»Rädelsführer« muß als Angriff auf die bedeutendsten An¬
sätze demokratischen Bewußtseins angesehen und mit adä¬
quaten Aktionsformen beantwortet werden. Die Auseinan¬
dersetzung in West-Berlin trägt einen doppelt beispielhaften
Charakter:
für die westdeutschen Universitäten;
die FU-Bürokratie will den Disziplinierungswillen der
Universitätshierarchie demonstrieren.
Die durch große Teile der Professorenschaft vertretene
hierarchische Struktur der Universität beabsichtigt, um die
Eigenständigkeit ihrer Lehre und Forschung zu erhalten, mit
den profitorientierten Rationalisierungsvorschlägen der Kul¬
tusminister einen Kompromiß auf dem Rücken der Studen¬
tenschaft einzugehen, sich mit Studienbeschränkungen, Stu¬
dienzeitverkürzung usw. einverstanden zu erklären, was
nichts anderes heißt, als für sich die Wissenschaft behalten zu
wollen, den Studenten aber eine schnelle Berufsschule in
Richtung Amt und Ehe anzubieten!
Die Kultusminister, zwar zufrieden mit der Ausbildung
von »Spezialisten ohne Herz und Verstand« (M. Weber),
vulgärer: »Fachidioten« wollen dennoch die Beseitigung
71
>alter Zöpfe der Hierarchie« den Studenten als »größere
Mitbestimmung« verkaufen; die Kette erhält einige Blu¬
men. Die Studenten sollen ihre eigene Beerdigung organisie¬
ren dürfen. Studienzeitverkürzung, Studienbeschränkung, 1
Zwangsexmatrikulation und Mitbestimmung schließen sich
per definitionem aus. 1
Nur noch wenige Professoren lehren etwas über den
Zusammenhang wissenschaftlicher Ausbildung und prak- >
tisch-politischer Tätigkeit im Namen der Vernunft gegen die
Herrschaft der Unmündigkeit, der »totgeschlagenen Materie« |
über den lebendigen Menschen. Aus dieser Trennung von
Wissenschaft und Befreiungsbewegungen resultiert u. a. eine
der symptomatischsten und erschreckendsten Erscheinun¬
gen des gegenwärtigen Studiums: die völlige Beziehungslo- j
sigkeit zwischen dem Professor und den Studenten. ;
In Kürze haben die jungen Studenten die Routine und
Langweiligkeit der »Vorführung« des Materials durchschaut, >
dann gibt es nur noch eine müde und mechanische Reaktion.
Der Zusammenhang ist einleuchtend: die Gesellschaft erwar- |
tet von der Universität mit zynischer Selbstverständlichkeit
»sozialisierte« und untertänige Staatsdiener (Mono: Berlin
braucht keine Provos, sondern Studenten für Deutschland. !
Ja, für Ihr Deutschland).
Der ernsthafte Teil der Studentenschaft, das kritisch¬
antiautoritäre Lager betrachtet die Studienzeit nicht als
Rezeption bedeutungslosen Wissens, nicht als Durchgang
zum sozialen Aufstieg in einer repressiven Gesellschaft, nicht
als lustigen Zeitvertreib oder pseudo-revolutionäreS Happe¬
ning, sondern als die der Mehrheit der Menschen systema- 1
tisch verweigerte Möglichkeit, sich durch intensive Anstren- 1
gung von den durch Vergangenheit und Erziehung verinner- '
lichten fremden Herrschaftsinteressen zu befreien, die spe¬
zifisch menschliche Verstandestätigkeit in sprengende Ver- f
nunft gegen die bestehende Gesellschaft zu transformieren. J
Die Niederlage dieser Studenten wäre der Sieg der autori- >
täten Leistungsuniversität. In ihr geht alle Aktivität und
Bewegung von oben aus. Ihr Telos ist der geschlossene und <
formierte Einsatz aller Abteilungen und Ressorts für die Ziele
der Gesamtpolitik, d. h. für den Status quo des etablierten
Gleichgewichts der Herrschaft. 1
I
72
IV.
Die parlamentarische Demokratie sollte und konnte nach
dem Faschismus nur eine Übergangsperiode für die Rekon¬
struktionsperiode sein. Zweiparteiensystem, Notstandsge¬
setze, Stabilisierungsgesetze und Leistungsuniversitäten
markieren den Weg in den autoritären Staatskapitalismus.
Der parlamentarische Staat als eine große Börse der
Interessengruppen, die Kompromisse über ihren Anteil am
Sozialprodukt eingingen, soll ersetzt werden durch die
Herrschaft der »sachorientierten« Verwaltungsmaschine, der
staatlichen Exekutive. Das »natürliche Bedürfnis« nach Be¬
schränkung aller Interessen und Tätigkeiten auf den Rahmen
der bürgerlichen Gesellschaft findet in der staatlichen Exeku¬
tive seinen vollendetsten Ausdruck. Die Ablehnung und
Durchbrechung dieser »Ordnung« durch die Studenten ist die
conditio sine qua non unserer antiautoritären Praxis. Diese
»neue Form« der staatlichen Organisation beseitigt die bishe¬
rige Eigengesetzlichkeit der politischen Mechanik der Inter¬
essendemokratie, der Kompromiß- und Resultantencharak¬
ter der Politik verschwindet.
Die einheitliche und zentrale Leitung der Gesellschaft,
erzwungen durch die Funktionsnotwendigkeiten des Sub¬
ventionsstaates, die Anwendung der modernen Planwirt¬
schaft und der organisierten Arbeitslosigkeit lassen unsere
Gesellschaft als eine »Parodie auf die klassenlose Gesellschaft«
erscheinen. Noch werden die Menschen durch ein System
von Konzessionen bei der Stange gehalten.
Die materiellen Bedingungen für die Aufkündigung des
»Bündnisses« zwischen Beherrschten und Herrschenden sind
schon längst reif, alles hängt vom bewußten Willen der
Menschen ab, die von ihnen schon immer gemachte Ge¬
schichte endlich der Kontrolle und den Bedürfnissen des
Menschen zu unterwerfen.
In der jetzigen Phase des Übergangs zu einer neuen Form
der »regulierten Beherrschung« der Menschen ist die Heraus¬
bildung eines antiautoritären Lagers an der Universität von
wesentlicher Bedeutung für die gesamtgesellschaftliche Ent¬
wicklung.
Wir befinden uns in der Auseinandersetzung an der Freien
Universität an einem Prozeßpunkt, wo für die nächste Zeit
73
eine plötzlich zugespitzte Situation zu erwarten ist, eine
Situation, in der sich die allgemeine Tendenz der profitorien¬
tierten Leistungsuniversität gegen die antiautoritären Kräfte
durchzusetzen versuchen wird. Das neue Universitätsgesetz
der Wand, ohne illusionäre Hoffnungen, aber wir führen sie j
permanent und haben die Überzeugung, durch die ununter- )
brochene Vermittlung von Aktionen und Aufklärungskam- j
pagnen unser »Lager« der Anti-Autoritären vergrößern zu l
können. Wofür? Für die Aufrechterhaltung des Beispielcha- ]
rakters der an der FU geführten Auseinandersetzungen für I
die anderen westdeutschen Universitäten, für die Erweite¬
rung des Bündnisses mit den wenigen antiautoritären Grup¬
pen in der Gesellschaft, last not least in eigener Sache, ist doch j
die Herausbildung antiautontärer Charakterstrukturen ein
Wert in sich, ein elementar wichtiger Schritt auf dem Wege |
zur menschlichen Emanzipation. ,
Wir schwimmen nicht mehr im Schlepptau der öffentli- .
eben Meinung, sind kein von Parteien und Interessengruppen I
umschmeicheltes Lieblingskind, »man« lobt uns nicht mehr-
und das ist gut so. Wir sind dabei, die akademische Würde zu 1
verlieren und das ist gut so. Wir sind dabei, die akademische
Würde zu verlieren und das »Niveau der Geschichte« (Marx) '
zu gewinnen, das Niveau von Madrid, Barcelona, Berkeley
und Caracas. |
»Friede« dem Berliner Modell, Krieg den autoritären Zu¬
ständen in und außerhalb der Universität! |
Dieser Beitrag entstand im Mai 1967, unmittelbar nach
einer vom AStA der FU durchgeführten Urabstimmung. Der
Hintergrund: nach einem Sit-In hatte der Rektor der FU,
Lieber, die Verträge der beiden AStA-Vorsitzenden und des f
Konventsvorsitzenden, die HiWi-Stellen innehatten, gekün¬
digt sowie gegen die Betroffenen und zwei weitere Studenten r
(unter ihnen Dutscbke) ein Disziplinarverfahren angekün¬
digt. Daraufhin beschloß der Konvent eine Urabstimmung: ,
der studentischen Vertretung sollte das Vertrauen ausgespro¬
chen werden. Die Abstimmung - ein riskantes Unternehmen
- ging knapp aus: 46,1 % stimmten für den AStA, 43,4% gegen '
ihn. - Der Fall Kuby: mit ihm begann die Serie der offenen
politischen Auseinandersetzungen an der FU; Erich Kuby
war vom AStA eingeladen worden, am 7. Mai 1965 an einer
Podiumsdiskussion aus Anlaß des 20. Jahrestages der Kapitu¬
lation des Dritten Reiches teilzunehmen. Kuby war daraufhin
von Rektor Lüers die Teilnahme verboten worden - Begrün¬
dung: Kuby habe sich sieben Jahre vorher in einem Vortrag
an der FU abschätzig über diese Universität geäußert. Dieses
Verbot löste den entschiedenen Protest fast aller studentischen
Organisationen aus. - Der Fall Krippendorf: Ekkehart Krip¬
pendorf, Assistent am Otto-Suhr-Institut der FU, hatte
öffentlich die Entscheidung von Rektor Lüers kritisiert.
Daraufhin wurde ihm vom Rektor mitgeteilt, sein Vertrag
werde nicht verlängert werden. Auch in diesem Fall wandten
sich fast alle studentischen Organisationen gegen die autori¬
täre Entscheidung. Der Konflikt endete mit einem Kompro¬
miß: der Vertrag wurde zwar nicht verlängert, Krippendorf
bekam aber ein Habilitationsstipendium.
75
Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivis¬
mus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt!
(Redebeitrag auf dem Kongreß in Hannover am 9. Juni 1967)
Rudi Dutschke:
Meine Damen und Herren, um ihre Zeit nicht zu sehr in
Anspruch zu nehmen, habe ich das ausgearbeitete Referat
wesentlich gekürzt.,
Mit der Verringerung der Möglichkeiten, die Schranken
der Akkumulation durch Ausdehnung des kapitalistischen
Feldes zu überwinden - die Welt ist auf geteilt, die Dritte Welt
hat ihren Kampf begonnen -, mit dem dadurch bedingten
Ausmaß der Kapitalvernichtung, durch Rüstung, künstliche
Aufblähung eines gigantischen Bürokraten- und Verwal¬
tungsapparates, struktureller Arbeitslosigkeit, unausgenutz-
ten Kapazitäten, Reklame etc., das heißt also mit dem
Anwachsen der gesellschaftlichen toten Kosten, mit dem
wachsenden Zurückbleiben der Produktionssteigerung hin¬
ter ihren technischen Möglichkeiten treten neue Tendenzen
in der Dynamik des Klassenkampfes auf, verändert sich das
traditionelle Theorie-Praxis-Verhältnis im Marxismus.
Bei Professor Habermas kann es noch mit Marx so heißen:
es genügt nicht, daß der Gedanke zur Wirklichkeit drängt,
die Wirklichkeit muß zum Gedanken drängen. Das war
richtig für die Zeit der transitorischen Notwendigkeit des
Kapitalismus. Davon kann schon längst keine Rede mehr
sein. Die materiellen Voraussetzungen für die Machbarkeit
unserer Geschichte sind gegeben. Die Entwicklungen der
Produktivkräfte haben einen Prozeßpunkt erreicht, wo die
Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell
möglich geworden ist. Alles hängt vom bewußten Willen der
Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Ge¬
schichte endlich bewußt zu machen, sie zu kontrollieren, sie
sich zu unterwerfen, das heißt, Professor Habermas, Ihr
begriffsloser Objektivismus erschlägt das zu emanzipierende
Subjekt. Die Mechanisierung des Arbeitsprozesses mußte
76
den Anteil der gelernten Arbeiter an der gesamten industriel¬
len Arbeit zwangsläufig verringern. Parallel dazu wächst aber
die Bedeutung und Unentbehrlichkeit der zahlenmäßig ver¬
ringerten, gelernten Schicht, der technischen und ökonomi¬
schen Intelligenz für den gesamten gesellschaftlichen Repro¬
duktionsprozeß.
Diese Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses
ist auch die Grundlage einer neuen Funktionsbestimmung
der Universität durch den Spätkapitalismus, ist Ausgangs¬
punkt einer antiautoritären Politisierungsmöglichkeit der
Universität durch uns. Das in den letzten Jahren sprunghaft
gestiegene Interesse der herrschenden Unordnung bezüglich
der Reform der Universität gewinnt seinen materialistischen
Begründungszusammenhang in der oben skizzierten ökono¬
mischen Entwicklung. Die objektiven Anforderungen der
Gesellschaft an die Universität, die aus dem Wachstum und
Wandel der ökonomischen Situation der BRD hervorgehen,
bedürfen zum vollen Verständnis auch der Reflexion über die
Entwicklung der studentischen Organisationen und der
universitären Hierarchie, durch deren Dynamik die ökono¬
mischen Notwendigkeiten sich durchsetzen sollen. Wir
nehmen dafür die FU, ihr Berliner Modell, den erreichten
Stand der Politisierung der Studentenschaft, den Stand der
Auseinandersetzung mit der Universitätsbürokratie, mit der
»Öffentlichkeit«, als Ausgangspunkt der Analyse.
Die kürzliche Urabstimmung, als vorletzter Höhepunkt
der Auseinandersetzungen in Westberlin, dem bestimmt
neue auf erweiterter Stufenleiter folgen werden, brachte
einen zahlenmäßig knappen Erfolg des AStA, der aber erst
dem wirklich klar wird, der begreift, daß es bei der Wahl
nicht um Abwahl oder Anerkennung des AStA ging, sondern
daß es darum ging, sich zu bekennen zur äntiautoritären
Tendenz oder zur autoritären Tendenz des Rektorats, damit
waren nämlich in letzter Konsequenz die einscheidenden
gesellschaftlichen Grundfragen unter hochschul-politischen
Vorzeichen an der Tagesordnung, d. h. wir haben die
entscheidende Frage gestellt nach Mündigkeit oder Unmün¬
digkeit des Studenten in unserer Universität. Das Ergebnis
war paradox. Die gesamtgesellschaftliche Bewußtlosigkeit
der systematisch entmündigten Massen, die periodisch in den
77
Wahlen den Beweis ihrer geistigen Reduziertheit antreten
dürfen, reproduzierte sich nicht. Fast fünfzig Prozent der
Studenten stimmten für das antiautoritäre Lager. Wie kam es
zu diesem überraschenden Ergebnis, was bedeutet es für die
Bundesrepublik, welche Schlußfolgerungen sind daraus zu
ziehen? Sind die FU-Zustände Anachronismus, oder stellen
sie vielleicht die Zukunft der deutschen Universität dar? Die
entscheidende politische Verschiebung im Politisierungspro¬
zeß an der Freien Universität erfolgte in den Jahren 1963/66.
Viele Faktoren wurden schon genannt, einige meiner Mei¬
nung nach entscheidende wurden ausgelassen. So, u. a., daß
der Ausgangspunkt der Politisierung eines Teils der Westber¬
liner Studentenschaft Aktionen auf der Straße gegen
Tschombe, Verwoerd u. a. Regime der dritten Welt waren.
Und das ist von entscheidender Bedeutung darum, meine
Damen und Herren, weil diese Aktionen, die wir durchführ¬
ten, Aktionen waren, die Resultat einer rationalen Bewälti¬
gung des zur damaligen Zeit diskutierten Protestproblems
darstellten.
Wir hatten in monatelanger Diskussion theoretisch her¬
ausgearbeitet, daß die bürgerliche Demokratie, in der wir
leben, sich gerade dadurch auszeichnet, daß sie es dem Lord
gestattet, mit seinem Hund spazierenzugehen und so auch
den Vietnam-Protesten den Weg zur Verfügung stellte und
die Kanalisierung des Protestes durchführt. Aus dieser
theoretischen Einschätzung der Integrationsmechanismen
der bestehenden Gesellschaft ist es für uns klargeworden, daß
die etablierten Spielregeln dieser unvernünftigen Demokratie
nicht unsere Spielregeln sind, daß Ausgangspunkt der Poli¬
tisierung der Studentenschaft die bewußte Durchbrechung
dieser etablierten Spielregeln durch uns sein mußte. Diese
theoretische Diskussion über die Möglichkeiten, den Protest
zu integrieren und die direkte und richtige, weil historisch
mögliche Solidarisierung mit den kämpfenden Völkern zu
verhindern, war Ausgangspunkt von praktischen Aktionen
auf der Straße, die allerdings noch andere Faktoren mitbe-
dmgten, daß wir es zu einer Politisierung an der FU brachten.
So zum Beispiel, um das nur der Vollständigkeit halber
hinzuzufügen, daß die Zahl der Studenten immer größer
wurde, die Qualität der Vorlesungen und Seminare in Folge
78
bürokratischer Verpflichtungen der Professoren immer
schlechter wurden.
Ein anderes wichtiges Moment der Politisierung war, daß
das latente und ganz abstrakte Unbehagen über die beste¬
hende Ordnung, die Erfahrungen auf der Straße, die Aufklä¬
rung in den Veranstaltungen, der Druck von außen und die
bewußte oder unbewußte Überzeugung, daß die bestehende
Gesellschaft an den persönlichen, seelischen und körperli¬
chen Verkrüpplungen Schuld trägt, eine psychische Dispo¬
sition schufen, die starke antiautoritäre Elemente und Ten¬
denzen in sich trug, in sich trägt. Hinzu kam als letzter und
sehr wesentlicher Punkt, daß der AStA der FU sich der
allgemeinen Politisierungstendenz nicht entziehen konnte, er
wurde immer mehr mitgestaltender Motor in der weiteren
Auseinandersetzung mit der Administration.
Die tendenzielle Beseitigung der studentischen Opposi¬
tion durch exemplarischen Polizeiterror, durch Bestrafung
und Relegierung sogenannter Rädelsführer muß von uns als
Angriff auf die bedeutendsten Ansätze demokratischen Be¬
wußtseins nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland
angesehen werden und mit adäquaten Aktionsformen beant¬
wortet werden. Die staatliche Gewaltmaschine, die Bürokra¬
tie und die Exekutive, sind die selbstverständlichen Hüter der
Ordnung, Ruhe und Sicherheit der bestehenden Herrschaft.
Jede Bewegung politischer Gruppen, die die Notstandspiel¬
regeln der unvernünftigen Ordnung nicht mehr akzeptieren,
wird von ihr als direkter Angriff auf die bestehende Ordnung
angesehen - und das ist richtig. Wir sehen das täglich jetzt in
Westberlin und dennoch sind wir illusionslos genug einzu¬
sehen, daß wir nichts anderes in der nächsten Periode als eine
Vergrößerung des antiautoritär-realdemokratischen Lagers
in- und außerhalb der Universität erreichen können, und das
wäre schon sehr viel. Sie sehen, wie sehr die Herrschenden
um ihre Sicherheit zu fürchten beginnen.
Das kann man in Berlin geradezu exemplarisch in diesen
Tagen erfahren. Wer gestern die Parlamentsdebatte gehört
hat, dürfte damit übereinstimmen. Sie beginnen sich dann zu
fürchten, sobald eine radikaldemokratische Opposition, ver¬
mittelt durch rationelle Bwältigung der Problematik, politi¬
sche Praxis gegen undemokratische Herrschaftsfunktionen
79
beginnt und dazu gehören praktische Proteste gegen die der
Integration und Anpassung der Bevölkerung dienenden
Staatsbesuche. Und es zeigte sich bei uns in Westberlin, daß
die Phase der direkten Auseinandersetzung mit der etablier¬
ten Ordnung auch die festen Organisationen der Studenten¬
schaft,wie AStA, SDS, SHB, LSD u. a. unterläuft. Daß allein
die praktische, kritische Entfaltung der bewußtesten Teile
der Studentenschaft durch entstehende Aktionszentren eine
politische Kontinuität der Auseinandersetzung unter größter
Beteiligung der Studentenschaft ermöglicht, was unter
SDS-Flagge, AStA-Flagge, LSD-Flagge, oder was auch im¬
mer unmöglich ist, darum Aktionszentren zur Kontinuität
der politischen Arbeit an der Universität, wir sind mit
unseren Aktionszentren in Westberlin jetzt schon über eine
Woche tätig, das ist der längste Zeitraum wirklich massen¬
hafter, politischer Kontinuität, die wir je in Westberlin
gehabt haben, wir haben die Hoffnung, daß diese räteartigen
Gebilde an allen westdeutschen Universitäten in den näch¬
sten Tagen gegründet werden, denn die rationale Bewälti¬
gung der Konfliktsituation in der Gesellschaft impliziert
konstitutiv die Aktion, wird doch Aufklärung ohne Aktion
nur zu schnell zum Konsum, wie Aktion ohne rationale
Bewältigung der Problematik in Irrationalität umschlägt. Ich
fordere alle westdeutschen Studenten auf, umgehend Ak¬
tionszentren in den Universitäten der BRD aufzubauen: für
die Expandierung der Politisierung in Universität und Stadt
durch Aufklärung und direkte Aktion; sei es gegen Notstand,
NPD, Vietnam oder hoffentlich bald auch Lateinamerika.
Ich fordere die Aktionszentren auf, daß sie koordinierte
politische Aktionen in der ganzen Bundesrepublik und
Westberlin in den nächsten Tagen und Wochen mobilisieren,
denn es geht darum, daß wir für Dienstag in Westberlin eine
Demonstration beantragt haben zur Aufhebung des Demon¬
strationsverbotes. Sollte diese einberufene Demonstration
nicht gestattet werden, so haben wir bei uns beschlossen, daß
unmittelbar nach Verbot der Demonstration über Kampfak¬
tionen gegen dieses Demontrationsverbot beraten wird und
darüber entschieden wird, und wir wären sehr froh darüber,
wenn Dienstag westdeutsche Aktionszentren in Westberlin
wären, um dort gemeinsame Aktionen zu beschließen.
80
| In einer Antwort auf mehrere Diskussionsbeiträge sagte Rudi
I Dutschke u. a.:
i Und zu Herrn Kuhn, folgendes: ich denke, daß ich in der
Theorie-Praxis-Beziehung, die wir auch als historische Be¬
ziehung in den verschiedenen sozial-ökonomischen Forma¬
tionen zu begreifen haben, in dem Augenblick Wesenhaftes
verändert, wenn ein Punkt in der historischen Entwicklung
> erreicht ist, wo die materiellen Voraussetzungen für eine neue
1 Welt gegeben sind. Marx ging davon aus, daß wir eine
’ dialektische Identität von Ökonomie und Politik hatten. Die
Tendenz der Ökonomie sollte in Richtung Krise gehen und
die Krise politische und menschliche Emanzipation durch
kämpferische Aktion ermöglichen. Da aber die gegenwärtige,
sozio-ökonomische Entwicklung diese emanzipierende Ten¬
denz nicht mehr in sich trägt, verändert sich vollkommen das
Gewicht der subjektiven Tätigkeit des einzelnen. Davon bin
ich ausgegangen, damit ist genannt eine neue Bestimmung des
Voluntarismus. Wir können nicht mehr einfach sagen, Wille
ist falsch, denn unter den Bedingungen, wo Tendenzen qua
Tendenzen nicht mehr emanzipierend, geschichtlich voran¬
gehen, wird die praktische Tätigkeit der Menschen in der
gegenwärtigen Periode von entscheidender Bedeutung für
unsere Zukunft und darum neue Bestimmung der subjekti¬
ven Tätigkeit, darum >sich-wenden< gegen einen Objektivis¬
mus, der weiterhin vertraut auf einen emanzipatorischen
Prozeß, der sich naturwüchsig durchsetzt. Dieses Vertrauen
habe ich nicht, ich vertraue nur auf die konkreten Tätigkeiten
von praktischen Menschen und nicht auf einen anonymen
Prozeß.
Etwas später - Rudi Dutschke hatte die Versammlung wegen
der brisanten politischen Situation in Berlin schon verlassen -
antwortete Jürgen Habermas:
Jürgen Habermas:
Meine Damen und Herren, ich hoffe, daß Herr Dutschke
noch hier ist.
Zwischenruf:
Nein!
81
I
Jürgen Habermas:
Es tut mir leid, ich kann dann in der vorgesehenen Schärfe
mich nicht mehr äußern, wie ich es eigentlich vorgehabt
hatte. Denn in Abwesenheit von Herrn Dutschke wäre es
leicht, hier ein argumentatives Wort zu sprechen, so will ich
mich also mäßigen und nur einige Fragen stellen. Ich bin
erstaunt, daß die Linie, die Herr Dutschke hier vertreten hat,
zwar aus dem Publikum in Frage gestellt worden ist, aber
vom Tisch der Veranstalter ohne Kommentar hingenommen
worden ist. Ich möchte, oder ich hätte gerne Herrn Dutschke
folgendes gefragt. Ich bin aus dem Auto wieder zurückge¬
kommen, weil ich es für richtig hielt, doch nicht zu schwei¬
gen. Herr Weller hat wiederum von Brutalität und Un¬
menschlichkeit gesprochen, und ich meine, daß wir diese
Vokabeln glaubwürdig nur verwenden und vertreten und
nicht nur zu manipulativen Zwecken ausstreuen können,
wenn Herr Dutschke uns eine klare Auskunft auf folgende
Fragen in einem positiven Sinne gäbe. Herr Dutschke hat als
konkreten Vorschlag, wie ich zu meinem Erstaunen nachher
festgestellt habe, nur vorgetragen, daß ein Sitzstreik stattfin¬
den soll, das ist eine Demonstration mit gewaltlosen Mitteln.
Ich frage mich, warum nennt er das nicht so, warum braucht
er eine dreiviertel Stunde, um eine voluntaristische Ideologie
hier zu entwickeln. Ich bin der Meinung, er hat eine
voluntaristische Ideologie hier entwickelt, die man im Jahre
1848 utopischen Sozialismus genannt hat, und der unter
heutigen Umständen, jedenfalls ich glaube. Gründe zu
haben, diese Terminologie vorzuschlagen, linken Faschismus
nennen muß. Es sei denn, daß Herr Dutschke aus dem, was
er an Überbau hier entwickelt hat, praktisch keine Konse¬
quenzen zu ziehen wünscht. Das hätte ich gerne geklärt. Ich
hätte gerne geklärt, ob er nun willentlich die manifeste
Gewalt herausfordert nach dem kalkulierten Mechanismus,
der in dieser Gewalt eingebaut ist, und zwar so, daß er das
Risiko von Menschenverletzung, um mich vorsichtig auszu¬
drücken, absichtlich einschließt oder nicht. Die offizielle
Version, gegen die Sie auf eine so überaus überzeugende, auf
eine überaus erfolgreiche Weise, meine Berliner Kommilito¬
nen, in den letzten paar Tagen mit dem festen Recht
angegangen sind, nämlich, die Version, daß der Tod eines
82
Kommilitonen auf das Konto von provokationistischen
Studentenhorden geht, diese Version, und ich hätte das gerne
Herrn Dutschke gefragt, würde sie Wahrheit werden kön¬
nen, wenn seine Strategie sich durchsetzt? Oder habe ich ihn
total mißverstanden?
Zwischenruf:
Ja, selbstverständlich, Sie haben ihn nicht verstanden.
Total mißverstanden - total mißverstanden.
Jürgen Habermas:
So, so! Bitte, bin ich der einzige, der ihn so mißverstanden
hat? Meine Damen und Herren, wir können über die
progressive Rolle von Gewalt diskutieren, und es ist in der
Theorie, der ich nicht eben fern stehe, sehr ausführlich
darüber diskutiert worden. Es gibt eine progressive Rolle der
Gewalt, und die analytische Unterscheidung zwischen pro¬
gressiver und reaktionärer Gewalt hat seinen guten Sinn eben
für die Analyse. Aber ich meine, daß in einer Situation, die
weder objektiv revolutionär ist, noch in einer Situation,
nachdem eine Revolution gewonnen ist und nun naturwüch¬
sige Gewalt durch politische Planung ersetzt werden muß,
ich meine, daß in einer Situation, in der weder der eine, noch
der andere Fall gegeben ist, es nur eine subjektive Anmaßung
sein kann, nun für die Studenten, die in der Tat nichts anderes
als Tomaten in den Händen haben können, eine Strategie
vorzuschlagen, die, wenn ich Sie nicht mißverstanden habe,
und nichts würde ich mit größerem Vergnügen sehen, als daß
Sie mir überzeugend klar machen, daß ich Sie mißverstanden
habe, und das ist nicht zuletzt der Sinn dieser Intervention,
- es ist notwendig, daß dieses Mißverständnis, wenn es eins
ist, aus dem Raume geschafft wird, - ich meine, in einer
solchen Situation ist es eine subjektive Anmaßung, für
Studenten, die nichts anderes als Tomaten in den Händen
haben, eine Strategie vorzuschlagen, die, wie ich es heute
schon zweimal gesagt habe, darauf angelegt ist, eine sublime
Gewalt, die notwendig in Institutionen impliziert ist, mani¬
fest werden zu lassen, gleichviel, ob sie etwa zu vertreten ist
oder nicht. Ich meine nur eins, daß formale Regelungen,
gegen die Sie mit so viel Wärme hier zu Felde ziehen, nach
den Vorstellungen, die wir bisher gemeinsam geteilt haben,
materiell eingelöst, aber nicht außer Kraft gesetzt werden
83
sollten. Ich darf noch einmal sagen, meine Intervention hat
den Zweck, Sie, die Sie Herrn Dutschke nun vertreten
müssen, so leid es mir tut, zu bitten, mich wirklich zu
überzeugen, ob das ein Mißverständnis ist oder ob sehr wohl
in dieser Strategie das impliziert ist, was ich hier zunächst
hypothetisch unterstellt habe.
Benno Ohnesorg, der bei der Anti-Schah-Demonstration
in West-Berlin am 2. Juni 1967 von dem Polizisten Kurras
erschossen worden war, wurde am 9. Juni in Hannover
beerdigt. Unmittelbar danach fand der Kongreß >Bedingun-
gen und Organisation des Widerstandest statt, der über 7000
Teilnehmer zählte. Es kam zu einer langen politischen
Diskussion über die Perspektiven der Bewegung.Hier erhob
Jürgen Habenlias zum ersten Mal den Vorwurf des > Links¬
faschismus« gegenüber der Studentenbewegung (den er später
revidierte).
84
Abbildung gegenüber: 1967
Keiner Partei dürfen wir vertrauen!
X
\
Selten ist es so klar gewesen wie jetzt in der Zeit nach der |
für Benno Ohnesorg tödlich verlaufenen Notstandsübung
der Polizei, daß die Menschen, die aus tiefster demokrati¬
scher Gesinnung den terroristischen Polizeieinsatz gegen
wehrlose Demonstranten ablehnen, in den etablierten Orga¬
nisationen der SPD, CDU, FDP und SED (West-Berlin)
nicht vertreten sind, von deren bürokratisierten »Berufspo¬
litikern« wir keinerlei Unterstützung oder gar Interessenso¬
lidarität zu erwarten haben.
Wer hätte auch gedacht, daß Tag für Tag die Spitzen der
»tragenden Organisationen« ihren Zungenschlag ändern,
Schicht um Schicht die verhüllte Wahrheit herausgegraben
werden muß?
Wer hätte erwartet, daß im Abgeordnetenhaus sich keine ,
einzige Stimme der Anklage gegen einen kopflosen Senat,
gegen den Mißbrauch staatlicher Gewaltinstrumente, wie
Polizei, Bürokratie und Information, erheben würde?
Wer hätte sich träumen lassen, daß die gutgemeinten
Versuche großer Teile der Studentenschaft, in der Bevölke¬
rung Aufklärung über die gesellschaftliche und politische
Situation der Stadt zu betreiben, sich über mehr als eine
Woche hinziehen würden, daß diese Aufklärung nicht so sehr
die seit Jahrzehnten falsch informierte Bevölkerung überzeu¬
gen, sondern den Solidarisierungsprozeß zwischen den Stu¬
denten verstärken würde?
Die spürbare »Veränderung« in den Stellungnahmen der
bei uns Regierenden beweist, daß wir zu Recht alle »Rat¬
schläge«, uns von unseren sogenannten »radikalen Rädels-
führern« zu distanzieren, abgelehnt haben. Die Distanzie¬
rung von unseren aktivsten Vertretern in dieser grundlegen¬
den gesellschaftlichen Auseinandersetzung zwischen den
autoritären Machenschaften des Senats und unseren Forde¬
rungen nach radikaler Demokratisierung in allen Bereichen
des gesellschaftlichen Zusammenlebens wäre der Anfang
vom Ende unserer Bemühungen.
86
Der Dialog zwischen temporärer politischer Führung und
tätigen Teilen der Studentenschaft ist für uns die einzige
Chance, die spontane Bewußtheit anläßlich der Ermordung
unseres Kommilitonen in politisch kontinuierliche Bewußt¬
seinswachheit gegen undemokratische Gesellschaftsstruktu¬
ren zu verwandeln.
Bei völliger Ablehnung jeglicher Illusionen über unsere
Möglichkeiten, die gesellschaftliche Struktur wesenhaft in
Frage zu stellen, sollten wir uns dennoch darüber klar sein,
daß Senat und Universitätsbürokratie weder in der Bevölke¬
rung noch im autoritätsfixierten Lager der Universität eine
aktive und tätige Massenbasis gegen uns haben.
Die systematisch durch Konzessionen in Unmündigkeit
und Passivität gehaltenen Massen sind als Ganzheit weder
von den Herrschenden noch von uns zu mobilisieren. Jedoch
besteht für uns eine gewisse Chance, in den von Aussperrun¬
gen und Entlassungen bedrohten Betrieben eine konkrete
Interessensolidarität zwischen Arbeitern und Studenten her¬
zustellen, was ein geradezu entscheidender Schritt nach vorn
für die Veränderung des labilen Gleichgewichts der politi¬
schen Kräfte in dieser Stadt wäre. Die etablierten Parteien
spielen in dieser Auseinandersetzung eine bedeutungslose
Rolle, sind sie doch nur ein Anhängsel der Senatsexekutive,
der Bürokratie und der Polizei, die als die »natürlichen«
Vertreter von Ordnung, Stabilität und Sicherheit die Inter¬
essen der bestehenden Ordnung wahrnehmen. Jede Bewe¬
gung von unserer Seite, die praktisch-kritisch die Not¬
stands-Spielregeln der Exekutive nicht akzeptiert, erscheint
derselben als unmittelbare Verletzung der Ordnung und
Ruhe, als Angriff auf die Grundlagen des »Staates«.
Da wir zur Zeit noch keine Möglichkeit haben, den
Politisierungsprozeß auf weite Teile der Bevölkerung auszu¬
dehnen, müssen wir versuchen, den erreichbaren »Minder¬
heiten« in und außerhalb der Universität durch Aufklärung
und Aktionen den Weg der Veränderung undemokratischer
Strukturen konkret aufzuzeigen.
Die nach der Ermordung von Benno Ohnesorg an der
Universität gegründeten Aktionskomitees haben sich als
zeitweilig gut arbeitende Kampforgane politisch bewußter
Menschen erwiesen. Sie wurden nicht von einer der vielen
87
studentischen Gruppierungen, sondern primär durch die
politische Selbsttätigkeit der aktiven Studenten getragen, j
wodurch die organisatorische Beschränktheit unterlaufen
und die Konzentration auf die konkreten anstehenden Aktio- 1
nen und Aufklärungskampagnen ermöglicht wurde.
Keine Partei in West-Berlin führt einen konsequenten
Kampf für die Interessen der von den wirtschaftlichen ^
Schwierigkeiten betroffenen Schichten der Bevölkerung, <
besonders die SED (West-Berlin) nicht, die alles andere
wünscht, als daß West-Berlin em Bündnis von Arbeitern und ,
Studenten erlebt, eine Demokratisierung des gesamten öf¬
fentlichen Lebens, was beispielhafte Bedeutung für die
Arbeiter und Studenten in der DDR und Ost-Berlin hätte ... '
In den nächsten Wochen haben wir zu versuchen, in 1
systematischer Kleinarbeit einen wenn auch noch so kleinen I
Teil der Arbeiterschaft davon zu überzeugen, daß sie weder
von den Parteien noch von dem Sozialfaschisten Sickert eine >
wirkliche Verbesserung ihrer Situation erwarten können; daß
wir, der kritische Teil der Studentenschaft, ein ernsthaftes >
Bündnis für die Schaffung eines West-Berlin, das sich durch
politische und soziale Demokratie von unten und für unten
auszeichnet, wahrhaftig wollen; daß der massive Einsatz der
Polizei gegen uns gleichermaßen die Arbeiter meint, die es
eventuell wagen sollten, für die Durchsetzung ihrer Interes¬
sen in einen »wilden Streik« zu treten.
Nicht zuletzt müssen wir den Arbeitern eindeutig erklä¬
ren, daß unsere bisherigen Aktionen, besonders die Tomaten
und Rauchbomben, noch nicht begriffen hatten, daß unsere
Sorgen über den Weg der Gesellschaft, über die Versuche des
Staates, unsere Unsiversität gleichzuschalten, von kritischen
Studenten zu säubern, sehr eng und gar nicht trennbar mit der
Sorge der Arbeiter um ihren Arbeitsplatz, mit dem allgemei¬
nen Ende des nun doch nicht ewigen Wirtschaftswunders
Zusammenhängen.
Das Sich-Verweigern erfordert
Guerilla-Mentalität
(Organisationsreferat auf der 22. Delegiertenkonferenz des
SDS, September 1967; gemeinsam mit Hans-Jürgen Krahl)
Die beiden zentralen politischen Ereignisse, an denen sich
innerhalb des Verbandes seit der letzten Delegiertenkonfe¬
renz dessen politische Aktivität dichotomisch polarisierte,
waren die Bildung der Großen Koalition und der politische
Mord am 2. Juni in Berlin. Erstmalig seit der Abspaltung von
der SPD stellte sich die Organisationsfrage als eine aktuell¬
politische innerhalb des Verbandes. Je nachdem, welchem
von diesen Ereignissen die politische Präponderanz zuge¬
sprochen wurde, kam es zu tendenziellen Fraktionsbildun¬
gen, die sich durch die objektive Intention auszeichneten, die
theoretischen Meinungen zu praktisch-politischen Rich¬
tungskämpfen zu konkretisieren.
Deren mögliche organisatorische Konsequenz wurde etwa
vom Bundesvorstand aus der Erfahrung der Protestbewe¬
gungen, besonders Jugendlicher, ebenso vage wie inhaltlich
leer als »formal lockere, inhaltlich einheitliche öffentlich
arbeitende Organisation« beschrieben und in Berlin unter
dem Titel der Gegen Universität und Institutsassoziationen
diskutiert, während anderen Gruppen die Bildung der Gro¬
ßen Koalition Anlaß zum wiederholten Versuch einer Samm¬
lungsbewegung sozialistischer Gruppen und Grüppchen bot.
Darüber hinaus wurde die Aktualität der Organisationsfrage
nach dem 2. Juni für einige SDS-Gruppen umso akuter, als
sie ihre organisatorische Unzulänglichkeit praktisch erfahren
mußten. Der noch nie dagewesenen Verbreiterung des anti¬
autoritären Protestes nach dem 2. Juni war die überkom¬
mene, noch an der SPD orientierte Organisationsstruktur des
SDS nicht gewachsen. Die Spontaneität der Bewegung droht
die größten Gruppen organisatorisch zu paralysieren. Ihr
politisches Verhalten erschien deshalb zum großen Teil
reaktiv aufgezwungen, und Ansätze für politisch-initiative
Führung waren weitgehend hilflos.
88
89
Die unmittelbar in der Gegenwart sichtbare Erscheinung
des'Fallens der Wachstumsraten in den wichtigsten Kennzif¬
fern ökonomischen Wachstums erklärt sich nicht oberfläch¬
lich aus bloßen Konjunkturschwankungen. Die fundamenta¬
len Faktoren wirtschaftlichen Wachstums werden konstitu¬
iert durch die quantitative und qualitative Bestimmung der
Arbeitskräftestruktur und des davon abhängigen Standes in
der Entwicklung der Produktionsmittel. Das Zusammenwir¬
ken dieser beiden Elemente begründet die »objektive Trend¬
linie« (Janossy) der wirtschaftlichen Entwicklung. (. . .)
Auf der Grundlage einer hervorragenden Arbeitskräfte¬
struktur in der BRD (Zustrom von Facharbeitern aus ehe¬
maligen deutschen Ostgebieten und später aus der DDR bis
zum 13. August 1961) konnte sich so ein durch amerikani¬
sches Kapital vermittelter langer Aufstieg bis zur vollen
Ausnutzung des vorhandenen Niveaus der Arbeitskräfte¬
struktur und der von ihr in Bewegung gesetzten Produk¬
tionsmaschinerie durchsetzen. Hinzu kam, daß in der BRD
der Eindruck eines Wirtschaftswunders nur entstehen
konnte, »weil nicht nur die Folgen des Krieges überwunden
wurden, sondern auch der zwischen zwei Weltkriegen ent¬
standene Rückstand aufgeholt werden konnte.«
1. Im Laufe der prosperierenden Rekonstruktionspe¬
riode mit ihren hohen Wachstumsraten wurden dem »schwa¬
chen Staat« durch den Druck politischer und sonstiger
Interessenverbände hohe Subventionen abgerungen, die die
herrschende Oligarchie unter den damaligen Bedingungen
durchaus verkraften konnte.
2. Am Ende der Rekonstruktion, das heißt der Periode
des Einlaufens in die Trendlinie, erscheinen die Subventionen
als zusätzliche, meist unproduktive Ausgaben, als für die
Weiterentwicklung der Ökonomie gefährliche Totgewichte,
als gesellschaftliche faux frais, »tote Kosten« der kapitalisti¬
schen Produktion.
3. Das Eigengewicht der Interessenverbände innerhalb
des Systems der Interessendemokratie kann in der noch
pluralistischen Gesellschaft nicht wieder ohne weiteres abge¬
baut werden, muß aber am Ende der Rekonstruktion in den
Griff bekommen werden. So tauchen die Begriffe der Ratio¬
nalisierung, der Formierung und letztlich der »Konzertierten
90
Aktion« auf. Die verschiedenen »Reformversuche« des Sy¬
stems in der jetzigen Periode sind als Versuche des Kapitals
zu begreifen, sich in die veränderten Bedingungen herr-
schafts- und profitmäßig anzupassen.
4. Die auffälligste Erscheinung der gegenwärtigen öko¬
nomischen Formationsperiode ist die Zunahme der staatli¬
chen Eingriffe in den wirklichen Produktionsprozeß als
Einheit von Produktion und Zirkulation. Dieser Gesamt¬
komplex der staatlich-gesellschaftlichen Wirtschaftsregulie¬
rung bildet ein System des Integralen Etatismus, der im
Unterschied zum Staatskapitalismus auf der Grundlage der
Beibehaltung der privaten Verfügung über die Produktions¬
mittel die Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz ausschal¬
tet und den ehemals naturwüchsigen Ausgleich der Profitrate
durch eine staatlich-gesellschaftlich orientierte Verteilung
der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse herstellt.
In dem Maße, in dem durch eine Symbiose staatlicher und
industrieller Bürokratien der Staat zum gesellschaftlichen
Gesamtkapitalisten wird, schließt sich die Gesellschaft zur
staatlichen Gesamtkaserne zusammen, expandiert die be¬
triebliche Arbeitsteilung tendenziell zu einer gesamtgesell¬
schaftlichen. Der Integrale Etatismus ist die Vollendung des
Monopolkapitalismus.
Außerökonomische Zwangsgewalt gewinnt im Integralen
Etatismus unmittelbar ökonomische Potenz. Damit spielt sie
für die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaftsformation
eine Rolle, wie seit den Tagen der ursprünglichen Akkumu¬
lation nicht mehr. Bewirkte sie in jener Phase den blutigen
Expropriationsprozeß der Volksmassen, der überhaupt erst
die Trennung von Lohnarbeit und Kapital herbeiführte, wird
sie Marx zufolge im etablierten Konkurrenzkapitalismus
kaum noch angewandt. Denn die objektive Selbstbewegung
des Begriffs der Warenform, ihres Wertes, konstituiert sich
in dem Maße zu den Naturgesetzen der kapitalistischen
Entwicklung, als die ökonomische Gewalt im Bewußtsein
der unmittelbaren Produzenten verinnerlicht wird. Die Ver¬
innerlichung ökonomischer Gewalt erlaubt eine tendenzielle
Liberalisierung staatlicher und politischer, moralischer und
rechtlicher Herrschaft. Der naturwüchsig produzierte Kri¬
senzusammenhang der kapitalistischen Entwicklung proble-
91
matisiert in der Aktualität der Krise die Verinnerlichung
ökonomischer Gewalt, die in der Deutung der materialisti¬
schen Theorie zwei Lösungen kennt. Die Krise ermöglicht
einerseits die Möglichkeit zu proletarischem Klassenbewußt¬
sein und dessen Organisierung zur materiellen Gegengewalt
in der autonomen Aktion der sich selbst befreienden Arbei¬
terklasse. Andererseits nötigt sie objektiv die Bourgeoisie im
Interesse von deren ökonomischer Verfügungsgewalt zum
Rückgriff auf die physisch terroristische Zwangsgewalt des
Staates.
Der Ausweg des Kapitalismus aus der Weltwirtschafts¬
krise im Jahre 1929 beruhte auf der Fixierung an die
terroristische Machtstruktur des faschistischen Staates. Nach
1945 wurde diese außerökonomische Zwangsgewalt keines¬
wegs abgebaut, sondern in totalitärem Ausmaß psychisch
umgesetzt.
Diese Verinnerlichung beinhaltet den Verzicht auf mani¬
feste Unterdrückung nach innen und war konstitutiv für den
Scheinliberalismus und Scheinparlamentarismus, allerdings
um den Preis der antikommunistischen Projektion eines
absoluten Außenfeindes.
Die aus einer veränderten internationalen Konstellation
entstandene »Entspannungspolitik« der BRD half mit, be¬
sonders am Ende der Rekonstruktionsperiode den Zerset-
zungsprozeß des militanten Antikommunismus zu forcieren.
Die manipulativ verinnerlichte außerökonomische Zwangs¬
gewalt konstituiert eine neue Qualität von Naturwüchsigkeit
des kapitalistischen Systems. Allerdings wäre ein Eingriff in
die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung nur sinn¬
voll denkbar, wenn sie den objektiven Verwertungsprozeß
des Kapitals strukturell veränderte. Ohne diese Annahme
würde die Kritik des Systems der Manipulation bloße
Kulturkritik bleiben und die Emdimensionalisierung aller
Bereiche der Gesellschaft, nämlich die Einebnung der wis¬
senschaftlichen Differenzen von Überbau und Basis, Staat
und Gesellschaft akzidentell bleiben. Sie erfährt erst ihre
ökonomiekritische, materialistische Darstellung, wenn das
Verhältnis von Wert und Tauschwert, Produktions- und
Zirkulationssphäre selbst in die globale Eindimensionalisie-
rung der Gesellschaft einbezogen wird. Die Frage war also:
92
Wie paßt der Überbau, außerökonomische Gewalt von Staat,
Recht etc. als ein institutionelles System von Manipulation in
die Substanz der Warenproduktion, die abstrakte Arbeit
selbst ein? Abstrakte Arbeit, die Substanz des Wertes,
bezeichnet das arbeitsteilige Produktionsverhältnis von iso¬
liert privat arbeitenden Individuen. Auf Grund deren Isola¬
tion in der Produktion sind sie gezwungen, ihre Produkte auf
dem Markt als Waren zu verkaufen, d. h. der gesellschaftliche
Verkehr der Produzenten untereinander stellt sich nicht in
der Produktion selbst her, sondern in der Zirkulationssphäre.
Mit der Entwicklung zum Monopolkapitalismus zeichnet
sich die Tendenz einer fortschreitenden Liquidation der
Zirkulationssphäre ab, wodurch die Möglichkeit einer Auf¬
hebung abstrakter Arbeit bezeichnet wird. Dies deutet Marx
mit der Analyse der Aktiengesellschaft an, wenn er diese als
Gesellschaftskapital unmittelbar assoziierter Individuen be¬
zeichnet. Außerökonomische Zwangsgewalt, Staat und an¬
dere Uberbauphänomene greifen derart in die Warenzirku¬
lation ein, daß die abstrakte Arbeit durch ein gigantisches
institutionelles Manipulationssystem artifiziell reproduziert
wird.
Ebenso greift sie in die Warenproduktion der Ware
Arbeitskraft ein. Wenn der technische Fortschritt der Ma¬
schine zwar potentiell die Arbeit abschafft, aber faktisch die
Arbeiter abschafft und eine Situation eintritt, in der die
Herrschenden die Massen ernähren müssen, wird die Ar¬
beitskraft als Ware tendenziell ersetzt. Die Lohnabhängigen
können sich nicht einmal mehr verdingen, die Arbeitslosen
verfügen nicht einmal mehr über ihre Arbeitskraft als Ware.
Daß am Ende der Rekonstruktion die strukturelle Arbeitslo¬
sigkeit nicht mehr im Zusammenhang mit der Funktionsbe¬
stimmung der Reservearmee analysierbar ist, ist Indiz dafür.
Diese Tendenz ist begreifbar nur im Rahmen der durch den
technischen Fortschritt zur Automation bewirkten Konstel¬
lationsveränderung im Verhältnis von toter und lebendiger
Arbeit. Wie Karl Korsch und Herben Marcuse mit Bezug auf
Marx andeuteten, bewirkt diese Konstellationsveränderung,
daß nicht mehr das Wertgesetz, die objektiv sich durchset¬
zende Arbeitszeit, den Wertmaßstab abgibt, sondern die
Totalität des Maschinenwesens selber.
93
Diese Hypothesen lassen grundsätzliche Folgerungen für ,
die Strategie revolutionärer Aktionen zu. Durch die globale
Eindimensionalisierung aller ökonomischen und sozialen
Differenzen ist die damals praktisch berechtigte und marxi- 1
stisch richtige Anarchismuskritik, die des voluntaristischen
Subjektivismus, daß Bakunin sich hier auf den revolutionären I
Willen allein verlasse und die ökonomische Notwendigkeit
außer acht lasse, heute überholt. I
Wenn die Struktur des Integralen Etatismus durch alle
seine institutioneilen Vermittlungen hindurch ein giganti¬
sches System von Manipulation darstellt, so stellt dieses eine *
neue Qualität von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus
sich heraus fähig sind, sich zu empören. Die Selbstorganisa¬
tion ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche ist damit ge¬
schichtlich unmöglich geworden. Sie erfassen die soziale
Wirklichkeit nur noch durch die von ihnen verinnerlichten
Schemata des Herrschaftssystems selbst. Die Möglichkeit zu
qualitativer, politischer Erfahrung ist auf ein Minimum
reduziert worden. Die revolutionären Bewußtseinsgruppen,
die auf der Grundlage ihrer spezifischen Stellung im Institu¬
tionswesen eine Ebene von aufklärenden Gegensignalen
durch sinnlich manifeste Aktion produzieren können, benut¬
zen eine Methode politischen Kampfes, die sie von den
traditionellen Formen politischer Auseinandersetzung prin¬
zipiell unterscheidet.
Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der
organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit
der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden
Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition und
ermöglichen tendenziell einen Bewußtseinsprozeß für agie¬
rende Minderheiten innerhalb der passiven und leidenden
Massen, denen durch sichtbar irreguläre Aktionen die ab¬
strakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewißheit werden
kann. Die »Propaganda der Schüsse« (Che) in der »Dritten
Welt« muß durch die »Propaganda der Tat« in den Metro¬
polen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung
ruraler Guerilla-Tätigkeit geschichtlich möglich macht. Der
städtische Guerillero ist der Organisator Schlechthinniger
Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven
Institutionen.
Die Universität bildet seine Sicherheitszone, genauer ge¬
sagt, seine soziale Basis, in der er und von der er den Kampf
gegen die Institutionen, den Kampf um den Mensagroschen
und um die Macht im Staate organisiert.
Hat das alles etwas mit dem SDS zu tun? Wir wissen sehr
genau, daß es viele Genossinnen und Genossen im Verband
gibt, die nicht mehr bereit sind, abstrakten Sozialismus, der
nichts mit der eigenen Lebenstätigkeit zu tun hat, als
politische Haltung zu akzeptieren. Die persönlichen Voraus¬
setzungen für eine andere organisatorische Gestalt der Zu¬
sammenarbeit in den SDS-Gruppen sind vorhanden. Das
Sich-Verweigern in den eigenen Institutionsmilieus erfordert
Guerilla-Mentalität, sollen nicht Integration und Zynismus
die nächste Station sein.
Die bisherige Struktur des SDS war orientiert am revisio¬
nistischen Modell der bürgerlichen Mitgliederparteien. Der
Vorstand erfaßt bürokratisch die zahlenden Mitglieder unter
sich, die ein bloß abstraktes Bekenntnis zu den Zielen ihrer
Organisation ablegen müssen. Andererseits vermochte der
SDS die perfekte Verwaltungsfunktion revisionistischer Mit¬
gliederparteien nicht voll zu übernehmen, da er ein nur
teilbürokratisierter Verband ist, ein organisatorischer Zwit¬
ter. Demgegenüber stellt sich heute das Problem der Orga¬
nisation als Problem revolutionärer Existenz.
Dieser Text, gemeinsam mit Hans-Jürgen Krahl verfaßt
und von Rudi Dutschke am 5. September 1967 auf der 22.
Delegiertenkonferenz des SDS in der Frankfurter Mensa
vorgetragen, löste sofort heftige Kontroversen innerhalb der
Organisation aus: er war ein wichtiger Beitrag zur Ablösung
der Antiautoritären von dem traditionalistischen SDS-Flügel
(der in der KPD-Tradition stand). - Die Janossy-Zitate
stammen aus dessen Buch >Das Ende der Wirtschaftswunder
(Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main o. ].), das damals erst
in Manuskriptform vorlag. - Das Manuskript der Rede ist
verloren, der abgedruckte Text basiert auf einer Tonbandab¬
schrift; einige kurze unverständliche Passagen sind ausgelas¬
sen.
94
95
Besetzt Bonn!
Die bestehende gesellschaftliche Struktur der Bundesrepu¬
blik und West-Berlins läßt sich als ein System der Interessen¬
demokratie charakterisieren. Die daran beteiligten Gruppen
»streiten* sich nur noch um den Anteil am Bruttosozialpro¬
dukt, die irrationalen Voraussetzungen und Praktiken der
staatlichen Gewaltmaschinerie und des gesamtgesellschaftli¬
chen Lebens werden nicht zum Gegenstand der politischen
Auseinandersetzung.
1918/19 erkämpften unsere Arbeiter- und Soldatenräte in
der unvollendeten deutschen Revolution schon den Acht¬
stundentag.
Heute, nach 50 Jahren schier unvorstellbarer Entfaltung
der Produktivkräfte und damit der Produktivität der Arbeit,
arbeiten die Lohnabhängigen lumpige 4-5 Stunden pro
Woche weniger.
Seit Jahrzehnten indoktrinieren unsere »Herren an der
Spitze« die Menschen mit dem Feindmythos. Die gesell¬
schaftlich notwendige Lüge von der kommunistischen Sub¬
versionstätigkeit in den »freien« Ländern dient als Rechtfer-
tigyng) um die den Frieden gefährdende, die kapitalistische
Wirtschaft aber stabilisierende Rüstungsindustrie und die
Bundeswehr aufrechtzuerhalten, dient der Verhüllung der
wirklichen Funktion der Notstandsgesetze: innenpolitische
Strukturveränderungen a priori auszuschalten.
Seitdem jedoch der antikommunistische Feindmythos im¬
mer weniger aufrechterhalten werden kann, die Zusammen¬
arbeit zwischen Moskau und Washington hat hierzu unter
anderem beigetragen, seitdem sogar Adenauer, Barzel und
andere bürokratische Charaktermasken der Sowjetunion
einen »friedlichen Charakter« konzedierten, sollte die Funk¬
tion der Bundeswehr, der Freiwilligen Polizeireserve in
West-Berlin, der Notstandsgesetze etc. noch klarer gesehen
werden können: der Feind, gegen den täglich das ganze
System mobilisiert wird, ist die reale Möglichkeit, die
bestehende Ordnung abzuschaffen, ist die Möglichkeit,
96
überflüssige Herrschaft zu beseitigen, d. h. die nur aus
Herrschafts- und Profitinteressen hohe Arbeitszeit auf ein
dem hohen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte
entsprechendes Minimum zu reduzieren, ist die Möglichkeit,
die irrationale Rüstung, die künstliche Bürokratenzucht, die
i funktionale Kapital- und Gütervernichtung abzuschaffen.
Am Ende des sogenannten Wirtschaftswunders fällt es
unseren bürokratischen Oligarchien immer schwerer, diese
aktuelle Möglichkeit der Befreiung vollständig aus der »Öf-
, fentlichkeit« zu verdrängen.
Durch Konzessionen wie Erhöhung des Arbeitslosengel¬
des, durch Schillersche Reime über die kommende Konjunk¬
tur, durch gelenkte Krisenpsychose, durch circensisch insze¬
nierte Schauspiele wie Staatsbesuche und Trauerfeieriichkei-
| ten werden die Massen noch bei der Stange gehalten.
Hinzu kommt, daß es dem System gelungen ist, durch
1 langjährige funktionale Manipulation die Menschen auf die
Reaktionsweise von Lurchen zu regredieren. Wie Pawlow-
sche Hunde reagieren sie auf die Signale der Mächtigen; in
jedem vierten Jahr dürfen sie den Nachweis ihrer geistigen
Reduziertheit und Unmündigkeit ablegen. Nur wenige,
besonders die privilegierten Studenten, haben eine Chance,
die subtilen Herrschaftsmechanismen zu durchschauen, an
ihrer Beseitigung zu arbeiten.
Die wesentlichen Träger der Manipulation und Anpassung
1 der Menschen sind die Massenmedien, Zeitungen, Rundfunk
und Fernsehen.
j In der Bundesrepublik und besonders in West-Berlin
beherrscht der Springer-Konzern die Massenzeitungen, die
noch immer bedeutendste Indoktrinierungsebene. Er entfal¬
tet seit langer Zeit im Interesse der bestehenden Ordnung eine
planmäßige Verhetzung aller Kräfte, die das Freund-Feind-
Schema der Meinungsmacher nicht akzeptieren wollen!
Infolge der Politisierung einer relativ breiten studentischen
’ Minderheit (4000 bis 6000 im antiautoritären Lager) ist in
, West-Berlin eine für das System bedrohliche Situation ent-
, standen: durch die Vereinigung von Teilen der Lohnabhän-
t gigen in den Fabriken mit diesem Lager innerhalb der
j Studentenschaft könnte der Senat, genauer die gesellschaftli-
, che Struktur »gekippt« (Albertz) werden.
97
Haupthindernis ist die Tyrannei der Manipulation und
ihrer Produzenten. Diese Beherrschung muß durchbrochen
werden - wenn auch vorerst nur für einen oder mehrere Tage.
Wir werden in einem Pressetribunal den empirischen
Nachweis führen, daß die Volksverhetzung und Entmündi¬
gung der Menschen durch Manipulation bei uns die Ergän¬
zung zum Völkermord in Vietnam, zur gewaltsamen Nieder¬
schlagung aller Sozialrevolutionären Bewegungen in der
Dritten Welt darstellt.
Dann haben wir das Recht und die Pflicht, die antidemo¬
kratische Tätigkeit der Manipulateure direkt anzugreifen! -
Oder werden vielleicht unsere »Repräsentanten« dieses »Ge¬
schäft« erledigen, progressiven Selbstmord begehen?
Wir werden uns darauf nicht verlassen. Durch »betriebs¬
nahe Bildungsarbeit«, durch direkte Lohnarbeit von opposi¬
tionellen Studenten in Betrieben, durch gemeinsame Gro߬
veranstaltungen zwischen bestimmten Industriegewerk¬
schaften und studentischer Opposition wird die faktische
Entfremdung zwischen Lohnabhängigen und Studenten
nicht überwunden, aber als Gefahr für beide Seiten mögli¬
cherweise begriffen werden.
Die hoffentlich »freiwillige« Stillegung der Springerschen
Rotationsmaschinen würde einen historisch - einzigartigen
Modellfall abgeben: Wie werden »demokratische Urzeitun¬
gen«, von der Opposition gegen das System finanziert und
publiziert, von den Massen aufgenommen werden?
Der tägliche Gang zum »Bild«- oder »BZ«-Kiosk gehört
zur Lebensweise des verwalteten Individuums. Was wird es
tun, wenn die Zeitungen nicht vorhanden sind? Wird es
gewaltsam gegen uns reagieren, weil wir ein wichtiges
Moment seines Lebens gefährden? Oder wird es in eine
»traumatische Leere« (Marcuse) fallen, sich anfangen zu
wundern, eine Welt jenseits der bestehenden denken lernen
können?
Die Parole der Enteignung des Springer-Konzerns wird
nur dann gesellschaftlich wichtig, wenn es gelingt, breite
Teile der Lohnabhängigen und des antiautoritären Teils der
Studentenschaft organisatorisch und politisch in Aktionen zu
vereinigen. Das ist die Aufgabe der ganzen vor uns liegenden
Periode, ist nicht kurzfristiges Resultat.
98
Dazu gehören auch direkte Aktionen gegen die Notstands¬
gesetze. Diskutierende Kongresse und konzessionierte De-
, monstrationen in politisch-strategisch unwichtigen Städten
bringen uns keinen Schritt weiter.
| Am Tage der zweiten Lesung der Notstandsgesetze sollte
i Bonn eine »Besetzung« durch Notstandsgegner erleben! Ein
»Go-In« des bewußtesten Teils der Bevölkerung ins Parla-
I ment brächte vielleicht für Stunden real-demokratischen
1 Geist in die formalisierte und bürokratisierte Akklamations-
} maschine der Regierung.
I Allein solche Offensivaktionen ermöglichen es uns, wei¬
tere Minderheiten innerhalb und außerhalb der Universität
gegen das System zu mobilisieren. Der theoretische Lernpro¬
zeß durch Aufklärung wird zum repressiven Konsum, wenn
I er den Weg zur praktischen Aktion nicht findet.
Die Aktionen gegen den Springer-Konzern und die Not¬
standsgesetze treffen zentrale Nervenpunkte: die funktionale
Beherrschung der Menschen durch Manipulation und ange-
> drohte (potentielle) direkte Repression.
An ihnen kann die Irrationalität und Unmenschlichkeit des
Systems nachgewiesen werden. Die kritische Vernunft und
das emanzipatorische Interesse der radikalen Opposition
haben sich in diesen Aktionen zu bewähren. Die Enteignung
des Springer-Konzerns unter den bestehenden gesellschaftli¬
chen Bedingungen scheint uns weder wahrscheinlich noch
besonders »fortschrittlich« zu sein, es sei denn, daß wir die
»Verbesserung der Gefängniszellen« als geschichtlichen
Fortschritt begriffen.
So bleibt die Voraussetzung einer befreienden Vergesell-
I schaftung der wichtigsten Bereiche des gesellschaftlichen
Lebens die durch Aufklärung und Aktionen gegen das
System vermittelte tendenzielle Loslösung der Lohnabhän¬
gigen vom staatlich-gesellschaftlichen Apparat.
Denn die Befreiung der Lohnabhängigen kann nur durch
ihre praktisch-umwälzende Bewußtwerdung geschehen,
nicht durch eine Partei, eine Bürokratie oder durch ein
Parlament.
I
Karl Schiller: damals Wirtschaftsminister in der Großen
I Koalition.
99
i
Vom ABC-Schützen zum Agenten
(Rudi Dutschke antwortet Rudolf Augstein)
Die »Große Koalition« als der letzte verzweifelte Versuch
der herrschenden Oligarchien, die strukturellen Schwierig¬
keiten des Systems zu »lösen«, stößt immer deutlicher auf
objektive Schranken. Sie muß die Strukturkrise subventioni-
stisch verschleppen (s. Subventionsbericht), bereitet damit in
einem langfristigen Sinne tiefere Widersprüche vor. Wir
können sie begreifen als die neue Ordnungspartei, deren
direktes Geschäft es ist, die lohnabhängigen Massen in
Unmündigkeit zu halten, um auf sie die Kosten der Struktur¬
krise abzuwälzen. Marx spricht in seinen Entwürfen zum
»Bürgerkrieg in Frankreich« von den Aufgaben einer solchen
Form der Klassenherrschaft und sagt, daß »ihr einziger raison
d’etre die Verhinderung der Emanzipation der produzieren¬
den Massen« ist. Für ihn ist diese Form die »abscheulichste
aller politischen Regimes«. Solch ein Kartell zum Zwecke der
gemeinsamen Niederhaltung der Massen haben wir heute in
der Bundesrepublik. In ihm vereinigen sich alle Fraktionen
des Gesamtapparats, die ehemaligen Faschisten und be¬
stimmte Sorten von Widerstandskämpfern, umarmen sich die
liberale Bourgeoisie, die Vertreter der Monopole, die Arbei¬
terverräter aus den Gewerkschaften, die Sickert und Co.,
richten sich die Manipulationszentren, die Augstein und
Springer ein. Zusammen bilden sie die »anonyme Aktien-
kompanie«, den subtilen und - wenn nötig - manifesten
Terrorismus der Klassenherrschaft des Spätkapitalismus.
Dieser widersprüchliche, aber dennoch objektiv einheitli¬
che Gesamtapparat mobilisiert Tag für Tag eine Gesamtheit
von Signalen, die die Idee und Praxis der Befreiung von
Kapitalismus, zusätzlicher Herrschaft und gesellschaftlich
vermittelter Unmündigkeit der lohnabhängigen Massen be¬
kämpfen, denunzieren und vereinnahmen sollen. Nichts soll
außerhalb des Apparats bleiben, alles will er sich aneignen,
kontinuierliche Gegensignale mit aufklärerischen Inhalten
100
werden zu Recht als Moment der direkten Bedrohung des
Systems begriffen.
So erfüllen der »Spiegel« und sein Herausgeber in der Nr,
51 wieder einmal - besonders sichtbar - gesamtgesellschaftli¬
che Aufgaben der Repression: in der totalen Personalisierung
gesellschaftlicher Konflikte (auf Rudi Dutschke:), in der
»wohlwollenden« Ignoranz bei der Rezeption theoretischer
Ansätze und in der süffisanten Darstellungsweise des Kamp¬
fes zwischen Revolution und Konterrevolution helfen sie mit
bei dem Versuch des Systems, die Widersprüche zu ver¬
schleiern, die ersten Formen einer radikalen Opposition
gegen Manipulation und Ausbeutung von allen Seiten syste¬
matisch zu bekämpfen.
In der scheinbaren Ablehnung der Politik der herrschen¬
den Oligarchien gewinnt Augstein den Spielraum, sich
einzuschalten in die politisch-strategische Diskussion der
außerparlamentarischen Opposition, zu der er nicht gehört.
Er versucht, die Struktur des kapitalistischen Systems von
einem pseudokritischen Standpunkt als die einzig mögliche
zu verteidigen, nimmt immer deutlicher die Interessen der
staatlich-gesellschaftlichen Bürokratie und der Monopole
wahr, denen die Angst vor der revolutionären Sozialisierung,
die die bewußte Herrschaft der Produzenten über die Produk¬
tionsmittel hersteilen wird, schon jetzt in den Knochen sitzt.
Augstein soll sich nicht einbilden, daß er wegen der
»lumpigen« 5000 DM, die wir von ihm erhielten, von uns
Rücksichten zu erwarten hat. Auch wenn er oder andere uns
Hunderttausende zum Aufbau eigener Kindergärten, Schu¬
len, Institute und Universitäten gäben - was uns einen
unglaublich qualitativen Schritt voranbrächte -, ist die poli¬
tisch-strategische Diskussion über den Transformationspro¬
zeß des Systems Angelegenheit der um ihre Emanzipation
kämpfenden Gruppen, Schichten und Fraktionen des anti¬
autoritären Lagers und der lohnabhängigen Massen.
Augstein ist für mich kein Diskussionspartner über »mein
Verhältnis zum SDS«. In der Konstruktion von Gegensätzen
und Widersprüchen ist nichts als ein nicht einmal besonders
subtiles Manöver einer Fraktion des Apparats zu sehen, den
SDS von außen zu beeinflussen, seine wachsende radikale
Effektivität zu beeinträchtigen.
101
Wer unseren sozialistischen Verband nur einigermaßen
kennt weiß, daß seine dezentralisierte Struktur, die mit der
schöpferischen Selbsttätigkeit von unten steht und fällt,
weder einen »Chefideologen« noch »eine Linie« im partei¬
zentralistischen Sinne gebrauchen kann. Die Herausbildung
einer kollektiven temporären Führung in den verschiedenen
Gruppen, die durch Kritik und Selbstkritik vorangetrieben
wird, ist eine organisatorische Antwort gegen den Versuch
der manipulativen Personalisierung. Wir arbeiten in einer
gefährlichen Übergangsperiode, in der die Herrschenden
schon zeigen, daß sie in einem geeigneten Moment nicht
davor zurückschrecken werden, unsere Organisation zu
verbieten. Zwar scheint vielen von uns sicher, daß wir dann
in sehr kurzer Zeit einen neuen Dachverband, und zwar auf
erweiterter Stufenleiter, finden. Dennoch ist die jetzige
Periode schwierig, weil es uns noch nicht gelang, die
Fraktionen der lohnabhängigen Massen, die in den nächsten
Jahren die Kosten der Strukturkrise tragen müssen, in den
antikapitalistischen Kampf wirksam zu integrieren.
Die Politisierung der temporär »schwächsten Glieder« des
Systems, von der Universität über die Schulen und Berufs¬
schulen bis hinein schließlich in spezifische Betriebe, in
einem nichtmechanischen, sondern höchst widersprüchli¬
chen »langen Marsch *, hat begonnen. Keine Form der
Repression kann die Tausende von Menschen, die schon
heute gegen das kapitalistische System arbeiten, daran hin¬
dern, auch in der nächsten Periode ihren emanzipierenden
Kampf fortzusetzen.
Herrn Augsteins Begriff von Politik kann uns nicht
verstehen, er treibt Westentaschen-Leninismus in Augstein-
Format, sozialdemokratische Realpolitik mit klassischen
machtpolitischen Implikationen.
Engels definierte u. a. unseren Politikbegriff: »Die Revo¬
lution ist der höchste Akt der Politik, und wer sie will, muß
auch die Mittel wollen, die die Revolution vorbereiten, die
Arbeiter für sie erziehen und sorgen, daß er nicht am
nächsten Tage von Favre und Pyat geprellt wird.« In der Tat,
die tägliche »Realpolitik« ist für uns nur ein zu verwertendes
Abfallprodukt der langfristigen Anstrengung, die bewußt¬
seinsmäßigen, die materiellen und organisatorischen Voraus¬
setzungen für eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung zu
schaffen.
Es ist wahr, der SDS hat keine Zeitung, keine Gegen-
Manipulationsmaschine. Dennoch existieren vielfältige
Keime einer demokratischen Gegenpresse, überall schießen
Schülerzeitungen aus dem Boden, überregionale Berufsschü¬
lerzeitungen erscheinen schon, Betriebs- und Branchenzei¬
tungen werden vorbereitet, sozialistische Gruppen in und
außerhalb der Uni haben ihre Zeitschriften. Die verschiede¬
nen Formen der Selbstorganisation und des Widerstandes
sind noch nicht koordiniert. Darüber diskutieren die revolu¬
tionären Sozialisten in der BRD und in West-Berlin. Clubs,
Zirkel und Aktionszentren sind erste vorläufige Antworten.
Der Stand der praktisch-kritischen Bewegung bestimmt in
letzter Konsequenz den Reifegrad der theoretischen und
organisatorischen »Lösungen«.
Herr Augstein will schließlich nicht begreifen, daß unter
den Bedingungen der organisierten Repression in nationaler
und internationaler Form eine gesellschaftliche Umwälzung
als »Diktatur einer Minderheit« historisch unmöglich gewor¬
den ist. Eine unglaublich kleine Minderheit beherrscht die
jetzigen »Schlüsselstellungen« in dieser Gesellschaft, oder
redet Augstein noch von der faktischen »Demokratie« in der
BRD als einer Herrschaft des Volkes?
Rosa Luxemburg schließt ihr Spartakusprogramm mit der
unzweideutigen Aussage: »Der Sieg des Spartakusbundes
steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Revolution; er
ist identisch mit dem Siege der großen Millionenmassen des
sozialistischen Proletariats.« Unter unseren neuen histori¬
schen Bedingungen bleibt das bewußte Eingreifen der Mas¬
sen in den historischen Prozeß, die demokratisch-revolutio¬
näre Massenhaftigkeit der Umwälzung, weiterhin das ent¬
scheidende Kriterium einer neuen Stufe des menschlichen
Daseins.
102
103
Bisher konnte ich mich auf meine Beine und
Fäuste verlassen . . .
(Aus dem Tagebuch, Januar 1968)
Brief von Wolf Biermann, von Emma überbracht. Sehr
solidarischen, und mich in einem gewissen Sinne warnend
vor eventuellen Anschlägen der Rechten gegen mich. Scheint
mir übertrieben zu sein, bisher konnte ich mich auf meine
Beine und Fäuste, vom Maul ganz zu schweigen, verlassen.
Der Brief macht blitzartig die reale Opposition in der
DDR deutlich. Freilich: in der Vietnam- und in der Anti-
Spnnger-Kampagne sind wir vom SDS mit der SED einig,
ohne jemals die grundlegend verschiedene Sozialismus-Posi¬
tion zu verschweigen oder in dieser Frage zurückhaltend zu
sein.
Die Denunziationen in der Presse nehmen schwer zu,
schießen von allen möglichen Seiten. Laufend mit Gegendar-
stelJungen zu reagieren ist hoffnungslos; wir haben was
anderes zu tun. Wir werden den Vietnam-Kongreß zu einer
internationalen Manifestation der Solidarität mit einem be-
bombten und kämpfenden Volk machen.
104
Die geschichtlichen Bedingungen für den interna¬
tionalen Emanzipationskampf
(Rede auf dem Internationalen Vietnam-Kongreß in West-
Berlin, Februar 1968)
Jede radikale Opposition gegen das bestehende System,
das uns mit allen Mitteln daran hindern will, Verhältnisse
einzuführen, unter denen die Menschen ein schöpferisches
Leben ohne Krieg, Hunger und repressive Arbeit führen
können, muß heute notwendigerweise ■ global sein. Diese
Globalisierung der revolutionären Kräfte ist die wichtigste
Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute
leben und in der wir an der menschlichen Emanzipation
arbeiten.
Die Unterprivilegierten in der ganzen Welt stellen die
realgeschichtliche Massenbasis der Befreiungsbewegungen
dar; darin allein liegt der subversiv-sprengende Charakter der
internationalen Revolution.
Die Dritte Welt als die Gesamtheit der unter dem Terro¬
rismus des von den »giant-corporations« bestimmten Welt¬
marktmechanismus leidenden Völker, deren Entwicklung
vom Imperialismus verhindert wurde, hat in den 40er Jahren
mit diesem Kampf begonnen, schon ganz unter dem Ein¬
druck und der Erfahrung der ersten »verratenen« (Trotzki)
»proletarischen Revolution« in der Sowjetunion. Entschei¬
dender Unterschied: Die Massenhaftigkeit und die Dauer des
revolutionären Prozesses, der auch in der Theorie schon als
ein permanenter begriffen wurde.
In den 50er Jahren erkämpften wirkliche sozial-ökonomi¬
sche Unabhängigkeit allein die chinesischen Massen, die den
Sprung vom Reich der imperialistischen Exploitation ins
Reich der sozialistischen Armut durchsetzen konnten. Die
sozialistische Armut wurde der Ausgangspunkt einer wirk¬
lichen Bedürfnisbefriedigung der Massen Chinas.
In den anderen Ländern aber füllte sich die Formel der
Unabhängigkeit der kolonialen Gebiete jedoch sehr bald mit
105
dem unveränderten Inhalt von politischer Abhängigkeit und
ökonomischer Ausbeutung.
Der durch den Krieg geschwächte Kapitalismus benötigte
für seine Rekonstruktionsperiode große Kapitalmassen: »In
den Jahren 1945 bis 1951 wurden die englischen Kolonien
unter unzähligen Vorwänden gezwungen, nicht weniger als
eine Milliarde Pfund als Sterling-Balance zu akkumulie¬
ren .. . diese Milliarde konstituierte den kolonialen Kapital¬
export nach England« (P. Baran, Politische Ökonomie des
Wachstums). Die Kolonien bzw. die neuen unabhängigen
Länder der Dritten Welt, die Milliardensummen für den
Aufbau, den kurzfristigen Aufbau einer die Bedürfnisse der
Massen befriedigenden Industrie benötigt hätten, blieben
ausgebeutet unter den von den »giant-corporations« wesent¬
lich mitbestimmten »Naturgesetzen« des Weltmarktes, der
die Preise für die meisten Rohstoffe fallen ließ. Die
durch starken Bevölkerungszuwachs in diesen Ländern for¬
cierte Elendssituation führte immer häufiger zu gewaltsamen
Aufständen: »Die USA sind heute unentrinnbar in diese
schweren Kämpfe - China, Korea, Japan, Malaysia (Philip¬
pinen, Holländisch-Indonesien, British-Malaya, Franzö-
sisch-Indochina), in Siam, Burma und Indien - verstrickt und
werden in naher Zukunft noch tiefer in sie verstrickt sein.
Zweifellos werden sie auch Positionen beziehen und ihre
eigene charakteristische Variante dieser neuen Form des
Imperialismus entwickeln müssen« (K. Korsch, in: Alterna¬
tive, April 1965, Seite 88).
Die neue Form des Imperialismus zeichnet sich dadurch
aus, daß sie sich auf »befreundete Regierungen, Marionetten,
Quislinge und alle möglichen Arten von Kollaborateuren
einschließlich gewisser Sorten sogenannter Widerstandsbe¬
wegungen stützt« (K. Korsch, ibd., S. 88).
Das Besondere dieser neuen Form des Imperialismus ist,
daß er nicht mehr primär ökonomisch zu verstehen ist.
Sicherlich, die billigen Rohstoffe sind auch heute noch
wichtig und lohnend, sie stellen aber nicht mehr den Mittel¬
punkt der Erscheinung des Imperialismus dar. Das Herr¬
schaftsinteresse bestimmt immer deutlicher das Profitinter¬
esse y der Primat der Politik über die Ökonomie wird integra¬
ler Bestandteil der Globalstrategie der Konterrevolution.
106
Im niedergehenden Kapitalismus, seit dem Ende des 1.
Weltkrieges, seit der Errichtung der Diktatur des Proletariats
in der Gestalt der Diktatur der Avantgarde in der SU, beginnt
die Bedeutung des Kapitalexports wesentlich zu sinken. In
dieser Zeit schwerster ökonomischer und politischer Krisen
wurde Geldkapital nur mit größter Vorsicht ausgeliehen und
angelegt. Insbesondere konnten die Länder, die die Rü¬
stungsausgaben schon maximal gesteigert hatten, die Kapital¬
überschüsse immer weniger zum Kapitalexport verwenden,
weil diese gerade durch den Wiederaufbau und durch die
Vorbereitungen für einen modernen Krieg aufgezehrt wur¬
den. Neben den Kapitalexport trat daher in den 20er und 30er
Jahren erneut die systematische Ausbeutung fremder Roh¬
stoff- und Kraftstoffquellen auf erweiterter Stufe. Die mo¬
derne Kriegsindustrie verschlang riesige Rohstoffbestände,
verschärft noch durch die wachsende Kriegsgefahr.
Außenpolitische Friktionen zwischen den Staaten verlang¬
ten »strategische Vorkehrungen*, um dem potentiellen Feind
zuvorzukommen, neue Territorien zu gewinnen, strategisch
wichtige Punkte zu besetzen, um im Falle des Krieges eine
bessere Ausgangslage zu haben. Hier herrschte die Logik der
Kriegsmaschine. Wettrüsten und militärische Auseinander¬
setzungen waren die ganz »normalen Folgen« einer solchen
Entwicklung, die sich in ähnlicher Form nach dem 2.
Weltkrieg wiederholte. Insofern haben wir nach dem 2.
Weltkrieg schon auf der Grundlage der permanenten Krise
des Systems begonnen, sie war bei uns weder aufgehoben
noch schon als solche sichtbar.
Sinnlich sichtbar war sie nur für die Dritte Welt: »Allein
in den letzten acht Jahren gab es nicht weniger als 164
international relevante Ausbrüche von Gewalt. . . Das au¬
ßerordentliche daran ist, daß es sich nur bei 15 von diesen 164
ernsten Gewaltausbrüchen um militärische Konflikte zwi¬
schen zwei Staaten handelte. Und bei keinem der 164
Konflikte ist formell der Krieg erklärt worden . . .
Zu Beginn des Jahres 1958 waren 23 Aufstände in der Welt
im Gange. Am 1. Februar 1966 gab es 40, Weiter: Die
Gesamtzahl der Aufstände ist Jahr für Jahr gestiegen. 1958
waren es 34,1965 waren es 58. Aber das Entscheidendste von
allem ist, daß immer eine direkte und konstante Beziehung
107
zwischen den Ereignissen der Gewalt und dem ökonomi¬
schen Status der davon betroffenen Länder bestand. Der
ökonomische Abstand zwischen den armen und reichen
Ländern wird immer größer. Um 1970 wird. . . diese
hungernde Hälfte der Menschheit nur über ein Sechstel aller
Dienstleistungen und Güter verfügen« (McNamara 1966).
Hier müssen wir begreifen, worum es geht: Es geht um die
Aufrechterhaltung der amerikanischen Einflußsphären in
bestimmten Teilen der Welt, es geht um die Weltvormacht¬
stellung der Vereinigten Staaten in diesem Gebiet.
Der Imperialismus als Gesamtsystem ist total auf dem
Rückzug. Er organisiert weltweite Rückzugsgefechte, die auf
jede Legitimationsbasis, und sei es die des Antikommunis¬
mus, verzichten. Ihre einzige Legitimation - und die hat in
der Tat Realitätscharakter - ist die blanke und brutale Macht,
die der US-Imperialismus Tag für Tag an allen Ecken der
Welt anwenden muß, um die Sozialrevolutionären Bewegun¬
gen zu zerschlagen oder sie in Grenzen zu halten.
Der deutsche Imperialismus hat durch seine Niederlagen
im 1. und 2. Weltkrieg entscheidenden ökonomischen,
politischen und ideologischen Boden verloren. Dem ent¬
sprach in widersprüchlicher Form der Zersetzungsprozeß
der revolutionären Tendenzen der deutschen und internatio¬
nalen Arbeiterbewegung. In der falschen Alternative Kapita¬
lismus (freie Welt) und »Stalinismus« (die die Sozialdemo¬
kraten in der BRD nicht als falsche erkannten) erfolgte die
systematische und langanhaltende Integration der lohnab¬
hängigen Massen in das System von Konzessionen, welches
gerade den Spätkapitalismus auszeichnet.
Die langandauernde Hochkonjunktur wurde - sogar von
Sozialisten - als Zeichen der mehr oder weniger wider¬
spruchslosen Qualität des stabilisierten Kapitalismus falsch
verstanden.
Der revolutionäre deutsche Sozialismus verschwand histo¬
risch von der politischen Bühne, um erst nach ca. 20 Jahren
in einzelnen Abteilungen der Studentenschaft, einzelnen
Fraktionen der Lohnabhängigen in Industrie und Verwal¬
tung und in Gruppen von Schülern wieder geschichtliche
Realität zu werden.
Die marxistische Theorie individualisierte sich, verlor
108
damit ihren praktisch-kritischen, ihren wirklich subversiven
Kern. Die Konzeption der Parteiorganisation als Instituts-
Akademie, in der die universellen Revolutionäre sich allseitig
schöpferisch ausbilden und in permanenter Wechselbezie¬
hung zur revolutionären Praxis stehen, verflüchtigte sich ins
Reich der utopischen Nebelbildungen.
Die Bundesrepublik an Ende des sogenannten Wirtschafts¬
wunders, d. h. nach der vollen Ausschöpfung der vorhande¬
nen quantitativen und qualitativen Arbeitskräfte- und Be¬
rufsstruktur, zeichnet sich dadurch aus, daß die hohen
unproduktiven Staatsausgaben, die Subventionen etc., die die
sich etablierende Staatsmaschine im Laufe der Prosperitäts¬
periode an die Vertreter der Interessentenbörse relativ leicht
geben konnte, am Ende der Rekonstruktionsperiode des
westdeutschen Kapitalismus »plötzlich« als zusätzliche, zu¬
meist unproduktive Ausgaben, als für die Weiterentwicklung
der Ökonomie gefährliche Totgewichte, als »faux frais« der
kapitalistischen Produktion erscheinen.
Die Milliarden »unrentabler Investitionen« in die Ausbil¬
dungssphäre (Bau neuer Universitäten, Schulen, Berufsschu¬
len, Ingenieurschulen etc.), die für die Schaffung einer
qualitativ und quantitativ neuen Berufs- und Ausbildungs¬
struktur nötig wären, sind in der jetzigen Phase des westdeut¬
schen Kapitalismus nicht ohne inflationäre Verschärfung
disponibel. Hinzu kommt die Tatsache, daß die wider¬
sprüchliche Einheit des Gesamtapparats von Oligopolen,
staatlich-gesellschaftlicher Bürokratie, Parteien, Interessen¬
verbänden usw. durch keinen »beherrschenden Willen«
wirklich gesamtgesellschaftlich geleitet wird.
An die Stelle der Konkurrenz der privaten Eigentümer sind
im Spätkapitalismus die Marktabsprachen der korporierten
Eigentümer getreten. Dahinter liegt die Tendenz zur Verge¬
sellschaftung im Kapitalismus, drückt sich aber auch eine
bewußtere Form des gesellschaftlichen Zusammenhanges der
Produzenten aus. Steigende Mehrwertraten, absolute Zu¬
nahme der beschäftigten Bevölkerung nach der Weltwirt¬
schaftskrise lassen auch die Mehrwertmasse steigen.
Diese Mehrwertmasse wird für den Akkumulationsprozeß
bereitgestellt. Konkrete Schranken der Akkumulation sind
Produktionskapazität und -Proportionalität. Das akkumula-
109
tionsbereite Kapital gerät in Widerspruch mit diesen Bedin¬
gungen, versucht durch technischen Fortschritt, künstlich
geschaffene Bedürfnisse, Export von Kapital etc. die Schran¬
ken zu überwinden. Der permanente Hunger nach Verwer¬
tungsmöglichkeiten ist der Motor der kapitalistischen Ent¬
wicklung. Insofern die Ausdehnung des äußeren Feldes der
kapitalistischen Produktion immer schwerer wird - die
Aufteilung der Welt ist beendet, und die Dritte Welt kämpft
J , der , technische Fortschritt immer mehr zum entschei¬
denden Akkumulationsfaktor. Allerdings gibt es auch hier
immanente Schranken. Immer weniger Produktionszweige
sind noch nicht voll durchindustrialisiert (Landwirtschaft!).
Gewissermaßen werden immer mehr nur noch ganz neue
Industrien zum bestimmenden Träger des Akkumulacions-
prozesses.
Diese neuen Industrien stehen in zunehmendem Maße
Industrien gegenüber, die kapitalgesättigt sind bzw. akku¬
mulationsunfähig geworden sind. Der zumeist hohe Anteil
des fixen Kapitals macht akkumulationsunfähige Produk-
nonszweige für die Dauer ihres Abbauprozesses stützungs-
bedurftig. Der Anstoß zu etatistischen Maßnahmen kommt
gerade von diesen bedrohten Produktionszweigen. Die ak¬
kumulationsunfähigen Wirtschaftszweige drücken die Öko¬
nomischen Totgewichte der kapitalistischen Gesellschaft aus,
zeigen die objektiven Schranken der Akkumulation an’
hemmen andererseits die »ungestörte« ökonomische Ge¬
samtentwicklung. Die Entfaltung einer immer höheren Pro¬
duktivität der Arbeit auf der Grundlage des technischen
Fortschritts laßt den Akkumulationsfonds ständig wachsen.
Die begrenzte Verwertungsmöglichkeit des Kapitals und die
nur immer schwerer überwindbaren Schranken der Akku¬
mulation haben notwendigerweise die verschiedensten For¬
men der Kapitalvernichtung zur Folge. Das Wachstum der
physischen (Stillegungen, Vorratsvernichtung, Krieg) und
funktionalen (jede Kapitalausgabe für unproduktive Zwecke,
Anwachsen der unproduktiven Staatsausgaben u.a.m.) Ka¬
pitalvernichtung zeigt die »Uberfälligkeit« des Systems an.
Die ungeheure Steigerung der faux frais (toten Kosten) der
kapitalistischen Produktion drückt die Gesamtheit der Ka¬
pitalvernichtung aus.
110
Die Differenz zwischen der technologisch möglichen und
der faktischen Entfaltung der gesellschaftlichen Produktiv¬
kräfte wird immmer größer. Damit wird auch die Spannung
zwischen dem möglichen Lebensstandard bei einer vollen
Beseitigung der kapitalistischen Fesseln und dem faktischen
Lebensstandard immer mehr vergrößert. Der kapitalistische
Staat muß immer deutlicher als Regulator und ökonomische
Potenz eingreifen, um die Systeminteressen systematisch
durchzusetzen. »Der letzte Grund aller wirklichen Krisen
bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der
Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produk¬
tion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die
absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze
bilde« (Kapital III, S. 528).
Die Existenz stagnierender, akkumulationsunfähiger Pro¬
duktionszweige (Bergbau, Landwirtschaft z. B.), die »auf
Krücken gehen«, subventioniert werden müssen, und der
unterentwickelte Status der entscheidenden Träger des Ak¬
kumulationsprozesses in den 70er Jahren, der neuen Indu¬
striezweige Elektronik, Weltraumforschung, Flugzeugbau,
Atomenergie etc. deuten auf eine langfristige Stagnationspe¬
riode des westdeutschen Kapitalismus hin.
Die allgemeine Einschätzung der sozial-ökonomischen
Situation der BRD' und West-Berlins bildet die Vorausset¬
zung für eine politisch-strategische Diskussion über den
Prozeß der bundesrepublikanischen Umwälzung im Kontext
der internationalen Auseinandersetzung zwischen Revolu¬
tion und Konterrevolution.
Die verschiedenen Fraktionen des Apparats, der Regie¬
rungsmaschine, feiern in der Großen Koalition eine »Orgie
des Renegatentums«. Sogenannte Widerstandskämpfer, wie
Gerstenmaier, ehemalige Vertreter der verschiedenen Arbei¬
terparteien, wie Brandt (SAPD), Wehner (KPD), zynisch
gewordene Sozialdemokraten und Alt-Faschisten, wie Kie-
singer & Co., steigen in das gemeinsame Bett, bis die
bewußtgewordenen Massen sie für immer vertreiben werden.
Diese spätkapitalistische Grundstruktur ist integraler Be¬
standteil des heutigen Imperialismus.
Der heutige Imperialismus als konkrete Totalität der
internationalen kapitalistischen Interessensphären bildet -
111
stärker als früher - eine widersprüchliche Einheit, in der
eindeutig die US-Interessen dominieren. Der westdeutsche
Imperialismus hat wichtige Hilfsfunktionen übernommen!
Er stützt seit Jahren durch den Devisenausgieich den US-
Dollar, leistet in Taiwan und Südvietnam z. B. intensive
Ökonomische und paramilitärische Hilfe in der Form von
landwirtschaftlichen Experten in Taiwan und dem sogenann¬
ten »humanitären« Dienst in Südvietnam etc
Daneben tritt - wohl als Vehikel für eine stärkere eigene
imperialistische Politik gedacht - die Zusammenarbeit mit
den afrikanischen Regierungen, deren Völker um ihre so-
zial-okononusche Emanzipation zu kämpfen anfangen, mit
Südafrika, Portugal und Rhodesien.
An dem Versuch der Zerschlagung der Sozialrevolutionä¬
ren Bewegung in Portugiesisch-Angola, Mozambique, Sao
Thome, Portugiesisch-Guinea und in Rhodesien ist der
westdeutsche Imperialismus direkt beteiligt: Im März 1966
vereinbarten Lissabon und Bonn eine »bilaterale militärische
Zusammenarbeit«, hinzu kommt die NATO-Zusammenar-
ft“ ™ ^ daß dk B° nner Regierung im vergange-
nen Jahr 70 teuer gekaufte F 86 sehr billig an Portugal
verkaufte, deutsche Piloten die Maschinen nach Afrika
flogen, wo sie sofort zur Bekämpfung der Befreiungsbewe-
gungen in Angola und Mozambique eingesetzt wurden
Andere wichtige Kriegsmaterialien gehen permanent nach
Für die Strategie des antiimperialistischen Kampfes, für die
Vermittlung antiimperialistischer und antikapitalistischer
Gr r o«?T S 1 T l T h 7 jede Mö S Iichkeit gegeben zu sein.
roße Teile der Bevölkerung sind gegen die sinnlose Rü¬
stung zu mobileren, besonders weil der BRD-Kapitalismus
nicht mit der Rüstungsproduktion steht und fällt.
lese Praktiken, die die lohnabhängigen Massen in der
BRD zu tragen haben, könnten durch eine systematische
Entlarvung politisch verwertet werden.
Seit März 1967 befinden sich ca. 100 Offiziere und Berater
der Bundeswehr in Rhodesien, um Counter-Guerilla-Takti¬
ken zu vermitteln und Erfahrungen zu sammeln
In Rhodesien ist permanent ein Aufstand der schwarzen
Massen gegen die kapitalistische weiße Minorität möglich
112
Uns ist es bisher nicht gelungen, diesen notwendigen Be¬
freiungskampf und die Bundeswehr-Hilfe agitatorisch und
propagandistisch zu verwerten.
V Die NATO ist die organisierte Zentrale des Imperialismus
in Mittel- und Westeuropa zur Verhinderung der Emanzipa¬
tion der produzierenden Massen. Innerhalb einer Anti-
NAT O-Kampagne hätten diese imperialistischen Praktiken
ihren politischen Stellenwert.
Diese Kampagne ist nur sinnvoll möglich, wenn es uns
überzeugend gelingt, die »nationalen« Kampagnen zu inter¬
nationalisieren, die Massenaktionen, die systematische Deser¬
tion und die subversive Aktion gegen Kriegsmaterial der
NATO-Imperialisten permanent als internationale Aufgabe
zu praktizieren.
Der Aufbau eines eigenen revolutionären Informations¬
netzes ist unerläßlich und möglich, wenn wir taktische
Zentralen (Büros) für diese Kampagne in den verschiedenen
Ländern bilden, in denen Genossen aus den verschiedenen
Ländern Zusammenarbeiten. Ein praktischer Schritt in dieser
Richtung wäre der Aufbau einer Dokumentationszentrale,
und zwar über den Mißbrauch der Wissenschaften zu Kriegs¬
und Unterdrückungszwecken im Kapitalismus. Diese sollte
ergänzt werden durch den Aufbau von revolutionär-wissen¬
schaftlichen Instituten der revolutionären Jugendorganisa¬
tionen, die die imperialistische Zusammenarbeit untersuchen
und publizistisch verbreiten und damit helfen, antiimperiali¬
stische Aktionen vorzubereiten.
Diese Institute wären ein qualitativer Fortschritt, wären
von größter Bedeutung für die Befreiungsbewegungen, für die
Organisierung konkreter Solidarität (siehe NACLA-Büro für
Lateinamerika). Auf gemeinsamen Aktions- und Diskussions¬
konferenzen könnte die theoretische und praktische Konti¬
nuität gewährleistet werden. Dieser praktische Internationa¬
lismus findet seine materialistische Begründung im internatio¬
nalen Charakter der Kapitals und seiner Herrschaft.
Die revolutionären Jugendorganisationen haben in der
Geschichte der Arbeiterbewegung in den Perioden, in denen
die produzierenden Massen ihren Kampf noch nicht als
unerbittlichen Klassenkampf aufgenommen hatten, immer
als erste diesen notwendigen Internationalismus begonnen.
113
nimm. “ R ' Volu '“» «nd Konterrevolution be-
p N ' sa,ion - er
Produktion, Konsumtion und Ebö,en b
Sprüche aktualisien werden könn P f ’ m dcnC " Wider '
de, Universität primär, aber auch außeSbSe, Un” 8 “' ■”
Zehntausende gegen den US TCrls. * u- Universität
ren. Das war und ist eiL Prod??^ r" o"™ 2UmobiJ ^'
rung von breiten Minderheiten I n 'd ^ ^ ^ Mobilisie -
strationen liegt in einem antizipatorische^-^* 11 Demon ~
eine revolutionäre Globalstrategie. “ S ° efWaS wie
BRD ist "die Verbrehemne d'' StnKsk der Linken in der
Studenten, Schüler und JueendT f ntlaut ° nt ^ en Lagers der
materielle Produktion trave A ’ C C ^ !n tke Richtung der die
die F„ S n *
Schichten, Abteilunvpr, f i • Keit von Gruppen,
lohnabhängigen Massen.DaLn^rc Akdone E,Cmenten
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für die beherrschten PmA Herr = chcn dcn darstellen und
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114
Revolutionierung ist auch eine direkte Produktivkraft der
Revolution in den anderen Ländern. Und die griechischen,
spanischen und portugiesischen Faschisten haben Angst vor
der Rückkehr organisierter revolutionärer Massen ihres
eigenen Landes. Materialistisch vermittelt ist das durch die
sozialökonomische Situation der Länder, die die Arbeiter
nicht mehr absorbieren können. Wir haben zu diesen Arbei¬
tern zu gehen, zu lernen, zu erklären, zu organisieren und uns
als bürgerliche Intellektuelle zu negieren.
Das gilt gleichermaßen für unsere unerläßliche Arbeit
besonders unter den durch die Strukturkrise betroffenen
Fraktionen der Arbeiterschaft in den stagnierenden Produk¬
tionszweigen, wie z. B. im Ruhrgebiet. Der Mythos von der
NPD im Ruhrgebiet ist der Mythos der Herrschenden. Die
historische Funktion des Faschismus war, die proletarische
Revolution zu verhindern. Die NPD hat diese Chance nicht
mehr.
Der heutige Faschismus steckt in den autoritären Institu¬
tionen und im Staatsapparat. Den letzteren zu sprengen ist
unsere Aufgabe, und daran arbeiten wir. Dazu gehört die
entschlossene und dauerhafte Mobilisierung und Organisie¬
rung der Massen an allen Orten, primär jetzt im Ruhrgebiet.
Dazu gehört die immer dringender werdende solidarische
Zusammenarbeit mit den Einzelgewerkschaften, die ent¬
schlossen sind, einem Lohnstopp mit allen Mitteln politisch
und ökonomisch entgegenzutreten, nicht die Große Koali¬
tion der Parasiten und Blutegel zu vervollständigen. Wir
kämpfen für eine antiautoritäre und damit antifaschistische
Einheitsfront aller Gruppen, Organisationen und Individuen
aus allen Sphären der Gesellschaft - mit dem Ziel, eine
antiautoritäre, d. h. freie Gesellschaft, direkte Herrschaft der
Produzenten über die Produktionsmittel zu erkämpfen. Das
allein wäre die Auflösung und Vernichtung der Widersprü¬
che des Kapitals, wäre die freie revolutionäre und sozialisti¬
sche Gesellschaft!
Die historische Aufgabe des Spätkapitalismus ist es, die
Massen in ein funktional im Interesse der Herrschenden
reagierendes Kollektiv zu verwandeln, sie jederzeit für
militärische und zivile Zwecke verwertbar und einsetzbar zu
halten. Gerade diese entscheidende Aufgabe kann er in der
115
BRD immer weniger erfüllen. Die kulturrevolutionäre Über¬
gangsperiode, die spätestens seit dem 2. Juni 1967 relevante
Schichten innerhalb und auch außerhalb der Universität
mobilisierte, kann »nur« noch durch brutalsten Repressions¬
einsatz beendet werden!
Systematisch wichtig für eine Sozialrevolutionäre Strategie
mußte sein, zu begreifen, daß das System des Spätkapitalis¬
mus nicht auf eine aktive, selbsttätige Massenbasis zurück¬
greifen kann. Das System hat zwar eine Massenbasis, aber
diese ist passiv und leidend, ist unfähig, politischen und
Ökonomischen Herausforderungen von sich aus spontan zu
begegnen. Der heutige Faschismus ist nicht mehr manifestiert
in einer Partei oder in einer Person, er liegt in der tagtäglichen
Ausbildung der Menschen zu autoritären Persönlichkeiten,
er hegt in der Erziehung, kurz, er liegt im bestehenden
System der Institutionen.
Pj S P yStC L m deS Spätkapitalismus ist mehr denn je eine
Mmderheitsherrschaft, zusammengehalten durch die wider¬
sprüchliche Einheit des Gesamtapparats, bestehend aus der
staatlich-gesellschaftlichen Bürokratie und den Vertretern
der Oligopole. Die tagtägliche Mobilisierung der gesamten
Gesellschaft gegen die Idee der sozialen Befreiung von
zusätzlicher und überflüssiger Arbeit und Herrschaft ver¬
sucht die Menschen geistig und biologisch zu passiven
bignalempfangern zu machen. Unter diesen Verhältnissen
wird der Rückgriff auf den traditionellen Massenbegriff der
20er Jahre strategisch und taktisch falsch. Die Herrschenden
können nicht von heute auf morgen gegen uns in der BRD
Hunderttausende mobilisieren. Der widersprüchliche Ge¬
samtapparat kann es sich heute nicht einmal mehr leisten, die
Massen für sich zu mobilisieren, könnte doch dadurch in
letzter Konsequenz auch Hand an die Herrschaft des Appa¬
rats gelegt werden.
Ganz im Gegensatz dazu ist es uns revolutionären Sozia¬
listen heute in der Bundesrepublik möglich geworden, durch
ein System der systematischen Vermittlung von Aufklärung
und Aktion eine durchaus schon massenhafte Mobilisierung
zu erreichen. &
Die weltgeschichtliche Rolle und Funktion der vietname¬
sischen Revolution ist dabei evident. Die Aggression der
116
Vereinigten Staaten von Nordamerika war unübersehbar. Sie
geschah zu einem Zeitpunkt in brutal-offener Form, als die
vielfältigsten Mechanismen der »Einflußnahme« nicht mehr
ausreichten, um den Sieg der revolutionären Befreiungskräfte
; n Südvietnam zu verhindern. Das historische Pech des
US-Imperialismus bestand nun gerade darin, daß er seine
einzige »Legitimationsbasis«, die antikommunistische Ideo¬
logie, abbauen mußte, um die Niederschlagung der Sozialre¬
volutionären Befreiungsbewegungen überhaupt noch unter
antikommunistischer Fahne zu ermöglichen, dieser schein¬
bare Widerspruch löst sich auf, wenn wir begreifen, daß die
Anerkennung der Koexistenz-Ideologie der Sowjetunion
durch den Imperialismus geschah, um wenigstens in Mittel¬
und Westeuropa eine »ruhige Zone« des Systems zu erhalten,
um einen »freien Rücken« für die kurzfristige und effektive
Zerschlagung der revolutionären Bewegung der Dritten Welt
zu erhalten.
Die historische »Schuld« der Sowjetunion besteht in dem
völligen Versagen, diese Strategie des Imperialismus zu
begreifen und subversiv-revolutionär zu beantworten. Die
sich von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr steigernde
Aggression des US-Imperialismus in Vietnam materialisierte
sich in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern als
»abstrakte Gegenwan der Dritten Welt in den Metropolen«
(O. Negt), als geistige Produktivkraft im Bewußtwerdungs-
prozeß über die Antinomien der heutigen Welt.
Die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfes des viet¬
namesischen Volkes, die exemplarische Bedeutung dieser
Auseinandersetzung für die folgenden Kämpfe gegen den
Imperialismus standen schon sehr früh im Mittelpunkt der
Vietnam-Diskussionen. Daß aber dieser entscheidende
Aspekt ins studentische Bewußtsein und nun auch partiell ins
Bewußtsein der lohnabhängigen Massen gelangt, scheint uns
seine materialistische Begründung in dem spezifischen Pro¬
duktionsverhältnis der studentischen Produzenten zu haben.
Wir haben als Studenten - wenn auch von Fakultät zu
Fakultät verschieden - innerhalb der gesamtgesellschaftlichen
Reproduktion soziologisch eine Zwischenlage. Auf der einen
Seite sind wir eine geistig und ausbildungsmäßig privilegierte
Fraktion des Volkes, aktuell bedeutet dieses Privileg im
117
Grunde aber nur Frustration. Frustration darum, weil der
sich ausbildende Student, besonders der politisch engagierte,
tagtäglich den Idiotismus der Politikaster-Cliquen der irra¬
tionalen Autoritäten kritisch und manchmal auch sinnlich
miterlebt. Hinzu kommt, daß diese antiautoritären Studen¬
ten noch keine materiell gesicherten Positionen der Gesell¬
schaft übernommen haben, sie von Machtinteressen und
Machtpositionen noch relativ weit entfernt sind. Diese
temporäre Subversiv-Stellung der Studenten bringt eine
dialektische Identität der unmittelbaren und historischen
Interessen der Produzenten hervor. Die vitalen Bedürfnisse
und Interessen nach Frieden, Gerechtigkeit und Emanzipa¬
tion können sich daher in diesen soziologischen Positionen
am ehesten materialisieren. Wirkliche Virulenz entfalteten sie
aber erst, als die Studenten durch den antiautoritären Kampf
im eigenen Institutsmilieu Universität gegen die dortige
Bürokratie sich politisierten, entschlossener in der politi¬
schen Auseinandersetzung um ihre Interessen und Bedürf¬
nisse kämpften. Die unmittelbare Beziehung des studenti¬
schen Produzenten zu seinem Ausbildungsmilieu darf nicht
vergessen werden. Seine Lernsituation an der Universität ist
bestimmt von der Diktatur der inflationär ansteigenden
Prüfungen und von der Diktatur der Ordinarien. Die Profes¬
soren wiederum sind Diener des Staates. Die heutige Ver¬
staatlichung der ganzen Gesellschaft bildet die Basis für ein
Verständnis des antistaatlichen und antiinstitutionellen
Kampfes der radikalen außerparlamentarischen Opposition.
Dadurch verlor Vietnam viel von seiner scheinbaren
Abstraktheit. Die produktive Vermittlung der unmittelbaren
und der historisch-emanzipatorischen Interessen der anti¬
autoritären Studenten kann nur in der Auseinandersetzung,
im politischen Kampf geschehen. Die Restriktionspolitik der
universitären Bürokratie, die brutalen Einsätze der Westber¬
liner Bürgerkriegsarmee bei den verschiedenen Demonstra¬
tionen, die langandauernde permanente Aufklärung über die
gesellschaftlichen Widersprüche, die systematisch die Spiel¬
regeln der bürgerlichen Gesellschaft »verletzenden« Ak¬
tionsformen und der dabei stattfindende Lernprozeß schufen
die antiautoritäre Einstellung.
Sie entfaltet sich im Kampf um neue radikale Bedürfnisse,
118
ur n das Ziel, die Totalität der die Menschen von langer
Arbeitszeit, Manipulation und Elend befreienden Produktiv¬
kräfte endlich von den Fesseln des Kapitals und derBürokra-
ye zu befreien, sie endlich der bewußten Kontrolle zu
unterwerfen, einen neuen Menschen zu schaffen.
Geben wir uns aber keinen Illusionen hin.
Das weltweite Netz der organisierten Repression, dps
Kontinuum der Herrschaft, läßt sich nicht leicht aufspren¬
gen. Der »neue Mensch des 21. Jahrhunderts« (Guevara,
Fanon), der die Voraussetzung für die »neue Gesellschaft«
darstellt, ist Resultat eines langen und schmerzlichen Kamp¬
fes, kennt ein sehr schnelles Auf und Ab der Bewegung,
temporäre Aufschwünge werden durch nicht zu umgehende
»Niederlagen« abgelöst werden. Unsere kulturrevolutionäre
Ubergangsphase ist im »klassischen« Verständnis der Revo¬
lutionstheorie eine vorrevolutionäre Phase, in der Personen
und Gruppen sich noch manchen Illusionen, abstrakten
Vorstellungen und utopistischen Projekten hingeben, ist eine
Phase, in der der radikale Widerspruch zwischen Revolution
und Konterrevolution, zwischen der herrschenden Klasse in
ihrer neuen Form und dem Lager der Antiautoritären und
Unterprivilegierten noch nicht konkret und unmittelbar sich
auszutragen beginnt. Was für Amerika schon eindeutig
Realität ist, hat auch schon für uns mit gewissen Modifikatio¬
nen große Bedeutung: »Es ist keine Zeit nüchterner Re¬
flexion, sondern eine Zeit der Beschwörung. Die Aufgabe der
Intellektuellen ist mit der des Organisators der Straße, mit
der des Wehrdienstverweigerers, des Diggers identisch: mit
dem Volke zu sprechen und nicht über das Volk. Die prägende
Literatur jetzt ist die Underground-Literatur, sind die Reden
von Malcolm X, die Schriften Fanons, die Songs der Rolling
Stones und von Aretha Franklin. Alles übrige klingt wie der
Moynihan-Report oder ein >Time<-Essay, die alles erklären,
nichts verstehen und niemanden verändern« (A. Kopkind,
Von der Gewaltlosigkeit zum Guerilla-Kampf, in: Voltaire-
Flugschriften Nr. 14, S. 24/25). Wir haben noch keine breite
kontinuierliche Untergrundliteratur, es fehlen noch die Dia-
löge der Intellektuellen mit dem Volk, und zwar schon auf
dem Standpunkt der wirklichen, d. h. der unmittelbaren und
historischen Interessen des Volkes.
F
t
)
!
119
Es gibt den Beginn einer Desertionskampagne in der
amerikanischen Besatzungsarmee, es fehlen aber noch die
organisierten Desertionskampagnen in der Bundeswehr. Wir
wagen es schon, den amerikanischen Imperialismus politisch
anzugreifen, aber wir haben noch nicht den Willen, mit
unserem eigenen Herrschaftsapparat zu brechen, militante
Aktionen gegen die Manipulationszentren, z. B. gegen die
unmenschliche Maschinerie des Springer-Konzerns, durch¬
zuführen, unmenschliche Kriegsmaschinerie zu vernichten.
Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit.
In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und
das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase. Wenn in Vietnam
der US-Imperialismus überzeugend nachweisen kann, daß er
befähigt ist, den revolutionären Volkskrieg erfolgreich zu
zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autoritärer
Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok. Wir haben
eine historisch offene Möglichkeit. Es hängt primär von
unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden
wird. »Wenn sich dem Viet-Cong nicht ein amerikanischer,
europäischer und asiatischer Cong zugesellt, wird die viet¬
namesische Revolution ebenso scheitern wie andere zuvor.
Ein hierarchischer Funktionärsstaat wird die Früchte ernten,
die er nicht gesät hat« (Partisan Nr. 1, Vietnam, die Dritte
Welt und der Selbstbetrug der Linken, Berlin 1967).
Und Frantz Fanon sagt für die Dritte Welt: »Los, meine
Kampfgefährten, es ist besser, wenn wir uns sofort entschlie¬
ßen, den Kurs zu ändern. Die große Nacht, in der wir
versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns
lassen. Der neue Tag, der sich schon am Horizont zeigt, muß
uns standhaft, aufgeweckt und entschlossen antreffen« (Die
Verdammten dieser Erde, Suhrkamp 1966, S. 239).
Laßt uns auch endlich unseren richtigen Kurs beschleuni¬
gen. Vietnam kommt näher, in Griechenland beginnen die
ersten Einheiten der revolutionären Befreiungsfront zu
kämpfen. Die Auseinandersetzungen in Spanien spitzen sich
zu. Nach 30 Jahren faschistischer Diktatur ist in der Einheits¬
front der Arbeiter und Studenten eine neue revolutionäre
Kraft entstanden.
Die Bremer Schüler haben angefangen und gezeigt, wie in
der Politisierung unmittelbarer Bedürfnisse des Alltagslebens
120
Kampf gegen Fahrpreiserhöhungen - subversive Spreng¬
kraft entfaltet werden kann. Ihre Solidarisierung mit den
lohnabhängigen Massen, die richtige Behandlung der Wi¬
dersprüche und die Auseinandersetzungen mit der autori¬
tär-militaristischen Polizei zeigen sehr d Alt Sich, welche gro¬
ßen Möglichkeiten des Kampfes im SysteHi des Spätkapitalis¬
mus liegen. An jedem Ort der Bundesrepublik ist diese
Auseinandersetzung in radikaler Form möglich. Es hängt
von unseren schöpferischen Fähigkeiten ab, kühn und ent¬
schlossen die sichtbaren und unmittelbaren Widersprüche zu
vertiefen und zu politisieren, Aktionen zu wagen, kühn und
allseitig die Initiative der Massen zu entfalten. Die wirkliche
revolutionäre Solidarität mit der vietnamesischen Revolution
besteht in der aktuellen Schwächung und der prozessualen
« Umwälzung der Zentren des Imperialismus. Unsere bishe¬
rige Ineffektivität und Resignation lag mit in der Theorie.
Die Revolutionierung der Revolutionäre ist so die ent¬
scheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der
Massen. Es lebe die Weltrevolution und die daraus entste¬
hende freie Gesellschaft freier Individuen!
Der Internationale Vietnam-Kongreß in West-Berlin (17.
und 18. Februar 1968), der von zahlreichen ausländischen
Organisationen mitgetragen wurde, war der Höhepunkt der
Vietnam-Kampagne der westdeutschen und Westberliner
Studenten- und Jugend-Revolte. - Robert McNamara war
damals Verteidigungsminister der USA. - Streik in Hanau: im
Rahmen der Chemie-Tarifrunde 1967 kam es bei Dunlop in
Hanau zu einem entschlossenen, teils militanten Streik, an
dem sich vor allem auch ausländische Arbeiter beteiligten; es
war der erste Arbeiterstreik, der in der Studentenbewegung
größere Beachtung fand. - Die Bremer Schüler: im Januar
1968 demonstrieren bis zu 4000 Bremer Schüler gegen eine
geplante Fahrpreiserhöhung; nach neuntägigen Demonstra¬
tionen und Blockaden läßt der Bremer Senat das Vorhaben
fallen. - Der hier veröffentlichte Text weicht in einigen
Passagen vom vorgetragenen Redetext ab; in der vorliegen¬
den Form wurde er unmittelbar nach dem Kongreß in einer
Broschüre des SDS (»Der Kampf des vietnamesischen Volkes
und die Globalstrategie des Imperialismus<) publiziert.
121
Rudi Dutschke , Josef Bachmann: zwei Briefe
Mailand, 9. Dezember 1968
Lieber J. Bachmann!
Paß auf, Du brauchst nicht nervös zu werden, lies diesen
Brief durch oder schmeiß ihn weg.
Du wolltest mich fertig machen. Aber auch, wenn Du es
geschafft hättest, hätten die herrschenden Cliquen von Kie-
singer bis zu Springer, von Barzel bis zu Thadden Dich fertig
gemacht.
Ich mache Dir einen Vorschlag:
Laß Dich nicht angreifen, greife die herrschenden Cliquen
an. Warum haben sie Dich zu einem bisher so beschissenen
Leben verdammt? f
Warum wurdest Du und wirst Du und mit Dir die
abhängigen Massen unseres Volkes ausgebeutet, wird Deine
Phantasie, wird die Möglichkeit Deiner Entwicklung zer¬
stört. Warum werden wir alle noch immer geduckt und
niedergehalten?
Für die Schweine in den herrschenden Institutionen, für die
Vertreter des Kapitals, für die Parteien und Gewerkschaften,
für die Agenten der Kriegsmaschinerie und der »Medien
gegen das Volk*, für die Parteifaschisten gegen die Massen,
die sich überall finden, dürft Ihr täglich schuften.
Die wenigen Tage der deutschen Revolution von 1918
haben die Massen den 8 Stunden-Tag erkämpft - 50 Jahre
später muß unser ganzes Volk, um sich erhalten zu können,
genau so sich quälen wie eh und je - nur in »schönerer«
unmenschlicherer Form. Die Studenten und Intellektuellen
haben bisher an Eurer Benutzung und Ausbeutung sich
beteiligt. Für uns taugen Studenten nur etwas, wenn sie
endlich wieder ins Volk gehen. Die Intellektuellen und
Künstler müssen endlich ihre auch schöpferische Phantasie
fest mit dem Leben des Volkes verbinden, bei Euch arbeiten.
Euch unterstützen, sich verändern, Euch und Dich verän¬
dern.
Was hältst Du von diesem Vorschlag ?
Ich habe viele Jahre auf dem Lande und in den Fabriken
gearbeitet. Viele von uns, die die Universität abschließen,
gehen jetzt als Gruppen in den Produktionsprozeß, um die
Revolution vorzubereiten.
Also schieß nicht auf uns, kämpfe für Dich und Deine
< Klasse. Höre auf mit den Selbstmordversuchen, der antiau¬
toritäre Sozialismus steht auch noch für Dich da.
Rudi Dutschke
P.S.: Da ich erwarte, daß Du diesen Brief nicht von den
Staatsvertretern erhältst, gebe ich ihn auch der sogenannten
Öffentlichkeit in der ganzen Welt.
Josef Bachmann
1 Berlin 21
Alt-Moabit 12a
Berlin, den 15. 1. 69
Lieber Rudi Dutschke!
Ich möchte Ihnen nun ein zweites Mal schreiben, ich weiß
nicht ob Sie meinen ersten Brief überhaubt bekommen
haben. Natürlich möchte ich mich auch für Ihren zweiten
Brief bedanken, den ich mit Begeisterung und großer Freude
erhalten habe.
Der zweite Brief über Pfro. Helmut Gollwitzer hat mir
über Sie noch einen besseren Einblick erlaubt wie bisher.
Ich möchte nochmals mein Bedauern über das ausspre¬
chen, was ich Ihnen angetan habe. Ich kann nur hoffen, daß
Sie in Ihrer Zukunft und Ihrer weiteren Laufbahn, die für Sie
ja erst anfängt, keine ernstlichen körperlichen Schäden
zurückbehalden werden.
Zur Zeit geht es mir etwas besser als wie in den ersten
Monaten, wo ich versucht habe, mit allen Mitteln aus dem
Leben zu scheiden. Ich hoffe ja, daß ich alles durchstehen
werde und für mich auch noch einmal die Sonne scheinen
wird, wenn nicht, bleibt mir noch immer Zeit, von dieser
beschissenen Erde zu verschwinden.
122
123
Meine Einstellung über unsere heutige Deutschland-Poli¬
tik ist im allgemeinen gut. Unser Wohlstand ist einer der
besten auf der Welt, jeder hat Arbeit und Brot, jeder kann frei
studieren und machen, was er will.
Nun frage ich mich, warum wird demonstriert, gegen was
wird demonstriert, warum will man die Arbeiterschaft und
unser heutiges System die Verbrecher Ulbricht und Genos¬
sen in die Hand spielen. Ich war oft in Ostberlin und habe
sehr viel Kontakt mit der Jugend aufgenommen. Ich bin
selbst vom Osten! Wenn man diese jungen Leude sprechen
hört, dann ist es kein Wunder, daß sich mein Haß gegen alles
richtet, was bolschewistich und kommunistich ist. Damit
möchte ich Sie nicht mit dazu zählen.
Ich habe vielleicht von Ihnen eine ganz verkehrte Auffas-
sun 8 gehabt. Vielleicht haben Sie gar nicht so unrecht, wenn
Sie meinen, daß unsere Ruhe und Ortnung schon etwas zu
lange anhält. Wenn ich Sie richtig verstehe und mir ein Bild
von Ihnen erlauben darf, wollen Sie und Ihre Comilitonen ein
besseres System erreichen als das heutige. Aber jetzt kommt
die Frage, was soll das sein und wie will man etwas ändern,
was gar nicht zu ändern geht, denn die breite Bevölkerungs¬
schicht fühlt sich so wohl, daß sie überhaupt nicht daran
denkt, sich etwas anderes aufschwatzen zu lassen. Solange es
dem Volk gut geht und es sich wie die Made im Speck
wohlfühlt, ist es sehr schwer, etwas besseres zu erreichen. Es
sei denn es geht bergab, und die Masse steckt bis zum Hals
im Dreck. Ich nehme ja nicht an, daß unsere heutige
Generation eine Diktatur zustreben möchte, wie es in den
Ostplock Ländern oder im 3 Reich möglich war.
Dubcek in der CSSR wollte nur ein bischen Freiheit für
sein Volk, daß von dem russischen Kommunismus brutal
undertrückt und ausgebeutet wird.
Es ist ja bekannt, daß Komminismus und Faschismus die
Menschheit versklaven und undertrücken will. Darum ist
man heute in der Bundesrepublik wachsam was sich ziemlich
links bewegt und verschidene Gruppen mit dem linken Auge
nach Osten schauen.
Hiermit möchte ich schließen wünsche Ihnen, Rudi
Dutschke, alles Gute und viel Erfolg für Ihre Zukunft.
Josef Bachmann
11. April 1968 wurde Rudi Dutschke durch drei
Revoherschüsse lebensgefährlich verletzt. Josef Bachmann,
der 24 jährige Schütze, wurde im März des folgenden Jahres
z u sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Er, der rechtsradika¬
len Kreisen nahegestanden hatte, nach Augenzeugenberich¬
ten im Gefängnis als >Sonderling< galt und mehrere Selbst¬
mord-Versuche machte, tötete sich in der Nacht vom 23. auf
den 24. Februar 1970. - Beide Briefe sind in der Originalor¬
thographie wiedergegeben.
Internationaler Vietnamkongreß, Februar 1968
124
125
Sozialdemokratischer Kommunismus, moderne
Macht und unsere Schwäche
(Aus dem Tagebuch)
I
I
T . , 5.2. 1970
Interessant war in der »Frankfurter Rundschau« ein Arti- |
j uber dle KPF > der den Aufbau und die Schwierigkeiten
der Partei beschrieb. Man konnte deutlich den Hemmschuh
der französischen Revolution »sehen«, 300 000 Mitglieder,
20 000 Zellen etc., seit Jahrzehnten Sozialdemokraten mit
»kommunistischer« Ideologie. Dieser KPF-Hemmschuh
scheint sich nicht verändert zu haben, die »Wendung« der
Parteiführung besteht darin, daß sie die diesjährige Partei- ’
konferenz m Nanterre stattfinden läßt, der Mai-»Aufstand«
wird ideologisch gewinnen - damit er umso endgültiger '
vernebelt werden kann.
Eme bestehende und seit Jahrzehnten institutionalisierte
Organisation, seit x-Jahren ohne Sammlung und Reflexion 1
von Kampferfahrungen, von der bestehenden Gesellschafts¬
formation »akzeptiert«, ist die permanente Weiterentwick- '
lung der Hemmnisse der Revolution.
Wie haben »wir« uns einer solchen Tendenz gegenüber zu
verhalten? Welche Rolle und Funktion kann und muß dieses
Hemmnis in unserem Kalkül spielen ?
Die x-fachen Erfahrungen des mißlungenen Entrismus
weisen darauf hin, daß wir ohne eine durch Kampferfahren¬
st “. f f baute »feste« Organisation jeder revolutionären
Möglichkeit hoffnungslos gegenüberstehen. Revolutionäre >
Sprung-Möglichkeiten haben wir voll auszutragen, die kapi¬
talistische Formation ist x-fach getestet worden, jeden Test
hat sie bisher mit »kluger Neuanpassung« beantwortet. \
Die tiefen Situationen des Aufstands sind nicht immer
vorhanden, nicht alles im Prozeß der Revolution kann I
»gemacht« werden, es »entsteht« oft »naturwüchsig«, es
druckt die Naturwüchsigkeit des Kapitals aus. Die Umwand- |
126 I
lung der Naturwüchsigkeit in den bewußten Akt des Auf¬
stands hebt dieselbe noch nicht auf, nähert sich aber der
vollen Ausnutzung der Möglichkeiten.
Die volle Austragung der sinnlich sichtbar gewordenen
Widersprüche ist in letzter Konsequenz nur durch die
verschiedenen konkreten Individuen in konkreten sozialen
Bedingungen möglich. Die Permanenz-Revolutionäre sind
nicht vollständig, nicht primär durch die »feste und variable«
Organisation bestimmt, sie sind durch revolutionäres Senti¬
ment, Leben unter dem Aspekt der Freiheit im Reich der
Repression tätig.
11. 2. 1970
Wie können wir uns einem »sozialdemokratischen Kom¬
munismus« gegenüber verhalten? Es ist außer jedem Zweifel,
daß die KPs der Komintern von 1919 bis 1921 einen
subversiven Motor der Entwicklung des revolutionären
Prozesses darstellten. Wir müssen 1921 als den Beginn des
Prozesses der Sozialdemokratisierung der KPs ansehen, weil
auf dem 3. Weltkongreß - durch die schon vorausgegangene
NEP in der Sowjetunion - die Entwicklung der Hemmnis-
Institution KOMINTERN eindeutig begann. Die Ideologi-
sierung des Marxismus ist als Folge dieser von Lenin
inszenierten »Wende« anzusehen. Die »Wende« allerdings
trägt einen äußerst komplizierten politischen und ökonomi¬
schen Charakter.
Bei all den ab 1921 sich anzeigenden Sozialdemokratisie¬
rungstendenzen in der KI bin ich doch der Meinung, daß ein
erfolgreicher Aufstand 1923 in Deutschland die falsche
»Wende« in der KOMINTERN und in der Sowjetunion
hätte in eine neue Richtung lenken und treiben können. Dem
allerdings kann man mit gutem Grund entgegenhalten, daß
gerade durch die Richtungsveränderung von 1921 nicht
einmal die einzelnen Parteien in der KOMINTERN noch die
für die Revolution entscheidenden Kampffähigkeiten, Orga¬
nisationsformen etc. ermöglichten.
Unsere Generation, die eigentlich nicht mehr in dieser
Tradition steht, die eigentlich wesentliche neue Erfahrungen,
Ideen und Möglichkeiten schon vorgefunden oder entwickelt
hat, ist dennoch, wie gerade der letzte KPF-Parteitag zeigt,
127
nicht »frei« vom sozialdemokratischen Instrument der KPF.
Warum? Einer der wesentlichen Gründe scheint mir zu sein
daß die antiautoritären Sozialismus-Kommunismus-Ten-
denzen noch keine konkrete Alternative zu den hemmenden
aber recht fest und sogar noch attraktiv dastehenden alten
Organisationsformen zeigen. Warum wiederum ist das der
Fall? Weil diese neue Tendenz 1. äußerst jung ist, 2.
vermeidbare Fehler, wie die Aufgabe der entscheidenden
antiimperialistischen Substanz, bisher nicht beachtete, 3.
Fehler neuerdings durch Rückgriffe auf die 20er Jahre nicht
aufgehoben, sondern nur »verschoben« werden, 4. die Dia¬
lektik zwischen Destruktion (Negation?) und Konstruktion
nicht durchgehahen wird, 5. die herrschende Klasse die
geringsten Fehler und falschen Fraktionierungen innerhalb
des Lagers äußerst geschickt und manipulativ handhabt und
6. Schulungsprogramme fast als revolutionäre Programme
verstanden werden, während ersteres ein wesentliches Mo¬
ment der gesamtgesellschaftlichen revolutionären Analyse
darstellt. Letztere ist politische Entscheidung auf der Grund¬
lage des wissenschaftlichen Sozialismus, ist aber nicht als
»Wissenschaft« mißzuverstehen.
Gretchen, Hosea Che und Rudi Dutschke (1968)
Vför waren niemals eine Studentenbewegung
(Brief über das Sektierertum)
Aarhus, den 25. 6. 71
Lieber Genosse Dieter,
Deinen Brief, den ich erst gegen Ende März in die Hand
bekam, hat mich mit tiefer roter Freude erfüllt, zeigte er doch
einen Genossen, der die dominierende Tendenz des falschen
Traditionsfetischismus und der politischen-organisatori-
schen, damit auch theoretischen Sektiererei nicht mehr
mitmachen wollte. Die antisektiererhebe Tendenz, die ge¬
genwärtig in sich noch unklar ist und eine eindeutige Minder¬
heit innerhalb des gesamten Lagers (Bloch) der Sozialisten
und Kommunisten darstellt, hat als einzige in sich revolutio¬
näre Zukunft, gerade weil es geschichtlich allein dieser
Richtung gelungen ist, objektive revolutionäre Lagen und
Prozesse zu erkennen und durch Praxis in die Hand zu
nehmen. Das Sektierertum hat eine äußerst lange Geschichte
hinter sich, - aber es ist ohne revolutionäre Zukunft.
Marx äußert sich in einem Brief an Kugelmann über das
Sektierertum: »Die Entwicklung des sozialistischen Sekten¬
wesens und die der wirklichen Arbeiterklasse stehn stets in
umgekehrtem Verhältnis. 2.) Solange die Sekten berechtigt
sind (historisch), ist die Arbeiterklasse noch unreif zu einer
selbständigen geschichtlichen Bewegung. 3.) Sobald sie zu
dieser Reife gelangt, sind alle Sekten wesentlich reaktionär.
4.) Indes wiederholt sich in der Geschichte der Internatio¬
nale, was die Geschichte überall zeigt. 5.) Das Veraltete sucht
sich innerhalb der neugewonnenen Form wiederherzustellen
und zu behaupten. «•
Solche Sätze können, wie jeder Satz in letzter Konsequenz,
sektiererisch gefaßt werden. Ein subversiver Marxismus hat
ihn, wie Marx und Engels es uns methodologisch lehrten,
geschichtlich, damit kritisch-materialistisch in die Hand zu
nehmen. Somit ist es ein nicht zu fetischisierender historheher
Satz, der aber dennoch bis zum Siege des weltweiten
129
128
befreienden Sozialismus-Kommunismus prinzipielle Rele¬
vanz in sich hat. Gehen wir von Satz zu Satz, um geschicht¬
liche Sätze als solche zu erkennen. Der erste Satz scheint
unantastbar zu sein, er war es auch, ist es aber nicht mehr
gerade weil die inhaltliche Bestimmung der »wirklichen
Arbeiterklasse« eine geschichtlich veränderte Stufe - aus
verschiedensten Gründen - erreicht hat. Wenn wir den
zweiten Satz nun vulgarisiert betrachten, so ließe sich daraus
geradezu noch eine Unvermeidlichkeit des jetzigen Sektierer¬
tums ableiten. Dem ist entgegenzuhalten, daß die deutsche
Arbeiterklasse in den 20er Jahren aus den verschiedensten
Gründen katastrophale Niederlagen erlitten hat, die im
deutschen Faschismus ihren Höhepunkt fanden. Die Spal¬
tung unseres Landes nach der Niederlage des deutschen
Imperialismus im 2. Weltkrieg erweiterte die Kampfunfähig¬
keit unserer Arbeiterklasse, wodurch die Entwicklung einer
neuen geschichtlichen Stufe der Entwicklung der Produktiv¬
kräfte etc. in der BRD für das Kapital möglich wurde. Für
einen originären Marxisten sollte es sich bei Erkenntnis dieser
geschichtlichen Tendenzen als selbstverständlich verstehen,
daß Veränderungen im Produktionsprozeß - durch Zunahme
der Relevanz von Technik und Wissenschaft u. a. m. - zu
Veränderungen in der Klassenstruktur führen, wodurch die
politische Linie des Klassenkampfes auch neu bestimmt
werden muß. Die gegen 1964 begonnene, durch die militan-
test “ Tendenzen im SDS geleitete anti-imperialistische
Aufklärung und Aktion - in vielfältiger Gestalt - zeigte
(meiner Ansicht nach unerläßlich, immer wieder darauf
hinzuweisen), daß das anti-imperialistische Lager niemals
eine »Studentenbewegung« war, sondern vielmehr eine Ge¬
samtheit von Teilen aus den verschiedensten sozialen Schich¬
ten, wobei die militante studentische Seite überwiegte. Wer
die Geschichte der BRD und West-Berlin nach dem 2.
Weltkrieg etwas kennt, weiß, daß nach dem Verbot der KPD
(und eigentlich schon vorher) das Klassenbewußtsein und der
politische Klasseninstinkt der Arbeiterklasse sich immer
mehr reduzierten, aus hier nicht weiter zu erläuternden
Gründen. Mit der anti-imperialistischen Aufklärung und
illegalen, genauer, aus Legalität in Illegalität transformierten
Demonstration Ende 64 in West-Berlin in Sachen Tschombe
130
, _ ann die mehrjährige Welle anti-imperialistischer Aufklä¬
rung Aktionen und Demonstrationen usw. Heute haben sich
die meisten Sektierer-Grüppchen darauf geeinigt, diese histo-
'sche Periode als eine »leider geschehene Phase« des »wild¬
gewordenen Kleinbürgertums« diffamieren zu können, von
den ultra-linken Opportunisten bis zu den Traditionalisten.
Es scheint mir demgegenüber mehr denn je notwendig, den
anti-sektiererischen und anti-imperialistischen Charakter
dieser unklaren, aber historisch sich so produktiv entfaltenden
Bewegung zwischen 1964 und 1968 zu betonen. Die anti¬
autoritäre Seite war die Seite des Kampfes gegen den despo¬
tischen Charakter der »Autorität des Staates«, war auch ein
unklares theoretisches Verständnis über die geschichtlich
erreichte Stufe.
Erinnern wir uns doch bloß der kleinen sozialistischen
Sekten und Elitegrüppchen - bis hin zum SDS -, wie sie sich
in der reaktionären kapitalistischen Restaurationsperiode der
BRD herausgebildet hatten. Diese Sekten verloren ihre
historische Berechtigung zwischen 1964 und 1968, gerade
weil eine neue historische Qualität sichtbar wurde, die
Qualität des globalen Imperialismus, die Unerläßlichkeit des
internationalen Kampfes (Kongo, Vietnam, Persien, Süd¬
afrika etc.). Dieser Erkenntnisprozeß hatte infolge eines
gewissen Geschichtsverlusts - zerschlagene Arbeiterklasse,
zerschlagene Kader etc. ... - viele Momente des Romantizis¬
mus und der Illusion in sich. Wer nur letzteres betont und
den qualitativen Sprung des anti-imperialistischen Kampfes
mißachtet, landet im sektiererischen Opportunismus, ob nun
rechter oder linker Variante. Es war gerade dieser anti¬
imperialistische Kampf, der besonders 1965/66 zu prinzipiel¬
len Auseinandersetzungen innerhalb des SDS führte. Die
traditionsbefangene Richtung hielt unsere Form von Praxis,
also jene Dialektik von Aufklärung und direkten Aktionen
für einen abenteuerlichen und sektiererischen Voluntaris¬
mus.
Denk doch bloß an den Höhepunkt dieser Periode, an die
Welle gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze, also
jene Wochen und Monate, in welchen die internationale
Qualität und nationale Besonderheit mannigfaltig vermittelt
wurde. Ohne Einfluß und ohne Fähigkeit verfolgte ich aus
131
dem Krankenhaus den Ablauf dieses geschichtlichen Wen-
depunktes.
Die anti-imperialistische Kampagne hatte ihren ersten
Höhepunkt in den Wochen und Monaten nach der Ermor¬
dung von Benno Ohnesorg: der Kongreß in Hannover, die
zunehmenden anti-imperialistischen Aufklärungs- und Ak¬
tionsrhythmen in der BRD begannen, die ihren erneuten
äußeren Höhepunkt in den Tagen des Vietnam-Kongresses
m West-Berlin fanden. Ca. 2 Monate später erfolgte der
Attentatsversuch und eine erneute Welle von Aufklärung
und direkten Aktionen folgte. Die meisten Genossen, beson¬
ders in der SDS-Führung, waren über das Attentat weniger
überrascht als über die so direkt und unmittelbar sichtbaren
breiten Gruppen von jungen Arbeitern und Angestellten, die
da auftauchten und in den politischen Kampf eingriffen.
Hatten sie eine religiöse Geburt, oder waren sie nicht viel
mehr prozeßartig in den anti-imperialistischen Kampagnen
>geboren< worden? '
Die erweiterten Kämpfe, erweitert in den verschiedensten
Formen, welche in diesen Wochen objektive Berechtigung
gehabt hätten, über mobilisierte Massenbasis verfügten,
wurden nicht durchgeführt! Die subjektive Seite einer objek¬
tiven historischen Lage des Klassenkampfes wurde mißach¬
tet, vernachlässigt und auf den Kopf gestellt. Und vergessen
wir nicht, in dieser kurzen Zeit zwischen Februar und Mai
1968, hatte sich die Beteiligung der Militanten von jungen
Arbeitern etc. besonders erweitert, - und das organisierte
Sektierertum, wie wir es inzwischen in vielfältiger Gestalt
vorfinden, hatte sich noch nicht gebildet, gerade weil der
anti-impenalistische, anti-sektiererische und anti-autoritäre
»Geist« des sozialistischen Motors in der BRD, des SDS,
noch nicht liquidiert war, obwohl der Anfang vom »Ende!
nicht mehr unsichtbar war.
Zwar gehörte ich auch zu den Genossen und Genossinnen
die zwischen 1963 und 1968 die nir historisch zu verste¬
hende, aber nicht zu rechtfertigende Einschätzung des fun¬
damentalen Gegensatzes von der Klassenorganisation der
R äte und der Partei hatten. Aber niemals wären meinen
Freunden und mir die selbstzerstörerischen und liquidatori¬
schen >Ideen< der Selbstauflösung des SDS in den Kopf
132
kommen, von den vielen anderen grundlegenden Dumm¬
fiten dieser SDS-Führung ganz zu schweigen. Solche
Dummheiten«, ich kann es nur wiederholen, trugen objektiv
’. en konterrevolutionären Charakter. Herbst 1969 schrieb
6 h an A. Krovoza, »daß der SDS . . . immer unfähiger wird,
die qualitativ veränderte gesellschaftliche Situation, ihre
revolutionären Möglichkeiten und Notwendigkeiten organi¬
satorisch und theoretisch zu erfassen.«
\yir, die anti-sektiererischen Elemente, müssen immer
sorgfältiger auf die Bewegungen und Veränderungen
schauen, und mögen manche auch noch so klein sein, die in
der Welt des Imperialismus und Revisionismus im allgemei¬
nen und in der BRD und West-Berlin im besonderen vor sich
^ Zu einem richtigen Zeitpunkt gilt es wieder, das schwäch¬
ste Glied zu erkennen und zuzuschlagen. Solche politischen
Schläge mit all ihren Inhalten sind nur erreichbar infolge
objektiver Möglichkeiten und subjektiver Bereitschaft der
organisierten Rebellen, die des langen Marsches der Entwick¬
lung von Revolutionären und der Durchführung der Revo¬
lution sich immer tiefer bewußt werden. Der temporäre
»Sieg« des Sektierertums kostet(e) uns Jahre, wenn wir diese
Jahre aber richtig nutzen, so würde ein Grad von Reife
entstehen in den anti-sektiererischen Richtungen, der mehr
Widerstands- und Zerstörungskraft den Sektierern gegen¬
über hatte als je zuvor.
Nehmen wir die Marxschen Sätze 3/4/5 von der ersten
Seite, der Rei/e-Begriff trägt Prozeßcharakter, von 1964 an
nahmen immer mehr rebellische Studenten und junge Arbei¬
ter, Angestellte, Schüler an den anti-imperialistischen Kam¬
pagnen teil. 1966/67 bekam die durch die Gewerkschaft etc.
entpolitisierte deutsche Arbeiterklasse » Angst* vor der »er¬
sten« Krise. Die politischen Auseinandersetzungen im Lande,
woran sie immer mehr beteiligt war durch ihr »junges Glied«,
führten im September 69 zu »wilden Streiks«, die aber noch
nicht im geringsten eine politisch kämpfende Klasse zeigten.
Eine dazu fähige Klasse entsteht aber objektiv immer
deutlicher und wird subjektiv gehemmt durch die Exi¬
stenz eines relativ breiten Lagers von sektiererisch-revisio¬
nistischen und sektiererisch-uitra-links-opportunistischen
133
Gruppchen. Einer der grundlegendsten Fehler mancher
dieser Truppchen ist auch das »Gegeneinander-Ausspielen«
T? *^ beitern * und »Studenten«. Die »proletarisierten«
»Kleinbürger«, um in ihrer Sprache zu sprechen, beseitigen
ihre langen Haare, erscheinen mit Schlips u. a. m„ um den
Arbeitern »naher« zu »kommen«; sie begreifen nicht, daß sie
s*ch von jhnen immer weiter entfernen durch solch ein
verdinglichtes Verhalten.
Den sektiererischen Gruppen in der BRD ist es doch
gerade u. a. infolge ihres historistisch auf die Arbeiterklasse
»der 20er Jahre« zugespitzten und verfestigten Denkens
nicht möglich, die neuen objektiven Möglichkeiten zu erken¬
nen und zu behandeln. Der Reifwerdungsprozeß der unter-
d^mckten Klasse war gegen 1968 noch lange nicht beendet
aber der Prozeß hatte begonnen ab 1964 und er schien
etappenmaßig sich zu erweitern. Nun werden wir durch die
verselbständigten Grüppchen gehemmt, auch die Klasse
insgesamt. Gerade das, was Marx im Satz 5 sagt, hat sich
erneut als neu zu bekämpfende »Wahrheit« erwiesen.
Mit solidarischen, anti-sektiererischen Grüßen
Rudi Dutschke
Der Empfänger dieses Briefes, Dieter Schutt, ist Herausge¬
er denn Hamburg erscheinenden Zeitschrift »Der Funke «
ie steh sehr früh schon vom entstehenden Sektenwesen
distanzierte. In der Eigenwerbung der Zeitschrift heißt es-
»tm ML-Organ ohne doppelte, Waschkraft. Kein Rotma -
134
^cb-wierigkeiten mit Lenin
(Aus dem Tagebuch, Oktober 1973)
Bin wieder in West-Berlin. Quäle mich wieder an meinem
Buch (Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen, West-Berlin
-a 7 4 ) herum, das für mich eine Abrechnung mit den 20er
Jahren sein soll. War es zuerst als eine Lukäcs-Kritik
verstanden worden, so stellt sich im Laufe der Realisierung
heraus, daß das nur möglich ist, wenn Lenin und sein
Geschichts- bzw. Wissenschaftsverständnis in den Mittel¬
punkt der ganzen Sache gestellt wird. Lukäcs hat sich nach
seinem Eintritt in die KPU kontinuierlich als Marxist in der
Theorie, Leninist in der Praxis verstanden. Alle Wendungen,
besonders auch das theoretische Rückzugsgefecht »Ge¬
schichte und Klassenbewußtsein« sind unter diesem wider¬
sprüchlichen Doppelcharakter zu verstehen. So ist natürlich
danach zu fragen, wie Lukäcs die russische Entwicklung im
allgemeinen und die Revolutionsgeschichte von 1905 und
1917 im besonderen rezipiert. Rosa Luxemburg wird da¬
durch viel weniger relevant für G. Lukäcs als es an der
Oberfläche so häufig erschien.
Indem wir Lenin-Lukäcs im individuellen, Rußland und
Ungarn im besonderen, aber die KI-Geschichte im allgemei¬
nen reflektieren, wird für uns zentral das Leninsche und
Lukäcs’sche Kapital-Verständnis auf der einen Seite und das
Verständnis der asiatischen Produktionsweise und ihrer
Geschichte auf der anderen. Unsere These ist, daß die
russische Entwicklung einen halb-asiatischen Strukturzu¬
sammenhang tragt. Etwas, was von der Tatarisierung so
wenig zu trennen ist wie von der türkischen Okkupation,
über die es zur Herausbildung eines asiatischen Grundeigen¬
tums kommt.
135
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D * !.T de, .do*TTT d o„,len ?° der «*>
nalen Einheit Deutschlands, an der Überwindung der von
den imperialistischen Westmächten im Komplott mit dem
westdeutschen Monopolkapitalismus vollzogenen Spaltung
fest. Auch der Kampf für ein einheitliches, demokratisches
und friedliches Deutschland gehört sei jeher, seit dem Wirken
von Marx und Engels, zu den guten Traditionen der revolu
tionären deutschen Arbeiterbewegung.«
Diese wirklich gute, wenn auch schwache Tradition der
revolutionären Arbeiterklasse Deutschlands, die trotz aller
Abweichungen von Teilen der Arbeiterklasse keine Tradition
SED Ho“ 0 ,? h !> UV r n n raUS dCr Bour S eoisie war, hat die
F h ' “ f s ln ihren ei S enen Reihe 'i- Daß diese
echte Erbschaft von den eindeutigen Verfechtern der Freiheit
es Kapitals (CDU-CSU) und den zweideutigen Verbesse¬
rern des Kapitalismus (SPD-FDP) nicht übernommen wer¬
den kann, ist klar.
Der Satz des Kommunistischen Manifestes, daß die Arbei
“! V».rl»d haben, daS ihnen nich , ^e™“
werden kann, was sie nicht haben, wird in der Tat solange
stimmen bis die »Unterdrückten und Beleidigten« (Ernst
- r C \ * C , P ° 1 u SC r he Und ökonomische Macht errungen
haben Solch ein befreites Land nicht zu besitzen, heißt aber
nicht, ^me eigene Geschichte zu haben. Marx und Engels
aben den dialektischen Zusammenhang von »national« und
»international« me aus dem Auge verloren: »Obgleich nicht
tZ , ü n’ 1St de - F ° rm nach der Kam P f des Proletariats
gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler.«
Die internationale Verflechtung des Kapitalverhältnisses,
damit vermittelte Herausbildung von Fraktionen der
internationalen Arbeiterklasse aus verschiedenen Ländern
(bei uns: in der BRD und Westberlin) führen zwar zu
wichtigen Modifikanonen, beseitigen aber nicht die Ge¬
schichte der nationalen Besonderheit, die Dialektik der
Ungletchzeitigkeit. Marx und Engels erkannten gerade des-
halb, weil die nationale Bourgeoisie in vielen Ländern (von
l ^ d J 1S ß P ,° len T unfahl 8 war, das nationale Problem zu
losen daß die Frage der Selbstbestimmung ein nicht zu
überspringendes Moment des nationalen Klassenkampfes im
internationalen Zusammenhang darstellt. Sie kämpften
darum gegen jene Richtung in der deutschen Sozialdemokra-
138
• die alle Formen des nationalen Kampfes als Angelegen¬
heiten der Bourgeoisie denunzierte.
Engels sagt: »Nun ist es für ein größeres Land geschicht¬
lich unmöglich, irgendwelche inneren Fragen auch nur
rnsthaft zu diskutieren, solange die nationale Unabhängig¬
keit fehlt.« Die Gebundenheit der BRD an die NATO, die
Gebundenheit der DDR an den Warschauer Pakt behindern
die internationale Entspannung und die nationale Lösung.
Der Kampf um die nationale Unabhängigkeit wird somit zu
einem elementaren Punkt des sozialistischen Kampfes.
Unsere bisherige deutsche Tragödie, die noch immer auch
eine der Niederlagen der deutschen Arbeiterklasse war, liegt
gerade darin, daß wir uns von »oben« oder von »anderen«
haben bestimmen lassen. Der Begriff der Selbstbestimmung
ist bei uns noch immer auf einem unterentwickelt gehaltenen
Niveau. Deshalb ist eine befreiende und nicht mehr reaktio¬
när verklärende Identitätsfindung mit unserem Lande bisher
so besonders schwer gewesen.
Im Prozeß des Erlernens des aufrechten Gangs in Richtung
Freiheit mit Hilfe des politischen Klassenkampfes werden
wir Sozialisten und Kommunisten es unvermeidlich lernen
müssen, das Selbstbestimmungsrecht der »deutschen Na¬
tion« sozialistisch zu konkretisieren. Ich hoffe, daß die
Genossen in der DDR dies als eine solidarische Kritik
begreifen. Solidarische Kritik ist für mich freilich immer
radikal.
139
Das wiedergewonnene Abenteuer
(Uber die Gründe der Revolte)
Kommilitoninnen und Kommilitonen, meine Damen und
Herren, Genossinnen und Genossen. Es macht schon einen
eigenartigen Eindruck, daß einer der »ehemaligen« Rebel-
len-Haupthnge der »Studentenbewegung« nun vor den heu¬
tigen Studenten von Clausthal-Zellerfeld und den zur Dis¬
kussion über die Perspektive der Kämpfe erschienenen
Oberhaupthngen der bundesrepublikanischen Studentenor-
gamsauonen eine Einleitung hält. Ganz zu schweigen davon
daß dieser Vorgang sich anläßlich des 200jährigen Bestandes
der hiesigen Uni abspielt.
^ Un ’ dle , Tafel lst voli be setzt, ich habe es gelernt, am
großen Tisch so unzweideutig zu reden wie am kleinen. Man
braucht sich nur das Festprogramm anzuschauen, dann weiß '
man, wie die führenden Kräfte in dieser Umgebung Ge¬
schichte verstehen und welchen Standpunkt sie haben. Es ist
bezeichnend, daß in der offiziellen Rückerinnerung »Berg¬
werke ausgebeutet« wurden. Von den Bergarbeitern, deren
t^ial und Leiden durch die Ausbeutung ist nirgendwo die
Rede. Vom Kaiser-Wilhelm-Schacht ist die Rede, aber nicht
von den Klassenkämpfen der Bergarbeiter. Richtig, es ist ja
alles längst vorbei - auf jeden Fall für die in den 20er Jahren
aufgegebenen Schächte und Arbeitsplätze. Und die Arbeiter,
die die Gegend zu wechseln hatten. Wenn sich aber eine Uni
ihrer eigenen Geschichte und der dabei vor sich gehenden 1
sozialen Prozesse zu erinnern versucht, so kann sich eine
solche in der BRD, die die Rebellionsperiode mitgemacht 1
hat heute nicht mehr ohne weiteres leisten, nur mit einem I
und dann noch verblendenden Auge geschichtliche Wirklich¬
keit wahrzunehmen.
An der hiesigen Uni ist es noch möglich, mit einem
eigenartigen Auge zu führen. Oder zu verführen? Allerdings
rücken die AStA-Dokumente, soweit sie mir zugänglich
waren, die Existenz alternativer Standpunkte schon aus. Der ’
, rch gegebene objektive Widerspruch und Spielraum
h darf einer politisch-aufklärerischen Mobilisierung. Ewas,
bC erfolgreich nur über die unmittelbaren und potentiellen
Interessen der Studentenschaft vor sich gehen kann. Nicht
n ch künstlichen Proletkult, der mit der realen Sinnlichkeit
der studentischen Welt nichts zu tun hat. Diese studentische
^r e j t ist noch voll von vielen Illusionen, aber von dieser
Realität hat die universitäre Aufklärung auszugehen.
Eins ist somit klar: solange Widersprüche in der eigenen
Institution, im eigenen Arbeitsfeld gegeben sind, solange
bedarf es des Kampfes um ihre Beseitigung. Jeder dieser
Kämpfe kann ein Moment der sozialen Emanzipation wer¬
den wenn er ein Glied in der Kette auf dem Wege der
organisierten Umwälzung der spätkapitalistischen Gesell¬
schaft darstellt. Das ist nur möglich im Rahmen der dialek¬
tischen Spannung von »radikaler Reform« und »sozialer
Revolution«, von »Nah-Ziel« und »Fernziel«, von »Konkre¬
tem« und »Utopischem«. Jede Fetischisierung der Reform
landet in der undurchschauten Unmittelbarkeit und muß in
sie tendenziell versumpfen. Was anderes ist die gegenwärtige
BRD? Eine CDU-CSU-Führung wäre geschichtlich noch
rückständiger. Jede Fetischisierung der Revolution, die die
Vermittlung von Reform und Revolution in der »modernen
bürgerlichen Gesellschaft« des Untergangs und Übergangs
nicht systematisch berücksichtigt für eine sozialistische Al¬
ternative, wird mit den Herrschenden zusammen unterge¬
hen. Nun, die Studentenrebellion der 60er Jahre ist tot - ohne
jeden Zweifel. Aber das Ende einer Etappe heißt nicht, daß
der Kampf um die Realisierung der Sache der sozialen
Emanzipation im Rahmen der Uni-Möglichkeiten und
Schranken nicht mehr vorhanden ist. Darum sage ich als
These zu den Studenten der zweiten Hälfte der 70er Jahre: es
lebe die Studentenbewegung, die sich ihrer verändernden
Lage, Rolle und Funktion bewußt wird, um sich an bevorste¬
henden Klassen- und Lagerkämpfen angemessen beteiligen
zu können. Denn der »Kampf geht weiter«, darüber kann
doch die gegenwärtige Situation in dieser Gesellschaft nicht
hinwegtäuschen. Werfen wir doch bloß einen Blick auf die
internationale Szenerie.
Ja, der »Kampf geht weiter« - und da gab es am Grabe von
141
140
f
i
Holger Meins kein Mißverständnis von mir. Allerdings
machte dieser isolierte Satz eine denunziative Interpretation
leicht möglich. Und wie die Geier stürzten sich diejenigen
darauf, die seit langem schon in dieser Hinsicht »hochquali¬
fiziert« sind. Jeder, der meine Publikationen und Reden nur
in etwa hat verfolgen können, der wußte, daß ich Geschichte
als Geschichte von Klassen- und Lagerkämpfen verstehe und
nicht als Geschichte von »großen Persönlichkeiten<, »großen
Entführungen^ Attentaten usw. Ist ersteres eines der Grund¬
pfeiler des Marxismus, so ist letzteres Ausdruck bürgerlicher
Denkstrukturen. Und zwar des niedergehenden Bürgertums.
Hat doch das revolutionär-aufsteigende noch dem K. Marx
den Begriff des Klassenkampfes beigebracht. So wie diejeni¬
gen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse durch Stadtgue¬
rilla-Aktionen sprengen wollen, sich primär mit den gesell¬
schaftlichen Charaktermasken, den »großen Persönlichkei¬
ten« der juristischen und politischen Maschine anlegen, ihnen
gegenüber verdinglicht fixiert sind, so glauben die herrschen¬
den Fetischisten der Sicherheit, die damit die bürgerliche
Freiheit in den Eimer gehen lassen, durch einen Monsterpro¬
zeß in einem extra geschaffenen Kafka-Gebäude allen anti-
kapitalistischen Widerstandskräften im Lande das Gruseln
beizubringen.
Aber da kann ihnen schon heute gesagt werden, daß die
verschiedenen und durchaus differenzierenden sozialisti¬
schen, kommunistischen, jungsozialistischen und junglibera¬
len Richtungen, die antikapitalistisch geworden sind, den
Prozeß gegen die isolierte RAF genau verfolgen und gegen
den juristischen Abbau demokratischer Grundelemente ra¬
dikal protestieren werden. Ohne sich im geringsten falsch zu
solidarisieren mit der RAF. Muß es uns doch mehr denn je
primär darum gehen, die reale soziale Lage im Lande, die
Sorgen, Nöte, Interessen, Bedürfnisse und Träume der
Lohnarbeiter, Lohnabhängigen, Studenten usw. zum
Grundkriterium sozialistischer Politik zu machen. In einer
Phase sozial-ökonomischer Stagnation und tendenzieller
politischer Spannung im Lande ist es von elementarer
Bedeutung, den Lernprozeß des sich weiter anbahnenden
Klassenkampfes systematisch vorzubereiten. Nicht mit Pi¬
stolen herumzuspielen, sondern sich die Waffe und Wissen-
142
schaft des Klassenkampfes als Lernprozeß in den Lohn- und
Lebenskämpfen gegen das Kapital und seine Agenten im
gesellschaftlichen Alltag anzueignen - das steht bei uns zur
Debatte.
Das Klima der Rechtswendung im Lande ist nicht zu
leugnen, aber es täuscht durch den realen Schein der Bundes¬
und Landesregierungen. Wenn wir uns die Stimmung und die
Wahlen in den Betrieben und Universitäten anschauen, so
können wir wahrscheinlich eher von einer vagen Linkswen¬
dung sprechen. In vielen Großbetrieben mehr als in Univer¬
sitäten, wo linke Sektiererei temporäre Entpolitisierung in
Teilen der Studentenschaft hervorgerufen hat.
Nun stecke ich schon in der unmittelbaren Gegenwart und
Zukunft, aber eigentlich will ich doch die zweite Hälfte der
60er Jahre kritisch reflektieren. Jeder Rückgriff auf die
Geschichte ist aber für einen kritischen Materialisten ein
Nachdenken vom Standpunkt der Gegenwart mit ihren
Tendenzen. Gegen jede Nostalgie und historische Träumerei
von »alten Zeiten« ist solch ein Denken gerichtet. Wenden
wir uns in diesem Sinne der Vergangenheit zu. Das Haupt¬
problem dabei ist, danach zu fragen, was für ein Ton, welcher
Geruch sich damals gesellschaftlich ausbreitete.
Wer sich nur daran erinnert, wie verhängnisvoll es für die
deutsche Arbeiterklasse 1918 bis 1945 war, daß die Arbeiter¬
parteien die Klasse nicht darauf vorbereitet hatten, die
Riesenmaschine der Wirtschaft in die Hand nehmen zu
können, der wird das für die Gegenwart natürlich einsehen.
Daß dabei der neue Typus der Intelligenz, die ökonomische
und technische, für den heutigen Wirtschaftsablauf an Be¬
deutung zugenommen hat, ist ohne jeden Zweifel. Ein
Prozeß, der schon in den 20er Jahren begonnen hat - in der
Gegenwart durch Industriesoziologie und Industriepsycho¬
logie ergänzt wird - wird damit die Relevanz der Arbeiter¬
klasse von mir in letzter Konsequenz bestritten? Natürlich
nicht. Das revolutionäre Subjektist durch die Veränderungen
im Arbeitsprozeß komplexer geworden. Es ist ohne die
Arbeiterklasse nicht zu denken, erschöpft sich aber weniger
denn je darin. So wie der historische Umwälzungsprozeß der
Produktion die »Relativität der Arbeit« (M. Prucha) unter
kapitalistischen Bedingungen konstituiert, so begründet er
143
I
die Relativität der Arbeiterklasse und schafft die neuen
Bündnispartner für die Negation der herrschenden Verhält-
nisse.
Die Auswirkungen dieser Vorgänge auf die unruhigen
Universitäten waren von denen, die mit der Rebellion
begannen, nur äußerst diffus wahrgenommen worden. Die
Vermittlung von Veränderungen im industriellen Arbeits¬
prozeß und Veränderungen bezüglich der gesellschaftlichen
Rolle und Funktion der Wissenschaft und Technik in den
Universitäten und technischen Hochschulen konnten von
uns nicht wirklich wahrgenommen werden. Unsere studen¬
tische Daseinslage ließ das noch gar nicht zu. Das sich
tpchnokratisierende und verwissenschaftlichende Kapital¬
verhältnis war uns noch ein Rätsel.
Was hat sich eigentlich zwischen 1963/64 und 1966/67 an
den Unis abgespielt? Zuerst muß daran erinnert werden, daß
die >Uberbelastung< durch die sich erweiternde Studenten¬
schaft einen rapiden Anfang nahm. Die End- und Nach¬
kriegsgenerationen begannen sich besonders zu melden. Das
war nicht verwunderlich, viel verwunderlicher war für viele
Studenten, daß die »große Aufstiegsperiode« für die BRD
keine einzige neue Universität gezeugt hatte. Nun ja, die
Restaurationsperiode der CDU/CSU stand dem Kapital
nahe und neue Anforderungen von seiten der Industrie waren
noch nicht direkt gestellt worden.
Die einzige Uni-Neugründung nach dem Ende des 2.
Weltkrieges war die der FU in Westberlin. Jene anti¬
kommunistisch begründete Alternative zur Humboldt-Uni
m Ost-Berlin. Wenden wir uns der FU zu. Im Kontext des
sich entfaltenden »Kalten Krieges« wurde sie finanziell und
ideologisch für lange Zeit von der US-Regierung gestützt.
Eigenartigerweise erfolgte an dieser und keiner anderen der
erste rebellische Durchbruch, War das nicht doch ein von
Ost-Berlin lanciertes Unternehmen? An platten Denunzia¬
tionen solcher Art hat es nicht gemangelt, wir werden uns
später dennoch ihnen widmen.
Auf den ersten Blick trug die Struktur der FU einen
ähnlichen Charakter wie die westdeutschen Universitäten.
Die vermeintliche Einheit von Forschung und Lehre, die
besondere Beziehung von Lehrenden und Lernenden und die
144
sogenannte »akademische Selbstverwaltung« standen im
Mittelpunkt. Waren diese Beziehungen und Verhältnisse
schon Anfang der 60er Jahre ambivalent, so gerieten sie am
Anfang der zweiten Hälfte der 60er Jahre in eine Zerrei߬
probe. Gerade infolge der Vermassung und Vereinzelung an
der Uni wurde der Mythos des Verhältnisses von Lehrenden
und Lernenden usw. transparent. Aus dem elitären Verhält¬
nis wurde ein unvermitteltes, gewissermaßen eine Verhältnis-
losigkeit. Die Professoren waren immer weniger in der Lage,
den einzelnen Studenten kommunikativ wahrzunehmen, ihm
in seinem Lernprozeß wirklich behilflich zu sein.
Was bedeutete das nun für die Studenten? Um das in etwa
beantworten zu können, ist es unerläßlich, etwas über die
soziale Daseinsgeschichte derselben zu verlieren. Der größte
Teil unserer Generation kam sozial aus dem Bildungs-,
Groß- und Kleinbürgertum. Eine Schichtung, die trotz
gewisser Modifikationen wohl auch noch gegenwärtig do¬
minierend ist. Der Anteil aus der Arbeiterklasse ist weiterhin
gering, wohl besonders wieder infolge der neuen Krisenpe¬
riode. Unsere Generation war, wie die vor uns, mit traditio¬
nellen Bildungsansprüchen in das Studium eingetrecen. Das
hätte aber allein eine Fortführung der »klassischen« deut¬
schen Universität garantieren können. Diese war aber schon
im Mülleimer der Geschichte untergegangen bzw. war direkt
dabei. Vereinzelung und Entfremdung waren in unserer
Generation nicht mehr abstrakte Begriffe, die mit der unmit¬
telbaren Wirklichkeit und Sinnlichkeit nichts zu tun hatten.
Sie drückten sie vielmehr aus. Und dennoch ist der universi¬
täre Begriff der Entfremdung nicht zu identifizieren mit der
Entfremdung, die der Arbeiter in seiner Existenz als Ware
Arbeitskraft erfährt. Wie universitäre Belastung nicht mit
einer industriellen Belastung, die über die Ausbeutung
vermittelt ist, gleichgesetzt werden darf. Die fundamentale
Differenz zwischen Arbeitern und Studenten läßt sich bis
heute noch immer über die Spaltung von primär körperlicher
Arbeit und primär geistiger Arbeit festmachen. Infolge dieser
in der bürgerlichen Gesellschaft fest gewordenen Arbeitstei¬
lung konnte sich das bürgerlich-intellektuelle Bewußtsein
der Universitäten einbilden, sich jenseits des gesellschaftli¬
chen Seins mit seinen »Ideen« zu bewegen. Dabei drückt
145
Bewußtsein nichts anderes aus als »bewußtes Sein« (Marx),
in welcher Tiefe oder Flachheit und Borniertheit auch immer.
Und dieses jeweilige »bewußte Sein« wird begründet durch
das je spezifische soziale Da-Sein.
Werfen wir einen Blick auf das Studentisch-Intellektuelle.
Dieses Da-Sein war in historischer Rekonstruktion ein
Abenteurer-Dasein, wie das des Odysseus. Odysseus war
Repräsentant des revolutionären Bürgertums im Prozeß des
untergehenden Feudalismus und des aufsteigenden Kapitalis¬
mus. Das war noch eine reine Männergeschichte. Wo zwar
die weiblichen Sirenen wie immer das Ziel der Lust sind, aber
noch als Todes- und nicht als Lebens-Figuren in Erscheinung
treten: Die Lebenssehnsucht wird als Todessehnsucht ratio¬
nalisiert. Im Epos ist es nicht von ungefähr, daß Odysseus
sich als »Hörender« und Genießender am Mastbaum fesseln
läßt, um nicht dem Gesang der Sirenen in dieser Gegend des
Meeres zu verfallen. Als er in ihre Nähe kommt, von ihnen
hört, wollte er unmittelbar in ihre Arme, um seine Träume zu
realisieren. Aber er hatte sich schon vorher 'klugerweise*
festbinden lassen. Lust und Masochismus fallen hier zusam¬
men. Ihr Schiff kann nicht zu den Sirenen fahren, »denn die
rudernden Gefährten mit Wachs in den Ohren sind taub
nicht bloß gegen die Halbgöttinnen, sondern auch gegen den
verzweifelten Schrei des Befehlshabers« (Horkheimer-
Adorno, Dialektik der Aufklärung). Die körperlichen Arbei¬
ter der bürgerlichen Urgeschichte wurden im Epos schon von
Wissen, Forschung, Hören und Lust so weit wie möglich
ausgeschaltet. Müssen sie doch gerade während der Fahrt in
der Sirenengegend in den Schiffsrumpf, der symbolisch das
spätere Fabrik-System ausdrückte. Interessant ist, daß der
damalige Befehlshaber des Schiffes als einziger mit »verzwei¬
feltem Schrei« bei den Halbgöttinnen landet. Was ist das
anderes als der Untergang des Feudalismus und der Aufbau
der widersprüchlichen Einheit von geistiger und körperlicher
Arbeit, während des Anfangs des Kapitalismus?
Nun ist der Kapitalismus schon seit langem nicht mehr am
Anfang, er wiederholt noch immer sein Ende. Es ist aber das
Ende - und nichts anderes. Und gerade am Ende sind immer
Momente des Anfangs zu finden. Das odysseische Dasein des
Abenteuertums schien schon längst vorbei zu sein, als es
146
»plötzlich* wieder auftauchte. Und in einer ganz neuen
historischen Situation. Damit meine ich die Studentenrevolte
in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Wie das Kapitalverhält-
n is die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit
vorangetrieben hatte, so begann dasselbe in seiner »rationa¬
len« Naturwüchsigkeit an die Auflösung und Neubestim¬
mung der Trennung heranzugehen. Und hiermit meine ich
die sich damals anbahnenden Veränderungen der inneren
Struktur und der Rolle und Funktion der Universitäten für
das gesamtgesellschaftliche Kapitalinteresse. Die »erste Ge¬
neration der >Hochschulrevolte* «, um mit Peter Brückner zu
sprechen, war in ein nicht durchschautes Doppelspiel hinein¬
geraten. Die neuen Ansprüche des technokratisch-wissen¬
schaftlichen Kapitalverhältnisses an die Uni, an die Studen¬
ten, an die Wissenschaft als Produktivkraft usw. fielen
langfristig durchaus mit der studentischen Rebellion gegen
die Ordinarienhierarchien objektiv zusammen. War damit
die Rebellion schon seit Beginn ein grundlegender Fehler?
Natürlich nicht.
Die Jahrhunderte andauernde Ghettoisierung der Uni
hatte bis in die Gegenwart durchgehalten. Wie konnte das
durch eine isolierte Rebellion mit gesamtgesellschaftlichem
Geplänkel in kurzer Zeit anders werden? Diese Etappe war
ein erster tiefer Anschlag, konnte aber niemals siegreich sein.
Die eigene soziale Lage der Studenten, ihr Interessenspek¬
trum und die Gesellschaftsstruktur im allgemeinen verhin¬
derten, und verhindern trotz mancher Modifikationen noch
heute eine echte Einheit von körperlicher und geistiger
Arbeit, von Arbeitern und Studenten.
Anläßlich der 200-Jahr-Feier der Technischen Universität
Clausthal-Zellerfeld 1975 hielt Rudi Dutschke diese Rede, die
hier gekürzt wiedergegeben ist. - »Der Kampf geht weiter«:
diesen Satz sagte Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins.
Meins war am 9. November 1974 in der Strafanstalt Witt-
lich/Eifel an Entkräftung gestorben - nach achtwöchigem
Hungerstreik, dem dritten der Gefangenen aus der >Roten
Armee Fraktion'. Obwohl für Meins Lebensgefahr bestand,
unternahmen die Anstaltsärzte nichts.
147
Sozialistische Tragödien bewältigen!
Erinnerung
Ist aus der Oktoberrevolution in den Jahren und den
Jahrzehnten danach durch die Niederlage und Tragödie der
internationalen Arbeiterklasse und durch die realen Vor¬
gänge in der UdSSR eine Komödie, eine Farce von »proleta¬
rischer Revolution« geworden? Kann man nicht inzwischen
von einem hemmenden Relikt, vom »Betrug des Jahrhun¬
derts« (Glucksmann) sprechen? Machen wir es uns nicht zu
einfach. Dennoch darf uns nichts daran hindern, in der
Etappe der Sühne , um mit Tolstoj zu sprechen, in der Etappe
der begonnenen Renaissance des kritischen Materialismus
und der Klassenkämpfe der Arbeiterklasse mit ihren neuen
Verbündeten gerade die SU genauestens zu analysieren. War
es schon am Ende der 20er Jahre und erst recht in der Mitte
der 30er Jahre problematisch, die SU als »Vaterland aller
Werktätigen« zu begreifen, so ist es eine traurige Komödie
-wenn die DKP-Führung in unseren Tagen »ungebrochen«’
die »Führung der KPdSU« preist und gleichzeitig vernebelnd
»von einem freiwilligen internationalen Kampfbund von
Gleichgesinnten« spricht. Die italienischen, spanischen und
französischen Kommunisten wissen schon, warum sie den
Führungsanspruch der KPdSU strikt ablehnen und die
kompromißlerischen, an die KPdSU bindenden Taktik-
Vorschläge der SED bezüglich eines Treffens der kommuni¬
stischen Parteien bisher ablehnten.
Zum Verhältnis von Idealismus und Materialismus
Es ist erschreckend und beschämend, aber wahr, daß
konservative, bzw. reformerische Idealisten wie Solscheni-
zyn und Sacharow an Wirklichkeitserfassung der SU-Ver¬
hältnisse zwischen den 30er Jahren und der Gegenwart mehr
zu bieten haben, als die »Materialisten« der KPdSU, der DKP
etc. Wären die kritischen Materialisten ohne die Arbeit von
148
A. Medwedew »Die Wahrheit ist unsere Stärke«, so
üßten wir uns davor hüten, ohne Selbstkritik auch nur ein
Wort zu sagen. Die Kraft und Stärke dieser politisch-histo¬
rischen Arbeit über die Entstehung und die Geschichte des
halbasiatischen Staats-Sozialismus der Repression und Un¬
terdrückung (»Stalinismus«), die nach der Analyse von
Trotzki über »Die verratene Revolution« der erste wesentli¬
che materialistische Beitrag ist, gibt uns trotz so mancher
sozial-ökonomischen und begrifflichen Unklarheit die wich¬
tigsten Grundelemente, um das Buch von Sacharow ange¬
messen würdigen und kritisieren zu können. Man vergleiche
bloß die Ausführungen in Sachen NKWD-Isolationshaft
US w. bei Sacharow und die so wichtige Dokumentation von
»amnesty international« über die Lage der Gefangenen in der
SU mit der Medwedew-Analyse über die sich deformierende
Oktoberrevolution, über den sich durchsetzenden »großrus¬
sischen Chauvinismus« mit Unterdrückung der nationalen
Minoritäten. Die tiefe Ähnlichkeit und Kontinuität ist fatal.
Auf der anderen Seite wäre es ein großer Fehler, die
historisch-spezifischen Differenzen unbeachtet zu lassen. Ich
stimme mit meinem Freund Heinz Brandt in den breitesten
Zusammenhängen und Einschätzungen überein. Allerdings
meine ich, daß Sacharow nicht nur erschrocken wäre, ein
Sozialist genannt zu werden, er ist keiner. Warum nicht? Die
soziale Emanzipation der »Unterdrückten und Beleidigten«
(E. Bloch) mißachtet nicht die Erbschaft der bürgerlichen
Revolution, der sozialistische Standpunkt erschöpft sich aber
nicht darin. Sacharow fordert in seinem Lande radikale
menschliche Rechte für die Lehrer, Mediziner, Intellektuel¬
len, Arbeiter, Alten usw., aber das Verhältnis von Kapitalis¬
mus und Sozialismus ist für ihn entschieden: den Weg
Amerikas gehen. Dadurch werden die Forderungen der
Erbschaft der bürgerlichen Revolution, die jedem Sozialisten
und Kommunisten verflucht viel wert sein müßten, in die
falsche Richtung getrieben. Diese problematische Abwei¬
chung des Bürgerrechtlers in einem Lande ohne bürgerliche
Erbschaft kann uns aber nicht daran hindern, seine Gesell¬
schafts-Phänomenologie der SU ernst zu nehmen: »Verzwei¬
felte Menschen belagern die großen Wartezimmer der hohen
Beamten und Funktionäre, von wo viele von ihnen - beson-
149
ders die Zudringlichen - geradewegs in psychiatrische Klini¬
ken abgeführt werden.« »Amnesty international« legt kon¬
krete Aussagen von Gefangenen vor, aus besonderen Ner¬
venheilanstalten, die offensichtlich die Aufgabe haben, jedes
politische Oppositionselement eliminieren zu können, die
menschliche Persönlichkeit insofern zu zerbrechen. Daneben
wird in dieser Dokumentation der sexuelle Sadismus der
Behandlung von vermeintlichen »Irren« durch NKWD-Me-
diziner und Knechte deutlich. Und darüber muß sich die
DKP-Führung im besonderen äußern.
Kritisch-materialistischer Kampf um die konkrete Wahrheit,
und sei das Resultat noch so dreckig
Um die Kontinuität und Differenz der Mißachtung, der
Verhöhnung von Menschenrechten in der SU historisch
angemessen einordnen zu können, müssen wir den bisher
eigentlichen Höhepunkt (1937 - 38) der Negation von
Menschenrechten und sozialistisch-kommunistischer Be¬
freiung deutlich machen, Sacharows Buch kann über Med-
wedew klarer werden: »Ein NKWD-Oberst zwang jeden
Gefangenen, der zum Verhör gebracht wurde, gleich ein mit
seinem Urin gefülltes Glas leerzutrinken. Weigerte sich der
Gefangene, wurde er gleich an Ort und Stelle getötet. Suren
Gasarin berichtet, was Soso Buachidse widerfuhr, dem
Kommandeur einer Georgischen Division und Sohn eines
Helden der Revolution. Als er die verlangte Aussage nicht
machen wollte, schnitt man ihm den Leib auf und warf ihn
sterbend in die Zelle.« Oder der Parteifunktionär Drobinskij
sagte: »Es war Ljubowitsch, Altbolschewik, stellvertretender
Vorsitzender im Rate der Volkskommissare der Republik.
Vorsitzender vom Gosplan. Er hatte der ersten, von Lenin
gebildeten Regierung angehört. . .
Nun lag er hier auf dem Boden, man prügelte ihn mit
Gummischläuchen, und er, ein 60 Jahre alter Mann, schrie
>Mama!< « Noch eins: »S. O. Sasarian berichtet, der georgi¬
sche Kommunist David Bagration sei fünfzehn Nächte
hintereinander gefoltert worden, ehe er zusammenbrach und
unterschrieb. I. R. Alexachim erzählt, daß ein Funktionär aus
dem Volkskommissariat für Schwerindustrie einige Monate
150
V
aushielt. Doch als man ihn allein in eine Zelle warf, in der
Wass er stand und wo es von Ratten wimmelte, trommelte er
a n die Tür und schrie: »Barbaren! Schreibt was ihr wollt< und
Unterzeichnete.«
Medwedew geht so weit zu sagen: »Es ist ein grausiges
paradox, daß die in der UdSSR lebenden westdeutschen
Kommunisten starben, während die meisten jener, die 1937
- 1938 in den Kerkern ihrer Heimatländer saßen, am Leben
blieben.« Hoffentlich wird ihm nun nicht unterstellt, den
deutschen Faschismus etc. zu verteidigen. Eine Frage sei
gestattet: hätte Lenin, der 1922 von der »halbasiatischen
Ruhmlosigkeit« im Lande sprach, die Übernahme der »alten
Staatsmaschine« zaristischer Tradition beklagte, zum »gigan¬
tischen Widerstand« gegen die bürokratische Maschine auf-
rief, die Jahre 1937/38 als höchsten Stand der Kulturentwick¬
lung Rußlands bestimmt?
Der Altbolschewik A. W. Snegow schrieb in einem
»Offenen Brief an MaoTse-tung«: »Inden 17 Jahren, die ich
in Stalins Lagern und Gefängnissen verbrachte, ist mir kein
einziger Konterrevolutionär vor Augen gekommen.« War er
blind gewesen? Oder ist die Verblendetheit der Angespro¬
chenen in reale politische Blindheit umgeschlagen? Ich habe
keinen Grund, einem Alt-Bolschewiken mit 17jähriger sinn¬
licher Erfahrung zu mißtrauen, ich habe vielen Grund und
genug Erfahrungen, um den DKP- und KPD (Jung)- und
KPD-ML-Führungen zu mißtrauen. Durch Methoden der
Verklärung, Halbwahrheit und Lüge wird die Widerstands¬
kraft gegen die herrschenden Verhältnisse nicht gestärkt,
sondern unterminiert. Darin lag die regressive Stärke der
repressiven Maschine unter der Führung von Stalin. Durch
den 20. Parteitag kam es drei Jahre nach dem Tod von Stalin
zu gewissen, wenn auch sehr beschränkten Klärungen über
i die Terror-Perioden und die Liquidation von Hunderttau¬
senden von Arbeitern, Bauern, Intellektuellen, Kommuni¬
sten usw. Eine volle Offenlegung der konkreten Wahrheit
war offensichtlich nicht möglich, die ganze Führungsma¬
schine hätte gewissermaßen durch proletarische Justiz ver¬
urteilt werden müssen. Bis hin zu Chruschtschow. Und wo
wäre eine proletarische Justiz gewesen? Nirgendwo!
' Wenn eine Arbeiterklasse jahrzehntelang entmündigt
151
wurde, so bedarf es des Prozesses der Wiedergewinnung VOn
Geschichts- und Klassenbewußtsein in der Arbeiten»«!“
bedarf es eines neuen Verhältnisses zwischen ArbeiterkW’
und Arbeiterpartei. Es galt die systematisierte Lüge ab"?
bauen und sich der Wahrheit endlich wieder zu nähern £
ko mp Uzierter Prozeß, besonders in einem Lande, in wekht
die Bolschewiki es me erreichten, die Parteimaschine von Z
Staatsmaschine zu sepaneren, um mit Hilfe der Arbeiter und
Bauern die Staatsmaschine tendenziell unter Kontrolle 2u
bekommen und am tendenziellen Absterben des Staats zu
Stellen wir die Frage: können aus nicht stattgefundenen
sch? 8 T n r dle Verbrecher in Staats- und Parteima-
, e S e S en die Interessen der Werktätigen Mut Vertrauen
Aktivität der Massen entstehen? Ohne Prozesse JdSndl’
tige, nicht erpreßte Selbstkritik wird es keinen wirklichen
Zl wl t De ?°- P * neita '« ™ ein ^schritt Z
Un üZ d Z t BreSchnew J, St , hinter th » »*ht zurückgefal¬
len und das ist was wert , bleibt aber hinter dem Gang des
internationalen Sozialismus und Kommunismus zurück Ist
tt dTZZ de ? ! ' C dabd - diG Halbtli
kr ten W T T“ ZU Überlassen und in der kon¬
kreten Wahrheit die politische Möglichkeit zu sehen die
eSrnm “ d Ab - be ™S cler Massel Zu
Sacharow klingt einsichtig: »Obwohl die Lautsprecher
daß er der H™ T S ° w J etJScben Bürger einhämmern,
vöL dJi '-lTu Z nS S ° be S re * ft dieser doch
olhg, daß die wirklichen Herren des Landes jene sind, die
morgens und abends in gepanzerten, schwarzen Limousinen
urch ausgestorbene und abgesperrte Straßen dahinjagen Er
hat nicht vergessen . . . Großvater entkulakisiert. . . entei?
L T m WClß ’ daß aucb heme noch sein persönliches
Schicksal volkg vom Staat abhängt, von unmittelbaren oder
mi teuren Vorgesetzten ... und möglicherweise von dem
S D?] ?, ^ arbeitenden Informanten des
KGB « Daß den Werktätigen unter solchen Bedingungen die
.Wahlen ohne Wahl, eine Erniedrigung sind, eine EntpoT
g verursachen - ist das so wenig einsichtig? Sacharow
nennt es eine »Verhöhnung des gesunden Menschenverstan-
152
d der menschlichen Würde. Und doch: er wird
deS Un rt und er läßt sich dressieren, um zu leben.« Als ich
dosiert, ^ der Leninsche Satz vom »asiatischen
uf d - e Persönlichkeit« durch den Zarismus in Erin-
Hohn au ^ eine Kontinuität, aber erst recht eine
Nur diejenigen, die die historischen Wellen der
LA.*« „ .9. und 20 J.huhunden
Ut verfolgt haben, können davon quatschen, daß die
JJrieen Verhältnisse in der SU schlimmer sind als zur Zen
^ Zarismus. Wie auf der anderen Seite die Kontinuität der
Knechtschaftsverhältnisse in diesem Lande, den »Hohn auf
die Persönlichkeit« nur diejenigen mißachten können, die
Jeder die revolutionären Sprengungen dieses Hohns, noch
die Metamorphosen der alten Scheiße in höherer Form nach
der Erniedrigung und Zerstörung der Ziele der Revolution
nicht sehen wollen. Solschenizyn und Sacharow haben diese
revolutionären Durchbrechungen des Hohns nie gesehen
oder anerkannt, vertrauen darum fälschlicherweise auf einen
amerikanischen Weg. Und begreifen nicht, wie die Zerset¬
zung der Menschenrechte in den größten Teilen der Welt
täglich vor sich geht, und Amerika beileibe nicht ausgeschlos¬
sen ist. Heinz Brandt weist richtigerweise auf den Satz hm:
Die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Wenn es
nun aber seit Jahrzehnten keine Internationale der Arbeiter¬
klasse mehr gibt, wenn diese Klasse und Kommunisten und
Sozialisten verschiedenen Typus keine Einheit der Brüder¬
lichkeit- Schwesterlichkeit darstellen, wie sollen dann die
Menschenrechte besser abgesichert werden? Daran zu arbei¬
ten ist unsere Aufgabe, die Spaltung der Arbeiterklasse zu
durchbrechen ist unerläßlich. Aber nicht über den »guten
Willen«, sondern durch schwere Erfahrungen in den Klas-
tpr- und Laeerkämofen wird das vor sich gehen können.
Ein Wort zum Verhältnis von Frieden und Krieg
Ein Krieg in Mitteleuropa würde uns mit Sicherheit
diesbezüglich in die Eiszeit zurückwerfen. Und nun komme
ich zu einem besonders heiklen Punkt des Sacharow-Buches.
»Es gibt keinen Zweifel daran, daß wir nicht die höchste
Arbeitsproduktivität der Welt haben; es besteht nicht einmal
153
die Aussicht, in absehbarer Zeit die entwickelten kapitale
chen Lander einzuholen. Was wir haben, ist eine dauert
Militarisierung der Wirtschaft, in einem Ausmaß, das (ü
Friedenszeiten unerhört hoch, für die Bevölkerung schw
2U tr , ag ? n . und für die Welt gefährlich ist.« Ist Sacharow
: .n Anhänger der KPCH ? Aus dem Buch ist es Jch^I
Er sagt eigentlich nur etwas, was Brecht als kritischer
Materialist und Schüler von Karl Korsch vor dem Angriff d es
deutschen Faschismus auf die SU so formulierte: »Durch die
JT 8 1St , daS ™ ssische Proletariat notwendigerweise
schwer zuruckgeworfen worden.« Sozialistische Produktion
Wenn *d ^ gcgenubcr wic Jesus und der Teufel
Zn Gründl Ir"”’ Und 3US besonders uneinsichti-
Odef? d * S ° bklbt vom Sozia]i ™ schwer was übrig.
Es ist ein makabrer Witz, wenn die KPdSU-Fühmng von
von 4 o/ eigerU u g der , Scbwer - und Rüstungsindustrie für 1976
von 4 A spricht und die Konsumgütererhöhung mit 2 7 %
abgefertigt wird. All das reicht aber nicht a5s, der SU
™ Wenn
Strauß und Dregger wieder an die Hebel der Macht kämen
wäre ich mir der Gefahren von denen und deren Kapital-
Agenten viel sicherer. Daß die SU für die Sozialisten und
Kommunisten m Westeuropa dennoch ein gefährlicher
Sname“ T r ‘ ^ FÜW dGr K ~nistischen Partd
Spaniens der Genosse Carrillo, mal so formuliert: »Wenn die
tahemschen Kommunisten in die Regienmg eintreten, wenn
n Spanien die Linke vorankommt, wenn in Portugal die
Konterrevolution scheitert, dann wird ganz Westeuropa zum
Schluß?! dCr Weltarbelterbew egung.« Und eine seiner
Schlußfolgerungen ist: »Wir können nicht ignorieren daß
dlß die Volk d m \ SOrgC bet T htCt WlVd ' • ' Kein Z^fel,
tl; * Volksdemokratien mehr und mehr auf die europä¬
ischen Sozialismus-Modelle blicken werden.« P
Das ist weitblickend und realistisch, bedarf aber von
Etappe zu Etappe der besonderen Analyse. Die Bemerkun¬
gen über Kriegsgefahren will Ich aber hier erst mal abbrechen
und nach den erfolgreichen oder dahinvegetierenden Ver-
andlungen über Abrüstung in Mitteleuropa sollten die
154
pn un d Kommunisten das Verhältnis von Frieden
So fi l !- e£ nicht mehr so abtun wie gegenwärtig. Ohne jemals
U n den Vaterlandsverteidigungsbetrug zu gehen.
Verschiedene Tendenzen in SU und DDR
u riht z B sich gegenüberstehende Tendenzen der SU
j S R in der DDR- Der KGB-Chef Andropow sagte:
n er Westen schiebt uns bourgeoise Ideen unter und ver-
’ D f t kapitalistische Sitten und Bräuche in unser Milieu
SUC führen « Dagegen sagt »Literaturnaja Gaseta« (Litera-
“H^itung) die wichtige Kraft der (offiziellen) Ohnmacht
a Intelligenz, Über den »demokratischen Pluralismus« in
Portugal »Licht am Ende des Tunnels«. Wie sehr sich das auf
sowjetischen Verhältnisse bezieht, kann nur ein Idiot
••Hersehen. Wie diesbezüglich die offizielle Macht-Linie ist,
U ete uns die DDR vor kurzem im Radio: »Pluralistische
Demokratie ist nichts anderes als Kapitalismus.« Die »Frei¬
heit des Andersdenkenden« (Rosa L.) darf also offensichtlic
noch immer nicht nach vorne kommen, muß noch immer
denunziert werden.
Aber die fast vollbrachte Zulassung einer Reise des Genos¬
sen Wolf Biermann nach Offenbach zu einer anti-frankisti-
schen Veranstaltung und die vor kurzem erfolgte Veröffent¬
lichung der Erzählung des Genossen Volker Braun m »Sinn
und Form«, die »Unvollendete Geschichte«, weisen darauf
hin daß die demokratischen Elemente sozialistisch-kommu¬
nistischen Typus innerhalb und außerhalb der KPdSU und
der SED an Widerstandskraft gewonnen haben, - ohne diese
kleinen Punkte im geringsten hochzujubeln. Dazu gibt es
keinen Grund. Volker Braun läßt aber nicht umsonst die
Karin in seinem Text über das Buch von Plenzdorf sagen, an
den Kern des Problems für den Menschen in der DDR ist er
nicht vorgestoßen, an ihn vorstoßen, beinhaltet nämlich
einen inneren Riß durchzumachen. Es kommt zu dem
eigenartigen Telefongespräch zwischen Karin und ihrer
Mutter. Der Bruch zwischen Vater und Tochter, der Bruch
zwischen Parteimitglied und Oppositionellem wird aufheb¬
bar: Karins Mutter sagte, »der Vater sei eben wieder losge¬
gangen, in die Kneipe, wo er mit allen möglichen Leuten sitze
4 r e
und sich unterhalte ... Es sei mit ihm was Vorgehen
luei* T SlC W1SSe nicht > was noc h aUes werde Er
zu «was fah lg , was sich keiner denkt.« Die Stasi der d5
ithe O ClfUhrUng U e d Viek Mit S Keder u "d die außenS’
hche Opposition stehen in Diskussion darüber
D S' Ch d “ h ‘ er erzähIe? Ga « 2 einfach. Weber von d er
. . ' Fuhrun g hat vor wenigen Wochen in äußerst °
ziativer Weise die Genossen Havemann
Burgerrechtler Sacharow als Einheit und ohne SSID?
ferenzierung zu Agenten des Kapitals ernannt und schall '
beleidigt. Ems war aber daran richtig, er hat die veicS
3e^ S,tl ° n f Einhek geSChen - Muß das a bcr nichj
gerade für uns m der BRD und West-Berlin bedeuten in,
Rahmen einer Diskussion über die SU und Sacharow d
Diskussion über die DDR, Biermann, Havemann Brau'
usw nicht aus dem Auge zu verlieren? Und die Elbe ist un”
durchaus näher als die Wolga. uns
Mit diesem Text beteiligte sieb Rudi Dutschke an einer
Diskussion über den Fall des sowjetischen Dissidenten AndZ
Sacharow, die sich über mehrere Nummern der Zeitschn t
>das da, erstreckte. Das Buch Sacharows, das im Text
WeltT^WknlmLZ^^Gh” * MeinLandundd *
Rudi und Polly Dutschke, im Garten der Gollwiczers (1972)
>
■ lnte rnaüonalisierung der >Stammheime<
P * f dem Pfingstkongreß des »Sozialistischen Büros«,
( junfl^ inFrankfUrt)
i i „ Phantasie, fast Phantasterei, viel Träumerei und
Un konkret-utopischer Real-Traum sind in so manchen
* en ‘? n zu hören gewesen. Darum scheint es mir notwen-
ßeitragenzu^ Rahmen der objektiven Möglichkeit
d L SZ s U enhaft überschreitenden Schwung in den realen Dreck
pbrasenha Tendenzen zurückzukehren. Um
überhaupt^ennessen zu können, was die konkrete Negation
^DrtntTatbnaü^er'ung der Stammheime der Repres-
• des Versuchs der Brechung von Widerstand m so vielen
Ta * mTt verschiedenen gesellschaftlichen Namen ist so
deuttch wie die Schwäche der internationalen Solidarität.
Tanz zu schweigen von dem extrem unterentwickelten
Klassenkampf auf deutschem Boden. Stellen wir uns die
Frage: ist nach denVerträgen von Helsinki, den Erklarungen
der herrschenden Regierungen in den einzelnen Landern eine
Zunahme der realen und nicht formalen Beachtung der
Menschenrechte spärber geworden? Ist d,e Enup»n»ng
gewachsen oder kann eher von einer tendenziellen Zunahme
der Spannung die Rede sein? Amnesty international hat
gewissermaßen schon eine Antwort auf diese Fragen gege
ben Eine Zunahme und nicht Abnahme der vollen Anerken¬
nung der Menschenrechte wird konstatiert. »Erst kommt das
Fressen und dann die Moral«, diese Brechtsche Unterschei¬
dung ist so nicht mehr zu halten, besonders nicht in Landern
in welchen eine herrschaftlich konstituierte »Armut des
Geistes« die traditionelle Armut schon längst überwunden
hat bzw durch traditionelle Armut (Arbeitslosigkeit usw )
ergänzt wird. Zwar haben sich Marx und Engels voller Spot
und Hohn über die bürgerliche Moral ausgelassen, abe die
proletarische Moral des Menschenrechts, welches durch
Klassenkampf und Solidarität zu erkämpfen sei, me aus dem
157
Auge verloren: »Die Internationale erkämpft das
recht.« Weder die erste, noch die zweir« 7 a a • nsc he«.
tionale sind in dieser Hinsicht wirk!' h ,7) rute Interna.
das Prohlem und die Aufgabe bleibt'bestfhef 61
DaseinslagTckrMenschen^’n Tn ^ SitU . ati ° n ’
anders läßt sich der GraH n ^ngnissen. Nirgendwo
eindeutiger fassen r S“«ahlichen E„„°cU„„g
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»internationale Öffentlichkeit« in’dVr WesT 7 ’V“
langst wieder «beruhigt. Wir h u Ü West 'Zone schon
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der eigentliche Vertreter d n ° cket slcil aufspielen darf als
diesem Lande. Nachdem zf.T dem ,° kratische " Rechte in
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£ und sagen.-
Bischofs Frenz die Laie " , AuSWeisun S des deutschen
wird weiter gestöhnt fließr ^ In den Gef ängnissen
gefeiten, wifd a ts g^n Z* '^ ******
andere Formen von Wide ' a rCV ° UtIonare ’ zivile oder
“ k «” ki« und her, rs r»“ U " d d>Sibt
Bündnispolitik betreibt, ob die DDK £“d ”"i T““' 1 “'
Junta Kupfer kauft ob in d* n j , der Fernsehen
Pinochet-Anhänger'seine D *" ^ , esWekr ein chilenischer
kiesen Fällen J ld di " IT" ^ h *“
-Füßen getreten und nai t Solidarität mit den
Bundeswehr erhebt keinen'^ 7"' ! . Ucres ^ en untergeordnet. Die
anderen ist das aber der Fall V l” Ans P ruc B, bei den
immer, sozialistische öffentlichem urt^W 7,^7" 3Uch
SrirDmek7atie B z e u St einfrF le ’ “ 'j
^ndVerneb^^
158
Höhepunkt, wenn ein Vertreter des US-Imperialismus
elI Rockefeller - hier im Lande von der »amerikanischen
' m0 jiraüe« und vom »sowjetischen Imperialismus« redet.
tj gekehrt der selbsternannte Marschall Breschnew von der
sozialistischen Demokratie in der Sowjet-Union« spricht,
* - t der anderen Supermacht primär zusammenarbeitet und
'ekundar diese kritisiert, ln diesem systematischen Durch¬
einander sich als Sozialist und Kommunist revolutionär-
demokratischen Typus zurechtzufinden und einen der kon¬
kreten Wahrheit angemessenen Klassenstandpunkt zu bezie¬
hen, ist in der Tat nicht leicht. Von dieser schwierigen und für
die Befreiung unerläßlichen Aufgabenstellung Abstand zu
nehmen, würde bedeuten, sich mit Moskauer oder Peking-
schen Verkürzungsanalysen, mit Legitimationskategorien
zufriedenzugeben. Der linken Sektiererei mit Religions-
Struktur wären damit Tür und Tor geöffnet. Als dialektische
Materialisten, als kritische Materialisten, haben wir die
Aufgabe, den jeweils spezifischen Realgehalt der gesellschaft¬
lichen Situation des Menschen herauszuarbeiten. Dabei in
der Oberfläche steckenzubleiben, ist uns nur zu bekannt.
Auch meine Aussage über Chile ist durchaus nicht über
einzelne Punkte hinausgekommen. Aber hier mangelt es
nicht an sorgfältigen Analysen, die in deutscher Sprache
zugänglich sind.
Etwas detaillierter will ich es nun an einem anderen
exemplarischen Beispiel versuchen, es geht um Gefängnisse
in Landern des »Warschauer Paktes«. Eine gesellschaftliche
Formation, über die so manche von uns doch lieber schwei¬
gen oder als »sozialistische Ubergangsgesellschaft« hinneh¬
men bzw. über einen unkritischen Solidaritätsfetischismus
legitimieren. Wir haben in den verschiedensten Beiträgen viel
über die Unterdrückung, Beleidigung und Repression in den
»West-Zonen« gesprochen, jetzt geht es darum, die Formen
der Isolation der Opposition in den »Ost-Zonen« genauer zu
betrachten. Denjenigen, die sagen, die beiden Systeme haben
wesenhaft nichts miteinander zu tun, kann ich kurz mit G.
Lukäcs antworten: »Beide großen Systeme: Krise«. Dabei
hebt er die besondere Bedeutung des »echten Marxismus«
hervor: »als Kritik des Bestehenden«. Kritik all der Verhält¬
nisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ausgebeutetes
159
und von sich selbst entfremdetes Wesen ist. Und wenn m
nun verfoigt, was sich real in den Gefängnissen der Sujj
der CSSR mit Oppositionellen abspielt, so muß das für jed,^
frecht und nicht gekrümmt gehenden Sozialisten und
Kommunisten ein ausreichender Grund sein, um mit de
Kritik des Bestehenden nirgendwo zurückzuhalten u *
berhaupt einen Wahrheitsanspruch aufrecht erhalten 2 ?
können T* h“ , emanzi P iert gegenübertreten Zu
können. An diesem Punkt nicht einen einzigen Meter
preiszugeben der Konterrevolution im eigenen Land, gerade
um m der BRD und West-Berlin die Sozialismus? 1
wieder massenmäßig klar und unzweideutig stellen zu kön
r APO begriffen Auch wenn da ein gewisser Aufschwung
leder posmv und hoffnungsweckend feststellbar ist. Jedem
DKP-Genossen jeder DKP-Genossin, die dem Berufsverbm
untenvorfen smd, die Solidarität anheimkommen zu lassen
muß so eindeutig sein wie die Kritik, wenn dieselben
ossinnen und Genossen das Berufsverbot des Genossen
-T™?", 111 der DDR oder das Tausender in der CSSR für
DKp S F h ^ Cn ' ZU ScilWci ^ en von den Geologen der
-Führung, die die Unterdrückung von solchen Oppo¬
sitionellen und Reformkommunisten nicht nur hinnehmen
sondern nur zu schnell bereit sind, andere Positionen, die sich
mcht instrumentalisieren lassen, zu denunzieren. Man erin¬
nere sich bbß der DKP-Presseerklärung gegen Wolf Bier
mann vor einigen Monaten. (...) S g
Ud^S e R*u T teS ? 3nkhe i t<<J L die °PP° si donellen etwa in der
UdSSR unterstellt wird, bzw. der systematische Versuch
Oppositionelle zu »Geisteskranken« in Gefängnissen wer-
en zu lassen, ist nichts anderes als der Versuch der Ausschal-
ng er jungen Opposition. Jeder subversive Widerstand
soll zu brechen versucht werden. So wie Solschenizyn als
konservaüver Idealist nicht zu brechen war, so wenig gelang
das offensichtlich mit Pljuschtsch. Sich als Kommunin und
d^TaTeT O ^ Hat ^ Un$ kkre Betreibungen
der Lage der Opposition in den SU-Gefängnissen gegeben
d ? Beg v ff l~| F ° ter * Und >>Isolati °nshaft« werden den
rtigen Verhältnissen gemäß definiert: »Ganz offensichtlich
kann man als Folterung qualifizieren: die Isolierung in kalten
160
rn eine Ernährung, die einen halb verhungern läßt,
Pf’ aller medizinischen Versorgung. Unter gewissen
det Uhe kannten Isolierungsbedingungen geben die Wärter
*' oh • Tage kaltes Essen, anstatt ihnen die tägliche halbe
^ e ee ben. Schließlich werden ihnen warme »Lebens-
wenn ich sie mal so nennen darf, verabreicht«. Er
m ' tte ttelt Erfahrungen, die nicht mehr als »antikommumsti-
V ’TSchauermärchen« abgetan werden können. Besonders
SC ui darum weil nun auch westeuropäische kommumsn-
Parteien seit der Okkupation der CSSR durch die
TVuopen des »Warschauer Paktes« nicht mehr bereit sind,
Esch zuzuschauen, was sich in diesen Ländern der
U Rniderparteien« abspielt. Es würde nämlich verhängnisvoll
tf sie Zurückschlagen. Die tiefe Kluft zwischen einem
1 demokratischen Kommunismus« und einem »despotischen
Kommunismus« wird immer deutlicher. Der »Brief der
Familienangehörigen politischer Häftlinge an Präsident Hu-
sa k« vom März 1976 ist dafür ein Lehrstück. Es geht um die
- j er CSSR wegen sozialistisch-kommunistischer Tätigkeit
verurteilten Genossen Müller, Hübl, Sabata und Tesar.
Fassen wir die Lage der Gefangenen zusammen, soweit das
überhaupt hier möglich ist: Wann dürfen diese politischen
Gefangenen ihre Zellen verlassen? 1. Wenn sie mit ihren
jeweiligen kriminellen Mitgefangenen täglich für 40-50 Min.
zum »Freiluftaufenthalt« kommen; 2. Einmal innerhalb von
sieben oder zehn Tagen darf jeder für je 15 bis 30 Min. baden.
3. Einmal innerhalb von zwei Wochen in eine Zelle mit
Fernsehapparat.
Und wie ist es mit dem Besuch? Die politischen Gefange¬
nen dürfen die nächsten Verwandten im Abstand von drei
Monaten »empfangen«. . .
Was ist den Genossen - im Gegensatz zu den »Kriminel¬
len« - nicht gestattet? Es ist nicht gestattet die »Teilnahme an
Interessengruppen, Teilnahme an kulturellen Aktionen, wie
es Film-Musikvorführungen sind, Ankauf von Büchern in
einer fahrbaren Verkaufsstelle, Möglichkeit der Buchauswahl
aus der Gefängnisbibliothek, Möglichkeit der Lektüre und
des Bezugs von Zeitschriften aller Art, Teilnahme an Vortra¬
gen, praktisch tägliche Teilnahme an Fernsehvorführungen,
Teilnahme an Sportaktionen, Besuch der Kantine und Ein-
161
kauf nach Wahl, Teilnahme an der Selbstverwaltung, f reie
Zugang zum Ausgeh-Hof in gewissen Stunden, Zugang z u l
elektrischen Kocher, beispielsweise zum Teekochen Mö^
kchkeit des Studiums, beispielsweise fremder Sprachen odt
nes gewissen wissenschaftlichen Faches, freier sozial'
Kontakt mit mehreren Einzelpersonen in der Umwelt de s
Lagerlebens, geringere Arbeitsnormen.« *
Ja, Genossinnen und Genossen, ein politischer Gefangener
J.rf mch, Marx, Engel,, Lenin erhaleen.
wSu h P k Cr '“ 1 ' ct ” s ein ras!lscht!
erbuch zu bauen, Sabata ein englisches. Um ihr Gehirn
wenigstens auf d ese An und Weise anstrengen zu könnt
Beides wurde ihnen entzogen. Die einzig zugänglichen
riefe, die Famihenbriefe, unterliegen nicht nur der totalen
ontrolie, sie werden auch nur dann ausgehändigt wenn es
den Zensur-Knechten paßt. Offiziell wird gesagt- »Es wer-
den^angesichts der Möglichkeit einer doppelten Auslegung
dX'Tbef' '' U t T ne< literarische Genr « wie einige Ge
■ . ! ’ F , beln ' A pdonsmen, Sprichwörter und ähnliches
der Söhfe d Cn r ^ durfte der Brief «ner
T d Gefan S enen mit seinen Eindrücken über
»Jugend des Heinrichs IV« von Heinrich Mann den Vater
bS™' D L er ‘‘irr ? b !“ w ' bi
von 1973. »Lies Dir die >Bnefe aus dem Gefängnis« von
Gramsci durch. Aber Du solltest keine falschen Vergleiche
daraus ziehen. Ebenso nicht aus den Erinnerungen von N
Krupskaja an Lenin, wie er in der Verbannungen SiHrien
wie e ihmdieM n l S ^ RußJand<s <=hrieb und
w e ihm die Moskauer Universitätsbibliothek Auslandslite-
ratur besorgte und sie ihm in das Dorf Schuschenkskoia
noch S tr kte ' << S hab£n WrSchon mitbekommen. Es wird
noch Harer, wenn wir einen Blick auf die medizinische
Behandlung der Gefangenen werfen: »Dem kranken h£!
ng werden Antibiotika verschrieben, die er selbst einneh¬
men soll, es wird ihm jedoch ein Wecker oder eine Uhr
rE 1 ' t B p SrU u ndUnS ’ daS Zei dntervall soll er
Die Verwandten der politischen Gefangenen sagen darum
162
- hrer Dokumentation: »Es wurden raffinierte Methoden
* n 1 di e man mit der Einweisung eines gesunden Men-
#7 i n 'ein Irrenhaus vergleichen kann, die vergleichbar sind
sC . e "; ne m Wassertropfen, der regelmäßig auf den Nacken des
V* 1 urteilten fällt und den Wahnsinn hervorruft«. Es geht um
y Brechung der menschlichen Persönlichkeit, um die
Brechung des aufrechten Gangs von Sozialisten und Kom-
^Von Land zu Land unterscheiden sich die Versuche der
Herrschenden in der Brechung des politischen Widerstandes
in Nuancen und Formen, der jeweiligen gesellschaftlichen
Klassenkampflage entsprechend. Aber es geht ihnen immer
um das gleiche: eine befreiende Veränderung der gesellschaft¬
lichen Verhältnisse zu verhindern. Beim Lesen des Briefes der
Tschechoslowaken dachte ich sofort an Stammheim auf
westdeutschem Boden, wurde mir die Nicht-Identität, Ähn¬
lichkeit und Differenz durchschaubar. Ich habe immer die
RAF-Politik grundsätzlich abgelehnt, aber das hinderte mich
nie, jene Solidarität ihnen gegenüber auszudrücken, die
unerläßlich ist, um überhaupt einen Begriff von kritischer
Solidarität ernst nehmen zu können.
Zum Schluß noch ein Wort über die politischen Konse¬
quenzen, die sich aus den Verhältnissen in Ländern des
»Warschauer Paktes« für uns ergeben. Die gemeinsame
Erklärung auf der »Konferenz der kommunistischen und
Arbeiterparteien Europas« in Ost-Berlin kann nicht darüber
hinwegtäuschen, daß viel eher mit einer ideologischen Zu¬
spitzung des Konflikts zwischen dem demokratischen und
despotischen Kommunismus zu rechnen ist. Wie überhaupt
die chinesischen Kommunisten die Auseinandersetzungen in
dem bis 1968 schier geschlossenen, von Moskau bestimmten
Block der KPen mit äußerster Genauigkeit betrachten. Neue
Bündnismöglichkeiten sind da nicht auszuschließen. Die
Neue Linke muß sich darum bemühen, diese sich andeuten¬
den neuen Prozesse nicht nur wahrzunehmen, sondern nach
den Bundestagswahlen politisch-organisatorisch zudiskutie-
163
Subkultur und Partei
(Fragen der Organisierung)
Un , d ^ erwertun gschwierig.
sehen Ländern kapit3li ^
und intellektuelle Reservearmee U trc " nen '^ le '^»rieik
nächsten Jahren mit großer wZsZifuZ . '* ^
wie der historische Lwälzu^sXÄ^ S °
lich-technischen Revolution« in der Prod, W * W ? Sen l cha ^
vitat der Arbeit« (M Pruchal i ■ ^ 10n dle “Täti¬
gungen konstituiert 'so betrünX ? lt i 1S , tis . chen Bed «-
traditionellen Arbeiterklasse F ^ f *"( ^ ^ eadv ' enm g der
letzter Konsequenz. Ein niehr >r .° leta F lslenin g in
der Prozeß. Die Erweiterung der H f imAnfan 8 «^en-
verschiedensten geseilscha/tlfrh rolet ansierung i n den
Zweifel auch eine erwerW V P ^ ^ ohne
sich, die diesem erneuten fnemgen mit
folgen wollen bzw TcZ LY l ™'?.™ 1 * nicht
stellt, ist, ob gerade durch die 1 Frage ' die sich
objektive Möglichkeiten ah r ^ . a P Ita hstische Auslese neue
Entfaltung der Subjekt-; 1 .. e . natiVen ^ ase ms, cmanzipative
ben der Stalen ^me d 8eseI ^Ähen AUtagsIe-
Seicht die Existenz von cTs® TO £
Ohne zStto «fST* “ h ™ *«■!
den Fingern abzahlbaren W U menta f e ^dferenz zu den an
»-Ab,, fa „ Hi,™, 0 ° fc 8 r“
Subkultur mit ihren Versuchen der ErobTX M
nun g sozialer Selbsttätigkeit scheint m ■ - T g ’ Neu & ewm -
sein, um das Jhoble f d cr R f ausreichcnd ™
kapitalistischen UntiX t * Beft ; eiun S« ™ Rahmen der
ietf „
Sch&& -* *■*-* SÄtäsa
xo4
c a i| auf den zweiten ist natürlich der Kapitalismus
aü { jeden .*“* Ghettos in verschiedenster Form zu ermog-
fäbig> b ^ U v ee scheint mir zu sein, wo seine immanenten
liehen- D> 8 ^ e sie an gemessen sprengbar oder damit
Grenzen sm , ^ ^ hier nicht möglich, ausführlich
ürl sprengO Nur e i ns scheint mir internationa und
da rauf e>nz 8 eideutig zu sein: Solange die Rüstung keine
nat ‘°u*ffunz erfährt, ist jener Frieden, der unerläßlich ist, um
AbS df Xgsleben die soziale Befreiung zu ermöglichen
* ber m Won Vergessen wir nicht, die Bundeswehr hat nicht
ein ® 1 l U ea len subversiven Schwierigkeiten der 60er Jahre.
• rvLdc für die erneute Hinwendung von vielen Arbei-
016 Angestellten, Intellektuellen sind offenkundig, ln der
tern ’ WFtatme ist nicht nur die Verweigerung konstatierbar,
''"dem übeXegend erst einmal die Anpassung. Weiter ist
Tht zu übersehen, daß die konventionelle Rüstungssteige-
° „e neu zur Debatte steht. Wenn Dregger und Strauß ih
Sei erreichen, und ich habe die Rede von Sonthofen nicht
Z iesseti so steht uns eher ein Arbeitslager bevor, als
V6rS nmc Dörfer und Städte für emanzipative Experimente
erstattende Zeiten. Darum bedarf der ganze Komplex der
g l schen un d sozialistischen Reflexionsebene. Es ist em-
Sh nicht zu übersehen: die SPD-FDP-Koahuon hat im
Prozeß des Niedergangs der APO der 60er Jahre die
Subkultur nicht niederschlagen können und nicht wollen, ha
aber alle linkssozialistischen Strömungen bis heute mit
Mitteln und Methoden bekämpft.
Was für einen Demokratiebegriff hatten wir?
Wir wollten Demokratisierung, um die feudalen Tikte
abstreifen zu können. Die Herrschenden, erst über die Große
Koalition, dann über die Kleine vermittelt, strebten und
streben langfristig eine Techttokrausierung an, um em ,ed r
Lage »angemessenes« Krisenmanagement aufzubauen. Un
Je am Anfang der 60er Jahre vom SDS --ickehe Fede¬
rung nach »Demokratisierung der Universität Demokrati
Tmng der Gesellschaft« war beschränkt. Wie kann Demo¬
kratisierung, wenn es nicht gerade vom Feudalismus in den
Kapitalismus geht, sich ohne historisch fällige und mögliche
165
Sozialisierung vollziehen? Was heißt das schon anderes a l.
die durch Arbeit entstandenen ungeheuer großen Reicht»
mer in die eigene Hand zu nehmen: »Reich der Freiheit«, die
Lebenszeit, die konkrete Individualität und Subjektivität den
Bedingungen gemäß lernen zu entfalten und die Arbeitszeit
auf das wirklich notwendige Minimum zu reduzieren? Die
Frage des Verhältnisses von Demokratisierung und Soziali
sienmg, von Demokratie und Sozialismus sind so weder am
Anfang noch am Ende der 60er Jahre scharf gestellt worden
Wenn auch ohne Zweifel Ansätze sich weiterentwickelten
Die Schwierigkeiten lagen u. a. darin, daß die Resultate der
historischen Niederlagen der Arbeiterklasse und die theore-
t,sehen Vernehmungen nicht scharf genug analytisch und
begrifflich erarbeitet worden waren. Besonders die Existenz
einer SU ohne lebende Sowjets, die Existenz eines Come-
con-Lagcrs ohne bürgerliche und ohne proletarische Öffent¬
lichkeit erzeugt Nebel und keine Klarheit.
Wie / leht es mit dem •Modell « BRD (und DDR) inzwischen
aus?
In der Gegenwart vollzieht sich eine äußerst problemati¬
sche Rechtswendung im Lande, eine Entdemokratisierung
Verminderung bürgerlicher Rechte. Eine »zweite Restaura
tionsperiode« (O. Negt) hat begonnen. Die letzten Kommu¬
nalwahlen in Hessen mit dem erneuten Aufstieg von Dregger
haben es kenntlich gemacht. »Solidarität der Demokraten« ist
das Schlagwort der herrschenden Parteien, aber zugenom¬
mene Repression gegen alle antikapitalistischen Strömungen
Berufsverbote, strukturelle Arbeitslosigkeit usw. ist die
Realität. Die widersprüchliche und dennoch eindrucksvolle
Lmkswendung in Süd- und Westeuropa scheint wieder
werden V ° n deUtSchen R echtswendung begleitet zu
Aber dieser Blick trifft bei weitem nicht die Gesamtheit der
Tendenzen in der BRD. Gerade in der Debatte Über das
Energie-Programm der Bundesregierung, über die Anti-
Atomkraftwerke-Bewegung ist ein neuer frischer Geruch
über die BRD und West-Berlin »reingefallen«. Er ist nicht zu
überschätzen, aber ein neues republikanisches Moment der
166
» Untätigkeit des Bürgers und anderer sozialer Schichten ist
c veworden. Es ist von großer Bedeutung diese Sache und
* • lichkeit so breit wie möglich zu entfalten und zu
M ° ridieen Durch Atomkraftwerke und Atombomben wer-
T wir weder den Frieden noch das »Licht der Freiheit«
kl erreichen. An Weltkriegsplänen, an Katastrophen-
tänen mangelt es nicht. Die Ausgaben dafür sind in West
P A Ost ungeheuer. Wenn nur ein Teil dieser Summen nicht
nr die Zerstörung, sondern für den Aufbau der Welt, für die
systematische, globale Entwicklung der Sonnenenergie aus-
!Leben würde, so würden wir dem Frieden, der Freiheit, der
Demokratie und dem Sozialismus einen großen Schritt
nähergekommen sein. Den »Atomverbrechern in Ost und
West« (P Mattick) muß der politische Kampf angesagt
werden. Der Kampf um die Menschenrechte ist darum
natürlich auch Kampf um Frieden und Entmilitarisierung.
Was hat der Kampf an den Universitäten in der BRD und
West-Berlin, der Kampf gegen die technokratische Studien¬
beschränkung, die verkürzte Studienzeit und das sich neu
durchzusetzen versuchende Ordnungsrecht mit dem vorher
Gesagten zu tun? Sehr viel. Wenn der Kampf verlorengeht,
wird sich wieder das durchsetzen, was Studien über die
Atomkraftwerke, über Sonnenenergie usw., über Abrüstung,
über Monopolbranchen usw. an den Universitäten aus¬
schließt. Heute ist dafür und für das studentische Erlernen
der methodischen Voraussetzungen dafür noch ein gewisser
Spielraum vorhanden. Allerdings ist die Gegentendenz real
für jeden Studenten spürbar: »Faktenverehrung ohne Bezie¬
hungsdenken, Naturwissenschaft wesentlich zur technologi-
chen Naturausbeutung dressiert, Soziologismen ohne Ge¬
sellschaftskritik, Psychologismen ohne Psyche, Kulturge¬
schichtliches als museale Bereicherung« (J. Schumacher). Da
ist die Denkweise der Herrschenden in West und Ost
identisch. So wie Zwang und Leistungsdruck Entpolitisie¬
rung mit sich bringt in den Comecon-Ländem, so wird bei
uns versucht, die politische Kontinuität an den Ums zu
brechen, das politische Mandat in Frage zu stellen für die
Studentenorganisationen u.a.m. Hinzu kommt, daß aus den
Schulen und Oberschulen nicht mehr wie in den 60er und
Anfang der 70er Jahre ein auf soziale Emanzipation tenden-
167
ziel] oder stimmungsmäßig breit existierender junger Nach
wuchs die Universitäten aufsuchte. Das muß langfristig
schwerwiegende Auswirkungen haben. Besonders damf
wenn nicht so schnei] wie nur möglich den sektiererischen
Strömungen an den Universitäten eine linkssozialistische
Alternative in der Tradition des SDS, den heutigen Bedin¬
gungen gemäß, entgegengestellt wird. Wenn nicht daran
gearbeitet wird, die neue Lage an den Oberschulen genauer
zu durchschauen, um mit angemessener Solidarität neue
Beziehungen wieder herzustellen.
Die neue Studentengeneration muß selbständig gehen
lernen, bedarf aber der Solidarität und Kritik. Wie umge¬
kehrt. Wobei die »Alten« besonders hören lernen müssen
Wer von den »Alten« der 1. APO, »psychisch, moralisch;
politisch völlig zerrieben und verbraucht« ist, dieses Urteil
sollten wm lieber der Geschichte überlassen und nicht
großmäulig damit umgehen. Besonders die nicht, die nicht
einmal mehr fähig zu sein scheinen, an schwierigen öffentli¬
chen Diskussionen teilzunehmen. Viel lieber den Schwanz
einziehen. Die gesellschaftlichen und politischen Widersprü¬
che im Lande und auf internationaler Ebene haben einen mit
den 60er Jahren nicht zu vergleichenden Punkt erreicht
Fragen der Organisierung!
»Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts«. Diese
polemische Äußerung von E. Bernstein hätte ca. 6 Jahrzehnte
danach jedes SDS-Mitglied entschieden von sich gewiesen
Wenn es sich des historischen Kontextes bewußt gewesen
sein würde. Und zwar primär mit einer moralisch orientier¬
ten Kategorie von Sozialismus. Ohne dabei allerdings über
eine kritisch-materialistische und historische Ethik als Glied
m der Kette der »neuen Wissenschaft« (Marx), des wissen-
schaftlichen Sozialismus zu verfügen. Dennoch war die
Wiedergewinnung und Weiterentwicklung politischer Mora¬
ltat und der Wille, an der eigenen Not und der Notwendig¬
keit der persönlichen Selbstveränderung nicht vorüberzuge¬
hen, ein ungeheurer Fortschritt im linken Lager. Das Insistie¬
ren auf das Suchen nach der konkreten Wahrheit, das
prinzipielle Ablehnen des Besitzertums in der despotischen
168
Edition des bürokratischen ZK-Reiches machte es uns erst
Möglich, neue emanzipatorische Schritte denken und tun zu
SDS machte allerdings weniger einen bewußten
Cnrung von der Organisierung zur Bewegung«, wurde
Vielmehr objektiv in eine historische Lage hineingeschleu-
j rt in welcher seine Organisation sich 1968/69 aufloste.
Man muß die Frage aufwerfen, ob nicht gerade eine soziali-
frische Orientierung das Verhältnis von Organisation und
sozialer Bewegung, von Produktion und Spontaneitat neu
stellen muß. . n . .
Detlev Claussen hat völlig richtig gesagt, daß sich eine
sozialistisch orientierte politische Organisation nicht gegen
die sozialen Bewegungen abschließen darf, sie sonst nur
behindert. Die Frage, die sich dann aber stellt, heißt:
schließen sich soziale Bewegung und politische Organisation
nicht etwa doch aus? Diese Frage ist nicht formal-technisch
zu lösen, sondern allein über das Verhältnis von Inhalt und
Form, über das der Organisation zur sozialen Emanzipation
der Klassenindividualität, über innerorganisatorische Demo¬
kratie und fraktionellen Meinungskampf, über die Ermögli¬
chung oder Beschränkung des Erlernens des aufrechten
Gangs, nicht des gekrümmten Gangs. Bei letzterem ist die
»Wiederholung der alten Scheiße« schon antizipierbar.
Ich verwies auf meine strategische Einschätzung der
heutigen Lage, auf die Wichtigkeit der demokratischen
Kämpfe auf der Kommunal- und Landtagsebene, auf sich
anzeigende Gefahren.
Wie sieht es aber mit den Möglichkeiten aus? Eine schwer
zu beantwortende Frage. Eine »sozialistische Partei« aus dem
Boden zu stampfen wäre eine völlige Mißachtung von
solchen Vorgängen und ihren sektiererischen Auswirkungen.
Als ob es nicht genug Erfahrungen darüber schon gibt. In den
60er Jahren waren wir außerparlamentarisch, nicht umsonst
- aber nicht anti-parlamentarisch. Darum muß das Problem
von direkter und parlamentarischer Demokratie noch inten¬
siver diskutiert werden. Gerade in einer Zeit der Rechtswen¬
dung beginnt die Neue Linke Kommunal-, Landtagswahlen,
das Problem der parlamentarischen Demokratie zu einem
Teil wieder ernst zu nehmen. Schlimm genug das spate
169
Nachdenken, aber überfälliger denn je. D. h. aber auch dir-
realen Kräfteverhältnisse nicht mit »revolutionären« Phrasen
emzuschatzen. Der tendenzielle Auflösungsprozeß der Klei¬
nen Koalition, die tendenziell weiterhin existierende Möe
hehkeit der Trennung von CDU/CSU bzw. die nicht un¬
mögliche neue Große Koalition muß von uns sorgfältig
durchdacht werden. Eins scheint mir sicher zu sein: 1966
waren die Diskussionen mit Harry Ristock über die Große
Koalition noch kein echtes SPD-Problem. Das ist heute
schon ganz anders. Die SPD würde natürlich zwar heute
nicht gespalten werden, aber die Lage im Lande würde sich
verändern. Daß die Hoffnung von einer sozialistischen Partei
weiter wachsen wird, ist sicher, aber mit realitätsfremden
I raumereien ist sozialistische Politik und politische Phanta¬
sie nicht zu entfalten. Es bedarf in der Tat der Hoffnung
Phantasie und des Traums, um die bestehenden Verhältnisse
transzendieren zu können. Aber dieses utopische Denken
bleibt bzw. wird konkret, und darum subversiv politisch.
Die Auseinandersetzungen zwischen der SPD und den
Jusos, die Auseinandersetzungen über das Steuerpaket haben
den Zersetzungsprozeß der Koalition, die Rechtswendung
er SPD und die Stamokap-Beschränktheit in dieser Partei
gezeigt. Von der Ecke kann keine antisektiererische soziali¬
stische Partei kommen.
Eine linke Liste, die nicht durch Sektiererorganisation,
sondern durch glaubwürdige Persönlichkeiten aus den ver¬
schiedensten gesellschaftlichen Bereichen getragen würde
konnte eventuell dadurch, daß die verschleiernde Alternative
Schmidt - Strauß nicht zur Debatte steht, real-politisch te¬
sten, wieviel diejenigen in dieser Gesellschaft politisch wert
sind, die das konkrete Menschenrecht des Überlebens,
Demokratie und Sozialismus in den Mittelpunkt stellen
Es wäre gleichermaßen eine erste Möglichkeit der Vorbe-
reitung auf die nächsten Bundestagswahlen von 1980. Wie
scharf sich die internationale Lage schon innerhalb eines
eventuellen Sieges der Volksfront in Frankreich oder anderer
Anlasse zuspjtzen sollte, ist nicht abzusehen. Wenn eine linke
Liste tatsächlich über die 5-Prozent-Klausel springen
onnte wurde das eine nicht unwesentliche Bedeutung für
die Vorbereitung der nächsten Bundestagswahlen haben.
170
Polly und Rudi Dutschke, auf dem Geburtstagsfest von Helmut Gollwuzer
<1978)
Ermordetes Leben
<Im G ' < ' = " k " " *' H« be ,h Käsemann)
Nach einem gequälten, dahmveeetierrcn a ■
Sinne ausgeiebten Leben sterben 7 ° der im Weic este n
WJ en, ist schwierig g Cnu „ ^ Z “ m “ ssa ‘ °der gar 2u
sein, schon nach kufzfr zJr ^ 8*»uenhafter muß es
den Tod getrieben r u w ll° der ^ emgen Zehnten i n
Unfall, Selbstmord oder Ermn ^ ^ dUrch Kra nkheit
nsienen Gesellschaften ohne C^r' [ nden Weltweit mih ta -
dies täglich. hnC GeSclh S kei t vollzieht sich alles
i« "T
E. Levine ha, „aeh de, N ä B ' ileibt
Räterepublik vor Gericht kur^ ^J^ der Ba E ris cbe n
Erschießung, etwas formenw af T *“ ™»de n
b urg, K. Liebknecht, E Touche Be,s P lei R - Luxem-
N. Bucharin i n dem mitSow ^ Z" Deu f= hland , K.Radek
Guevara und andere in Bolivien ? Ruß,and > Che’
anderswo in solchen Augenblicke„"TZ ^ Chile Und
»Wir Kommunisten sind Tote auf lTY k^n versUc bten ;
weder das Leid und die Ou!l ^ n ^ Aber damit i st
Bitterkeit derer beseitigt di^ w is “ Betroffenen > noch die
ist. Ja, gerade dl’Z^T^ ^
-5ä£^?=
Wer war die deutsche Genossin KS„
war s le ln Argentinien? Viele T’ Und Warum
Hälfte der sechziger fahre ihr,. nCn> dle In der zweiten
Selbstveränderung S p/ 02 eß im E^dsierungs- und
nen haben und gerade in H» r ■ ■ V ° n West ’Berlm begon-
«iUche ft,^^tXrhf ,iS,iS ?“
™,ge s « n haben. Sie ge L„“,' »»<1« * nicht
S '“Vnk, d« SoztSmus“’ztm
172
deren, wie bei den meisten von uns, wurde dieser Lernpro-
e ß getragen von einem tiefen Entsetzen über die Koloniai-
lirik des US-Imperialismus in Vietnam. Desgleichen aber
^eoraet durch und von einer zunehmenden Faszination
angesichts der Kampffähigkeit des vietnamesischen Wider¬
standes gegen den amerikanischen Riesen.
jsfeben dem Blick nach Asien dominierte die Solidarität mit
den Kämpfen in Südamerika. Das war auch der Grund,
warum sie und andere Genossen und Genossinnen das Buch
»Langer Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika.
Texte von R. Debray, F. Castro, K. S. Karol und Gisela
Mandel* 1968 fertigstellten. In unserem Vorwort kritisierten
wir, auf Che Guevara zurückgreifend, die Politik der KP’s in
Lateinamerika, »die die Linie der friedlichen Koexistenz«
verfolgen, den bewaffneten Kampf ablehnen und Volksfron¬
ten bilden, in denen sie immer wieder die Führung verlieren
und zum Spielball anderer Interessen werden«. Und ließen
Marx folgen: »Die Waffe der Kritik kann die Kritik der
Waffen nicht ersetzen.« Wie problematisch und undifferen¬
ziert solche Aussage von außen gewesen sein mag, eins ist
unzweideutig: die Genossin Käsemann war seit Ende 1968
nicht mehr draußen. Nach dem schweren Zerstörungs- und
Selbstzerstörungsprozeß des SDS, dem viele der jungen
Genossinnen und Genossen oft verzweifelt zuschauten, fuhr
die Genossin im Herbst 1968 nach Chile und wenige Monate
später nach Argentinien. Dort arbeitete sie, unterbrochen
durch kurze Reisen nach Europa, nun fast ein Jahrzehnt im
argentinischen Klassenkampf. Die Unvermeidlichkeit der
»Kritik der Waffen« in dieser Klassenkampf-Zone kann nur
derjenige übersehen, der die Mitwirkung am Klassenkampf
schon aufgegeben hat, bevor er seinen aufrechten Gang
überhaupt begonnen hat. Aber was unter spezifischen Klas¬
senkampfbedingungen Sinn hat, kann woanders blanker
Unsinn sein. Das militärische Regime der letzten Jahre, nicht
ein einziges bürgerliches Recht anerkennend, alle linken
Strömungen mit allen Mitteln des militärischen Terrors
angreifend, ließ andere Widerstands- und Angriffsformen
nicht zu. Die Genossin war zwischen Marz und Mai 1977
verhaftet. Unter welchen Voraussetzungen es zur Verhaf tung
kam, ist mir nicht bekannt. Nur eines ist sicher: mit vier
173
Schüssen im Rücken wurde sie schließlich > a usgeliefert, »Auf
der Flucht erschossen«, oh, wie oft haben wir davon schon
lesen müssen! Ob von den nationalen Geheimdiensten oder
von CIA bzw. KGB, demokratisch getünchten bzw. rötlich
gefärbten Institutionen. Das letzte Wort der Geschichte der
Klassenkampfe ist da beileibe noch nicht gesprochen.
' aF dk Genossin Käsemann, andere und ich
«n Marz 1968 in Prag und konnten in der Tat vom Prager
wi, mg nech c en ’ uber dle neuesten Versuche der Arbeiter
Werktätigen Studenten und der Partei hören, die Sozialis¬
musfrage befreiend und nicht knechtend zu stellen Wenige
Monate später erfolgte die Okkupation. 8
Wo und wie die Klassenkampfbedingungen und die ange-
messenen Klassenkampfformen auch immer sein mögen
entscheidend bleibt für Sozialisten und Kommunisten, dem¬
gemäß zu leben und zu handeln. Die Genossin Käsemann ist
ein Beispiel der jüngeren Generation. Ein besonderes Beispiel
internationaler Solidarität.
Um 1975
(Aus dem Tagebuch)
16. 10. 1978
.Habe endgültig an Janssen und Genossen abgesagt. Wollte
icht mithelfen zu »vermitteln« in diesem nun wieder zuge-
11 oitzten politischen und sozialpsychologischen Generations¬
konflikt. Die schleswig-holsteinische SPD ist angenehmer den
anderen SPDlern gegenüber, zweifellos. Dennoch ist es bes-
r sich nicht instrumentalisieren zu lassen - für mich! Uber
die’ Anti-Atomkraft-, hoffentlich bald auch Anti-Atombom-
ben-Bewegung, steht Leben und Frieden zur Grunddebatte.
Seit einigen Wochen sitze ich wieder ruhig auf meinem
Stuhl, achte auf die Kinder genauer und arbeite intensiver.
Werde meinen Bahro-Beitrag noch vollenden. Ist eine
schwierige Sache. Seine Lebensgeschichte ist uns, ist mir
fremd. War früher auf der Front der herrschenden Dienst-
Dichter und Dienst-Redakteure. Die Wendung erfolgte über
die barbarische Okkupationserfahrung der CSSR durch die
Länder des »Warschauer Paktes«.
18. 11. 1978
Erneut abgelehnt: diesmal die Bahro-Veranstaltung in
Frankfurt bzw. die über »Sozialistengesetz« in Hamburg.
Hätte ganz gern mit Ernest Mandel zusammen in Hamburg
gesprochen, hielt es aber im Augenblick nicht für »entschei¬
dend« teilzunehmen - die gesellschaftliche Luft ist wieder
einmal »noch« in Vorperiode.
Die Kinder werden stärker integriert in die Hausarbeit,
halt unerläßlich. Gretchen schreibt immer wieder aus Indien.
Wie langsam in solch einer asiatischen Zone sich Veränderun¬
gen bemerkbar machen.
Die Ablehnungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen,
sind auch darum richtig, weil ich, zusammen mit Ho und Po
(Kinder von Gretchen und Rudi Dutschke) am 23. 10.
abfahren will nach Werl, um den P. P. Zahl erstmalig zu
besuchen.
175
Die Glücksmänner
(Wie sich Linke des Pariser Mai nach rechts wenden)
Wahrend Rudojf Bahro den Schlag des Pariser Mai
dre »konservativen Parteivenvalter« bejubelt säet einend
Glucksmänner mit dem Namen Levy! 2ü96«
einer der schwärzesten Daten in der Geschichte des Sozhlis-
ZZ* K ^ mir VOrstelIen - soJ J k innerlich immer
sie kann^T 11 ZZ De ' Sohnder frisischen Bourgeoi-
hsmuTld l ICh ln der sch ^den Krise des Kapita-
iismus und der permanenten Krise der Zurückgebliebenheir
d!n °™ econ ~ Lander > China etc., in der Explosionslage in
merentwickelt gehaltenen Ländern der westlichen
Herrschaftszone damn interessiert sein, neue Blöcke der
heTE” las r sen te D aSSe Undihrerneuen ^ Verbündeten entste-
vl Vr,^ »zukünftige Herr« Minerand wird
S«p5f Dt\,‘dk 8S 7° r f ‘ l “ hoch.
| P Die Kritik an den französischen Sozialisten und
Kommunisten in Parteiform muß radikal sein, aber es mi
Beleidigten V ,° m ^ lassenstand P^kt der Unterdrückten u^d
des po£en r Kla Sg ' ^ i$t die SoHdarität
wekhune von i C mP i eS geS1Chen - Die r9dikale Ab-
PanserM.E der Erbschaft des
da ral “ Kämpf '
Zu denen, die aus der Neuen Linken kommen hier der
iTnXile? Ge ^ ° hnC Z Tf d ^ Die
gnes Heller-Generation und die aus unserer Generation in
Osteuropa kannten seit langem das Geschichtsverbot lebten
abe nicht von der Geschichtslosi g keit, wie die versciieden-
ten »Kapital«-Papste in der Geschichte Westeuropas ob
nun m früheren Zeiten oder heute. Ihr Buch von 1974
Theorie der Bedürfnisse bei Marx, spiegelt und durchbricht
immer wieder jenes Geschichtsverbot, welches die Herr
sehenden auf erlegen. Es voll durchbrochen zu haben v£
mdc„ pn chhch euch inner, echeiur nir je die bc.ö'Z
176
tung von Kudolf Bahro zu sein. Andre Glucksmann
chte wie andere und ich in verschiedenster Art und
einen Geschichtsverlust loszuwerden und neu Ge-
zu rekonstruieren. Während andere dazu übergin-
Geschichtslosigkeit der »wesenslogischen« Leere zu
EEematisieren.
sy .ndre Glucksmann war es in seinem Buch von 1974
/ITchin und Menschenfresser) darum gegangen, die Gefäng-
■ e der »Zivilisation« im allgemeinen und die Straf-,
Tteits- und Konzentrationslager Rußlands im einzelnen
•h erstmalig anzuschauen, sie erst einmal zur Kenntnis zu
Ehmen entsetzt zu sein. Für einen ehemaligen maoistischen
Stalinisten in der Tat ein Fortschritt.
Warum die französischen Gefängmse des Algenenkneges
absolut keine Rolle spielten, Frantz Fanons Kritik der
französischen Intelligenz wegzuschweigen, mußte Fragen
„ nc I Zweifel dieser Arbeit gegenüber aufkommen lassen.
Kann denn ein Deutscher über die russischen Lager reden,
IZn er die deutschen wegläßt? Dennoch war sein Herange-
h e ”an die russischen Lager mit der Solschenyzm-Rezeption
der Orientierungslosigkeit nicht einfach abzutun, es traf
vielmehr einen elementaren Punkt linker Geschichtslosigkei
in Westeuropa. Dabei allerdings auf die geschichtliche Rea¬
lität miserabel verkürzende und alle Vermittlung außer Ach
lassende Art und Weise. Typischerweise das Buch von EI
Campesino, zuerst 1969 in Paris erschienen, völlig ignone-
^Mir wiederum war es 1974 darum gegangen, in der
Rekonstruktion der Marxschen Rußlandanalyse die strikte
Differenz zwischen der Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsweise in Europa und dem halbasiatischen Weg
Rußlands zu verdeutlichen. Dabei durchaus teilweise mit
Bahro, dem Autor von Die Alternative, einen Weg gehend.
Allerdings gelangte ich »zu einer recht verschiedenen Ein¬
schätzung«, wie Bahro richtig vermerkt. Das besondere und
echt Neue Hegt ja gerade beim Bahro-Buch darin, mit einem
breiteren geschichtlichen Blick die verschiedenen Themen
anzugehen. Ob seine verminderte Lenin-Krmkim Verhältnis
zu der von mir tiefer geht, muß sich erst noch erweisen,
jedenfalls ist seine Marx-Rezeption da verkürzter.
177
Wie schnell jedoch kurze, aber bedeutende sozial-struktu- ,
relle und sozial-psychologische Umbruchelemente beim
Einzelnen abbaubar sind und zu neuen Wendungen führen i
können, zeigt ein Blick auf die Pariser »Neuen Philosophen
mit altem Gestank «, auf jene Renegaten des Pariser Mai von i
1968. Nachdem A. Glucksmann 1974 völlig berechtigt {
wieder einmal überfällige Probleme in die Hand genommen
hatte, Marx noch einen »Genie-Streich« in der Analyse des I
»Geheimnisses der ursprünglichen Akkumulation« zuge- '
steht, aber einen abstrakt-obskuren »Marxismus« für alle l
Schandtaten in Rußland verantwortlich macht, konnte in ,
einer besonderen Flaute-Zeit der Neuen Linken (NL) eine |
Renegatenwendung nicht lange auf sich warten lassen. Sich
geistig und politisch-organisatorisch von jeder Nähe zur
Erbschaft der NL und der neuen sozialen Bewegung abwen¬
dend, war es nicht verwunderlich, den Pariser Glücksmän¬
nern in der typischen Darstellung des heutigen' Kulturpessi¬
mismus mit dementsprechenden Kostümen neu zu begegnen.
Die echte Begegnung wird diesmal politisch-theoretische
Konfrontation sein. Eine Pariser Bahro-Veranstaltung in i
diesem Jahr interessierte die Geschichtslosen von Paris so 1
wenig wie die Frage der sozialen Emanzipation. Sie spielten
vielmehr viel vor, durchaus noch nach den französischen
Wahlen von 1978, mit Heidegger-Klamotten vom »ur¬
sprünglichen geworfenen In-der-Welt-Sein als Unzuhause«,
im Hintergrund ihre eindeutige Rolle für die herrschenden
Verhältnisse. Die sozialen und grundlegenden Klassenkon¬
flikte gingen dabei scheinbar unter, in Wirklichkeit wurde die
Renegatenrolle vervollständigt.
Kein Wunder, in einer Zeit der schweren sozial-psycholo- 1
gischen Legitimationskrise und schwelenden sozialökono- v
mischen Krise, der Ziel- und Sinnlosigkeit des Daseins in der j
technokratisierten Struktur kapitalistischer Verhältnisse,
wird gerade in Wahlzeiten jedes mögliche Gespann an der
geistigen Front gierig aufgegriffen, um den Sozialisten und !
Kommunisten Hiebe versetzen zu können. Wenn diese
Arbeiter- und Volksparteien nicht die Fragen der Zeit, den
Sinn und die Perspektive in den Mittelpunkt stellen, den
kontinentalen Charakter der Demokratie- und Sozialismus¬
frage, wie die Rußlandfrage undeutlich lassen, dann muß die
178
Linke in der parlamentarischen oder außerparlamentarischen
Ebene Niederlagen einstecken.
In einer solchen Gekrümmtheit und Verworrenheit der
Positionen der Parteien der Volksfront hatten es die Ausstei¬
ger der NL und ihre Neuanhänger leicht, ihr richtiges
Moment von kulturpessimistischer »Wahrheit« unterzubrin¬
gen. A. Glucksmann, derjenige, der 1968 mit mir in London
über die Aktualität der »Grundrisse« diskutierte, war ein
Jahrzehnt später nicht mehr bereit und nicht mehr fähig, die
Argumente und Fragen von R. Bahro wahrzunehmen und
kritisch-solidarisch in die Diskussion zu werfen. Er sorgte so
wenig wie die KPF dafür, dieses Buch schnell in Frankreich
zu veröffentlichen. Er, der vom Elternhaus her perfekt die
deutsche Sprache spricht, setzte sich vielmehr eher an die
Bücher von Heidegger und Jünger heran, als sich mit Bahro
auseinanderzusetzen. Uber die BRD wird von ihm u. a.
polemisiert - Heidegger und Jünger geistig jedoch im Hinter¬
grund - nicht unverständlicherweise. Ist das der erste Schritt
eines französischen Wegs der Germanisierung, dem der
politisch-ökonomische folgt?
Im Boom, der kurzdenkenden Zeit mußten diese Pariser
Glücksmänner nun noch einen Höhepunkt des »Anti-
Marxismus« erreichen. A. Glucksmann vollbrachte eine
Meisterleistung: In seinem Buch »Die Meisterdenker«
schreibt er die »Zerstörung der Vernunft« von Lukäcs,
vielleicht das schlechteste Werk seines und meines Genossen
Meisters, um! Konnte es dadurch besser werden? Nun geht
es nicht von Luther über Kierkegaard und Nietzsche zu
Rosenberg und Hitler. Jetzt geht es von Fichte über Hegel,
Marx und Nietzsche, um sie dafür verantwortlich zu machen,
die KZs und GULags nicht nur nicht verhindert zu haben. Im
Gegenteil: die Fetischisierung von Staatsmacht, Sozialwis¬
senschaft und »totaler Revolution« habe erst dazu führen
können. Die Borniertheit, abstrakt-absurde Negation realer
Geschichtsprozesse erreicht hier ihren bisherigen Höhe¬
punkt der »Neuen Philosophen« des alten Kulturpessimis¬
mus.
Mit einem »Universalschlüssel« treiben es nun die Pariser,
dem Universalschlüssel der »Macht« und »Ohnmacht«, um
Geschichte von realen sozialen Widersprüchen, von Ge-
179
v
schichte überhaupt »freizumachen« - d. h. Verewigung von
GULag, von KZs und Lagern, von Kapitalverhältnissen und
Ausbeutung.
Es ist schon lustig und makaber, ein Moment von Farce ist
nicht zu übersehen. In Paris haben die »Anti-Marxisten«
einen »Sieg« errungen. M. Clavel sagt im Vorwort der
zweiten »Zerstörung der Vernunft«:
»Steher ist, daß in Frankreich, zwei Jahre nach der totalen
Vorherrschaft von Marx über Universität, Verlagswesen und
Kultur heute kein Intellektueller mit Selbstachtung mehr,
kein denkender Mensch mehr, der diesen Namen verdient,’
noch irgendeine Marxsche These verteidigt.«
Wie selbstsicher und dem Gegner gegenüber verkrampft.
Ein Bahro kann sie allein als Gefängnis-Opfer interessieren
- um ihren allgemeinen Unsinn und ihre Geschichtslosigkeit
zu legitimieren. Auf keinen Fall können die von Bahro
aufgeworfenen Fragen für sie diskussionswert sein.
Hosea Che und Rudi Dutschke, 1971 in Dänemark
Eroberung und Befreiung stehen in Widerspruch
(Aus dem Tagebuch, Ende Januar/Anfang Februar 1979)
Was für eine absurde Situation! Die Vietnamesen »befreien«
die Kambodschaner von der rotgetünchten Despotie. Aber
Eroberung und Befreiung stehen immer grundlegend im
Widerspruch!! Wie schnell eine Befreiung in Eroberung
Umschlägen kann, wissen wir aus eigener Geschichte.
Die Chinesen sind wütend. Welchen Schwach-und Wahn¬
sinn die nun machen werden?
Namens-»Kommunisten« schlagen sich die Köpfe ein. Wie
wichtig ist es zu wissen, was die Geschichte Asiens und der
asiatischen Produktionsweise ist, um überhaupt den Nebel
des Begriffs-Betrugs durchbrechen zu können. Allgemeine
Staats Sklaverei und asiatische Produktionsweise sind vonein¬
ander nicht zu trennen.
Um 1977
Nachwort ;
I
\
\
Einem etwas nachzusagen, der selber viel zu sagen hatte j
und der jetzt nicht mehr antworten kann. Es so zu sagen, daß
es nicht geschwätzig-intim und auch nicht falsch distanziert, f
nichtssagend wird. Uber einen Mythos, eine Legende, einen
Heros reden: ohne zu meinen, man kenne die Wahrheit, wisse
es besser - und ohne sich einzubilden. Legenden und Mythen '
könne man zerstören (es auch nicht wollen). Uber einen
Toten und eine Zeit, über einen umstrittenen Toten und eine
umstrittene Zeit etwas zu sagen. Uber einen, der geliebt und
gehaßt wurde, überhöht und denunziert, gerühmt und ^
verspottet; über eine Zeit auch, die geliebt und gehaßt wurde, i
die überhöht und denunziert wird.
Rudi Dutschke hat dieses Buch selbst geplant: es sollte [
theoretische und politische Texte aus den letzten 15 Jahren >
sowie, als >subjektiven< Kommentar, Auszüge aus dem
Tagebuch enthalten - politische Biographie und Material- 1
Sammlung gegen einen zunehmenden Geschichtsveriust. Das '
Buch sollte jüngere Leser über die Revolte der späten
sechziger Jahre und ihre Folgen informieren, und es sollte '
denen, die in der Revolte verwickelt waren, zu einer Erinne¬
rung, die nach vorne weist, nützlich sein. Der vorliegende
Band wurde nach Rudi Dutschkes Aufzeichnungen und 1
Entwürfen zusammengestellt; er folgt sicher nicht in allem 1
dem ursprünglichen Plan, zu etlichen Punkten gab es kaum 1
mehr als Hinweise. Wir glauben aber, im Sinne Rudi '
Dutschkes ausgewählt zu haben. (Dank an dieser Stelle an
Gretchen Dutschke-Klotz: für ihr Vertrauen und ihre Hilfe;
Dank auch an Brigitte und Helmut Gollwitzer und zahlrei-
che andere).
Rudi hat für diese Auswahl alle Themen gesammelt, die
ihm allgemein heute noch wichtig erschienen: vom >realen
Sozialismus«, aus dem er kam und den er nicht mehr wollte,
über die Studenten- und Jugendrevolte im Westen, den
Kampf gegen Springer und für ein befreites Vietnam, den
Verfall der Bewegung in Sekten mit und ohne Knarren oder
in Resignation, die neuerliche Restauration und Repression
182
j n unserer Republik, die halbasiatische und die westliche
Produktionsweise bis hin zu neuen sozialen Bewegungen,
z um Kampf gegen die Atomkraft und zu den >Grünen<. Rudi
putschke war keiner, der sich Themen und Interessen von
j en j e herrschenden Moden und Trends vorschreiben ließ;
bei aller Vielfalt der Themen und Gegenstände beweist diese
Auswahl vor allem doch eines: daß da einer, zuweilen wie
besessen, einer Frage auf der Spur war - wie ist ein Sozialismus
mit menschlichem Antlitz möglich?
Vor allem eckige, zähe und tabuierte Fragen reizten Rudi.
Letztes - auch Freundschaften riskierendes - Wagnis: die
Vermittlung von Ökologie und Sozialismus, nicht als Har¬
monisierung, sondern als Tätigkeit meinem Widerspruch. Er
begann gerade systematisch an der Ökologie-Problematik zu
arbeiten. Theoretischer (nicht nur »grüner«) und anderer
Defizite war er sich bewußt, wollte lernen, war neugierig,
hatte Ohren und nicht nur einen Mund; war beides - Agitator
und Theoretiker, einer aber, der das Buch sofort weglegte,
wenn er die Möglichkeit zu Praxis, zur Aktion sah. Er war
immer en detail informiert, schon aus Angst, eine revolutio¬
näre Situation am falschen Ort zu verpassen. Immer auf dem
Sprung sein: solche Haltung ist riskant, kann äußerlich
werden. Das wußte er. Doch nur die machen keine Fehler, die
nichts machen.
Dieses aktivistische Revolutionsverständnis, das nicht
mehr nur der objektiven Dialektik von Geschichte vertraut,
steht nicht im Widerspruch zur Utopie - wo sie konkret ist.
Konkrete Utopie: das hat gerade nichts mit paradiesischen
Nebelbildern zu tun, bedeutet vielmehr, sich nicht allzu weit
über oder unter dem zu bewegen, was die anderen bewegt.
»Wenn eine freie Gesellschaft unwahrscheinlich ist, bedarf es
umso größerer Anstrengung«: das meint nicht ein absurdes
Gegen-die-Wand-Rennen, das meint eine Haltung, die sich
entschieden über das Jetzt erhebt, die avantgardistisch und
zugleich in der Realität verwurzelt ist, die sich der Probleme
bewußt ist und dennoch das Moderierte und Kleinlaute
ablehnt. Rudi sprach von der Revolution - er konnte das
noch! - und warnte zugleich vor ihrer Fetischisierung, er war
für die Vermittlung von Reform und Revolution - seine (mit
allen Kräften mißverstandene) Parole vom »langen Marsch
183
durch die. Institutionen* war nur eine Figur dieses Denken
Sh r-h fUr t 16 ZerStÖrUng vieler Momente dieser Gesel '
chaft ,hrer Institutionen und Zwänge - er war aber gee Z
Liquidation: von Traditionen, Bewußtsein, fremder uj
gener Geschichte. Er fand einiges des »Aufhebens« wen
gerade auch in der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht gern’
mcht einfach und nicht schnell trennte er sich von Gelerntem
nd Erfahrenem. Aus dem roten Rudi z. B. war nicht einfach
ein grüner geworden. So klar er die Tragödie der Befreiung*
bewegungen in Indochina sah - die Abkehr vom Internat,®
nahsmus teilte er nicht (und wollte in den letzten Monaten
eine Polemik dagegen schreiben). Sosehr er von der Gattung
s p rach und von ihrer globalen Gefährdung heute - das, was
er über Klassen und ihre erbitterten Kämpfe wußte, hat er
Ko« t r i„Ä 8 “ P E ' k “”“ “” d «.W» i„
Rudi warf sich in Aktionen, warf sich in die Bewegung
Aber er machte nicht alles mit, spürte frühzeitig Holzwege
mied sie, warnte vor ihnen: freundlich, bestimmt, zornig’
Das war mit der Kommune so: er befürchtete narzißtische
V rse bstandigung. Mit den Befreiungsbewegungen: ihre
Glorifizierung störte ihn, er vergaß nie die vielen Toten, die
t'Irf T ete - ^ den ML - Parteicn: er kritisierte ihre
überST 1 !’ realltätS / er T K0StÜmic rung, war entsetzt
ber die Blindheit gegenüber der stalinistischen Barbarei Mit
einigen neuen Philosophen: er verachtete die greisenhafte
Resigmertheit der 30, ahn gen Veteranen. Mit denen im
bewaffneten Untergrund: er trauerte um die, die an der
Barbarei der Gesellschaft und am eigenen Haß starben. Da
wurde viel spekuliert: hätte er nicht vielleicht auch? Rudis
Haltung zum individuellen Terror war immer klar. Doch er
vergaß me daß sie alle einmal zusammengehört hatten, daß
sie einen Ausgangspunkt hatten. Es stimmt schon: er reprä¬
sentierte das Ganze der Außerparlamentarischen Opposi¬
tion, er war ihre integrative Figur (nicht ihr Führer, wie die
herrschende Dummheit es sich allein vorstellen kann) Ge¬
rade deswegen war er auch das, was für viele immer noch ein
Schimpfwort ist: Vermittler, Versöhner.
G T ht i te i bt m * chbar: dieser Satz, der inzwischen etwas
aus der Mode gekommen ist, beschreibt sehr treffend die
184
und die Zuversicht der revoltierenden Generation
Hal p "de der sechziger Jahre, der es erstmals gelungen war,
atn ete politische Verhältnisse aufzubrechen. Daß das
y e^; b i 0 ße r Voluntarismus war, machen RudiDutschkes
rnChr deutlich. Sie rufen wieder in Erinnerung, von welcher
Te j t mung damals die Entdeckung einer verschütteten revo-
■ iren Tradition war. Der Marxismus ist heute erneut
! UU ° nisiert akademisiert, stumpf geworden - Rudi Dutsch-
f Texte verweisen auf einen anderen Gebrauch marxisti-
chen Denkens; es ging nicht um Wortgefechte und theore-
■ sche Sandkastenspiele - es ging darum, die ideologischen
Shelbildungen der Nachkriegszeit zu durchbrechen und
1 Wirklichkeit als veränderbar zu begrei-
Die vorliegenden Texte widerlegen die Mär vom Aktioms-
und der Theorielosigkeit der Revolte. Was in der
Bewegung der Jahre 1966 bis 1968 zum Ausbruch kam, war
ch das Produkt einer intensiven theoretischen Anstren-
!!!ne die darauf zielte, andere Möglichkeiten sichtbar zu
machen, Chancen und Perspektiven von Widerstand zu
ermitteln. So z. B. verblüfft an den früheren Texten Rudi
Dutschkes heute zweierlei: sie entstanden aus den internen
Diskussionen winziger theoretischer Zirkel (»Subversive Ak¬
tion- dann SDS), die von keiner Bewegung und keiner
sichtbaren gesellschaftlichen Tendenz getragen waren und
die in scheinbar elitärer Zurückgezogenheit (in einer Univer-
sität vor der technokratischen Reform) eine politische Theo-
rie entwickelten, die wenig später sehr praktische Konse¬
quenzen zeitigte. Und diese Texte verblüffen zweitens durch
ihren Mut zur Globalität, zum großen Wurf: da war der
Horizont nicht durch die eigene Gruppe oder Szene gesetzt,
da gab es ein Bedürfnis nach Öffnung und Internationalis¬
mus, da war die globale Analyse nicht Abstraktion von der
eigenen Situation, sondern entschiedener Versuch, die Enge
der eigenen vier Wände zu überwinden. Heute, wo der
kleinlaute Kammerton wieder gefragt ist, gilt das für illusio¬
när; Rudi Dutschkes Texte jedoch vergegenwärtigen die
sprengende Kraft eines revolutionären Interesses, das sich
Freiheit nur als die Freiheit aller Menschen vorstellen kann,
das die objektiven geschichtlichen Prozesse analysiert, ohne
185
deterministisch zu werden, das auf der Höhe der kapitaW
sehen Entwaldung ist, ohne dem Mythos der Industrien*
Seilschaften zu verfallen. 6
Rudi Dutschke, Exponent einer Bewegung, die u.
entschieden für Egalität kämpfte, hatte selber eine besondere
Rolle: m der »Subversiven Aktion< , im SDS, in der APO
spater. Das zu leugnen, wäre verlogen. Er betonte immer
wieder, daß Geschichte nicht von (Rädels-) Führern gemacht
wird, zugleich gab es für ihn aber etwas wie »antiautori
täre Autoritäten«, wie Bloch, Gollwitzer oder Marcuse etwa
wußte er von der katalysierenden Wirkung und Faszination
von Personen in bestimmten historischen Situationen. Den
Haß auf das Individuum, den einzelnen, die Person teilte
Rudi me. Politische Revolten, soziale Bewegungen sind
immer auch, vielleicht primär, existentielle Revolten von
Menschen, Individuen, Aufbrüche, Ausbrüche aus Gefan¬
genschaften. Nicht nur kollektive Abenteuer, sondern ganz
persönliche, nicht nur Versuche, die Klasse, die Gattung, die
Menschheit zu befreien, sondern auch sich selbst. Und da
darf »Ich« gesagt werden. Rudi tat das eher zu selten. Aber
er tat es. Er hat sich verbunden, verbündet mit Leuten, aber
nicht gebunden oder binden lassen. Er war Avantgardist in
avantgardistischen Gruppen, Aufklärer. Vor allem die Texte
aus der Zeit der »Subversiven Aktiom demonstrieren dies.
Rudi wußte, daß er als Student oder linker Intellektueller zu
einer »Elite« gehörte. Aber eben zu dem Teil, der nicht mehr
elitär sein wollte: »Wir haben unsere akademische Würde
verloren - und das ist gut so«. Keine Scham, keine Angst also
privilegiert zu sein, mindestens im Kopf voraus sein zu
können, denn er wollte andere nicht penetrant, nicht gewalt¬
sam aufklären, nachziehen, aufwecken, wie es später versucht
wurde, sondern überzeugen: durch Worte, durch exempla¬
rische Aktionen. Durch das eigene Leben zu Selbsttätigkeit
ermuntern.
Jürgen Miermeister und
Thomas Schmid
186
Biographie
Rudi Dutschke wurde am 7. März 1940 in Schönfeld,
einem Dorf bei Luckenwalde in der Mark Brandenburg
el e boren, vierter Sohn eines Postbeamten und einer Hausfrau.
^Is Schüler engagiert er sich in der evangelischen »Jungen
Gemeinde«. Weil er den Wehrdienst in der Nationalen
Volksarmee verweigert, kann er, Sportler und Mehrkämpfer,
der von Olympia träumt, nicht Sportjournalismus studieren.
Er macht eine kaufmännische Lehre, pendelt ab 1960 nach
West-Berlin, wiederholt dort das Abitur, um im Westen
studieren zu können. _ . ,
Kurz vor dem Mauerbau geht Rudi Dutschke ganz in den
Westen und beginnt im November 1961 ein Soziologie-
Studium an der Freien Universität Berlin.
Ab 1963 ist er in der »Subversiven Aktion«, dann, seit 1965
zunächst als subversiver Unterwanderer, im SDS, dem
Sozialistischen Deutschen Studentenbund, politisch tätig.
Er beteiligt sich früh an antifaschistischen und antumperia-
listischen Aktionen und Demonstrationen. Sehr schnell wird
er zu einem Sprecher und zum Symbol der antiautoritären
Studenten- und Jugendrevolte, die sich nach der Erschießung
Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 zu einer breiten und
zeitweise militanten Protestbewegung ausweitet: Zeit der
APO. , _ _.
1966 heiraten Rudi Dutschke und Gretchen Klotz, im
Januar 1968 wird Hosea Che geboren.
Im Februar 1968 findet in West-Berlin der Internationale
Vietnam-Kongreß statt, Höhepunkt der Kampagne gegen
den US-Krieg in Indochina. Wenige Tage später organisiert
der Senat der Stadt eine proamerikanische Gegenkundge¬
bung - auf Plakaten steht zu lesen: »Dutschke - Volksfeind
Nr. 1<- Die Springer-Presse (und nicht nur sie) nährt ein
Klima von Lynchjustiz. Am 11. April 1968, eine Woche nach
dem Mord an Martin Luther King, schießt der 23jährige
Arbeiter Josef Bachmann Rudi nieder, verletzt ihn lebensge¬
fährlich. Es gibt weltweite Proteste, in der Bundesrepublik
die gewalttätigen Osterunruhen, in München fordern sie
zwei Tote, Springer-Autos brennen.
187
Rudi überlebt schwere Operationen; in der ersten Zeit
danach bei zu großen Strapazen gelegentliches Auftreten
leichter Epilepsie. In Italien, später in Großbritannien eignet
er sich die fast verlorene Sprache und Erinnerungsfähigkeit
wieder an.
Im November 1969 wird die Tochter Polly Nicole gebo-
ren.
Wegen »subversiver Tätigkeit weisen die regierenden
britischen Konservativen Rudi Dutschke Anfang 1971 aus -
trotz zahlreicher Appelle und Solidaritätsbekundungen. Die
Odyssee führt nach Dänemark. Das Land nimmt die Familie
bereitwillig auf, Rudi erhält einen Lehrauftrag am Institut für
Geistesgeschichte der Universität Arhus. Er beginnt Studien
über Lukäcs und Lenin. Später und neben seiner Forschungs¬
arbeit: erste Versuche, zunächst unter Pseudonymen, po-
litsch-schriftstellerisch wieder in Diskussionen einzugreifen.
1973 promoviert Rudi Dutschke an der FU Berlin mit einer
Untersuchung über Lukäcs und Lenin, 1974 erscheint die
Arbeit - »vom Akademischen ins Gemeindeutsche über¬
setzt« - bei Wagenbach. In den nächsten Jahren, stets in
unsicheren materiellen Verhältnissen lebend, ist Rudi vielfäl¬
tig unterwegs: politische Veranstaltungen, Fernsehdiskussio¬
nen, ein Projekt bei der »Deutschen Forschungsgemein¬
schaft«, linke Strategie-Diskussionen (zeitweise u.a. in Rich¬
tung einer linkssozialistischen Partei), Veröffentlichungen,
Reden auf Kongressen..
Die letzte Zeit: vor allem Interesse und Engagement in der
grünen Bewegung, aber auch andere Pläne: Bücher, Theorie¬
arbeit.
Am 24. Dezember 1979 stirbt Rudi Dutschke in Arhus
durch einen Unfall, verursacht von späten Folgen des Atten¬
tats. Das dritte Kind von Gretchen und Rudi Dutschke,
Rudi-Marek, wird am 16. April 1980 geboren.
Quellen
In diesem Verzeichnis werden nur Texte aufgeführt, die keine Erstveröffent¬
lichungen sind.
Einladung zu einer urdeutschen Met-Shuffle Erstmals abgedruckt in:
Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hsg.), Subversive Aktion. Der Sinn der
Organisation ist ihr Scheitern, Frankfurt/Main 1976, S. 148.
Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde Anschlag 1, August 1964;
erster Nachdruck in: Böckelmann, Nagel, a.a.O., S. 169-174.
Eine revolutionsreife Wirklichkeit fällt nicht vom Himmel Mit A. J. =
Alexander Joffe gezeichnet (Rudi Dutschke mußte die Streichung eines
Stiftungsstipendiums befürchten). Anschlag 1, August 1964, erster Nach¬
druck in: Böckelmann, Nagel, a.a.O., S. 190-195.
Genehmigte Demonstrationen ... Böckelmann, Nagel, a.a.O., S. 307-328.
Gekürzt.
Ausgewählte und kommentierte Bibliographie ... Erstmals gedruckt als
Sondernummer der SDS-Korrespondenz, Oktober 1966. Gekürzt.
Demokratie, Universität und Gesellschaft Erstmals in: Bemard Larsson
(Hsg.), Demonstrationen. Ein Berliner Modell, Voltaire Flugschrift Nr. 10,
West-Berlin 1967, S. 143-157.
Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivismus ... Aus: Bemward
Vesper (Hsg.), Bedingungen und Organisation des Widerstandes. Der
Kongreß in Hannover. Voltaire Flugschrift Nr. 12 , West-Berlin 1967.
Keiner Partei dürfen wir vertrauen! Gezeichnet mit A. J. Erstmals in:
Oberbaum Blatt Nr. 2, 17. Juni 1967.
Besetzt Bonn! Pardon, September 1967.
Vom ABC-Schützen zum Agenten Konkret Nr. 1, Januar 1968.
Die geschichtlichen Bedingungen ... Erstmals gedruckt ln: Der Kampf des
vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus, West-
Berlin 1968.
Wir waren niemals eine Studentenbewegung Der Funke Nr. 21, Januar
1980, S. 12-17. Gekürzt.
Pro Patria Sozi? Konkret Nr. 2, Februar 1974, S. 30.
Das wiedergewonnene Abenteuer Das da Nr. 9, September 1975.
Sozialistische Tragödien bewältigen! Das da Nr. 2, Februar 1976, S. 37-40.
Die Internationalisierung der »Stammheimc« Links, dokumentarische Son¬
dernummer (85), Februar 1977» S. 16/17.
Subkultur und Partei Das da Nr. 11, November 1977, S. 20-23.
Ermordetes Leben Chile-Nachrichten Nr. 50, I. Juli 1977, S. 7/8.
Die Glücksmänner Aus: Rudi Dutschke, Wider die Päpste. Die Schwierig¬
keiten, das Buch von Rudolf Bahro zu diskutieren, in: Ulf Woher (Hsg.),
Antworten auf Bahros Herausforderung des »realen Sozialismus«, West-
Berlin 1978, S. 210-213. Auszug.
188
189
Bildnachweis:
S. 2 und 42: Gerhard O. Stief; S. 75: Digne Meller Marcoviez; S. 125 und 128:
Eberhard Venohr; S. 156: Helga Reidemeister; S. 171: Werner Koch; S. 180:
Preben Tolstoy; S. 181: Rien Siers; Umschlag Vorderseite: Digne Meller
Marcoviez; Rückseite: Dirk Reinartz.
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LESEN SIE WEITER:
Rudi Dutschke
Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen
Über den halbasiatischen und den
westeuropäischen Weg zum Sozialismus
Dutschke schrieb diese Arbeit, die zugleich seine Disserta¬
tion ist, gegen den Hang der Linken zum politischen Tradi-
tionalismus und zur Glorifizierung autoritärer Modelle.
Allgemeines Programm. Broschur. 352 Seiten
Hannah Arendt
Israel, Palästina und der Antisemitismus
Aufsätze
Eine Sammlung mit exemplarischen Schriften der großen jü¬
dischen Denkerin zu den wichtigsten Themen ihres Werks:
Die politische Verantwortung des einzelnen, die >Banalität
des Bösen< und der Antisemitismus, Israel und Palästina.
Wagenbach: Taschenbuch 196. 128 Seiten
Carlo Ginzburg
Der Richter und der Historiker
Überlegungen zum Fall Sofri
Das Manifest eines bekannten Historikers gegen das skanda¬
löse Urteil in dem politischen Prozeß der italienischen Nach¬
kriegsgeschichte und zugleich eine Reflexion über die Arbeit
des Richters und des Historikers.
Aus dem Italienischen von Walter Kogler.
Mit einem Vorwort von Thomas Schmid.
Wagenbach: Taschenbuch 189. 128 Seiten
(erscheint im Oktober)
Roy Porter
Kleine Geschichte der Aufklärung
Ein umfassendes Portrait der europäischen Aufklärung, ihrer
wichtigsten Köpfe, ihrer Zentren, ihrer Hauptwerke - und
ihrer Folgen.
Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen
Wagenbach: Taschenbuch 192. 112 Seiten
(erscheint im Oktober)
Barbara Sichtermann
Weiblichkeit
Zur Politik des Privaten
Überlegungen zu einer neuen, durchdachten Weiblichkeit -
vom Orgasmus bis zum Kinderwunsch, vom Mädchentraum
vom edlen Ritter bis zur Erotik der Brüste.
Wagenbach: Taschenbuch 194. 12S Seiten
Dany Cohn-Bendit/Reinhard Mohr
1968 - Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozon-
loch wußte
Ein übersichtlich und leicht faßliches Geschichtsbuch über
einen - nicht nur - deutschen Ausnahmezustand, der kaum
zwei Jahre andauerte, aber Wirkungen bis heute hinterlassen
hat.
Wagenbach: Taschenbuch 161. 184 Seiten
Die Früchte der Revolte
Über die Veränderung der politischen Kultur
durch die Studentenbewegung
Dieser Band von 68ern geschrieben, wirft mit der Erfahrung
von heute einen prüfenden Blick zurück.
Mit Beiträgen von Lothar Baier, Wilfried Gottschalch, Rei-
mut Reiche, Thomas Schmid, Joscha Schmierer, Barbara
Sichtermann und Adriano Sofri.
Wagenbach: Taschenbuch 162. 160 Seiten
Lothar Baier
Volk ohne Zeit
Essay über das eilige Vaterland
Eine streitbare Bestandsaufnahme zur Lage einer rasenden,
wiedervereinigten Nation.
Wagenbach: Taschenbuch 182. 128 Seiten
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